Trauer und Restitution

Caspar David Friedrich war nie in den Alpen, einen „Watzmann“ malte er trotzdem: Über ein Bild, das sich wie wenig andere in den Wirren deutscher Geschichte verfing.

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Strahlend blau ist der Himmel, die bewaldeten Bergrücken menschenleer, und über allem thront wie eine erhabene Pyramide der schneebedeckte Berggipfel. „Der Watzmann“ ist eines der größten Bilder von Caspar David Friedrich. Auch sonst ragt es aus seinem melancholischen Repertoire heraus: Es wirkt so kalt und klar wie der Eishauch eines scharfen Mentholbonbons. In den Alpen war der 1774 in Greifswald geborene Romantiker nie. Nicht die naturgetreue Darstellung der Berchtesgadener Bergwelt lag ihm am Herzen, vielmehr schlägt er mit seinem Bild einen religiösen Ton an. Die blühenden Bergkräuter und die abgestorbenen Bäume im Vordergrund verweisen symbolisch auf die Zyklen der Natur, über denen der Berg als ewiger Gott aus Stein und Eis herrscht. Zum ersten Mal wurde Friedrichs Werk 1825 auf einer Ausstellung der Dresdner Akademie gezeigt. Die Grundlage für das zentrale Motiv bildet ein Aquarell seines Lieblingsschülers August Heinrich, der drei Jahre zuvor auf einer Reise nach Italien ums Leben gekommen war. So berühmt wie die Gemälde „Mönch am Meer“ oder „Kreidefelsen auf Rügen“ ist „Der Watzmann“ nicht, aber es ist eines der ergreifendsten Bilder von Caspar David Friedrich – erst recht, wenn man weiß, dass er damit dem jung verstorbenen Freund huldigt. Die Bekanntheit des Malers verblasste schon zu Lebzeiten. Bald zog der Zeitgeschmack die bürgerlichen Interieurs des Biedermeier den schwermütigen Landschaften der Romantik vor. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte Friedrich eine Renaissance, doch zu diesem Zeitpunkt galt der „Watzmann“ längst als verschollen. Deshalb war es eine Sensation, als im Januar 1937 ein Mann namens Martin Brunn auf Eberhard Hanfstaengl, den Direktor der Berliner Nationalgalerie, zukam, um ihm eben dieses Gemälde als Werk eines unbekannten Meisters zum Kauf anzubieten. Hanfstaengl erkannte das Bild und setzte alle Hebel in Bewegung, um es zu einem angemessenen Preis für sein Museum zu erwerben. Es sollte eine seiner letzten Akquisitionen werden. Weil er sich nicht genügend von der den Nazis verhassten Moderne distanzierte, verlor er noch im gleichen Jahr seinen Direktorenposten. 10.000 der vereinbarten 25.000 Reichsmark bewilligte Adolf Hitler, dessen Wohnsitz am Obersalzberg nur einen Steinwurf vom Watzmann entfernt war. Die Information, dass der Verkäufer jüdischer Abstammung war und die Gelder dringend für die Ausreise seiner Familie in die USA benötigte, wurde in den Museumsakten nicht vermerkt. Auch nicht, dass der Verkaufserlös als sogenannte „Judensteuer“ gleich einbehalten wurde. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Friedrichs „Watzmann“ zum Schutz vor Bombenangriffen ausgelagert und kehrte erst 1968 nach Berlin zurück, wo er zunächst in der Neuen Nationalgalerie und später im Schloss Charlottenburg zu sehen war. Elf Jahre nach der Wiedervereinigung fand das Bild wieder seinen Weg auf die Museumsinsel und schmückt seitdem den Caspar-David-Friedrich-Saal der Alten Nationalgalerie. 2003 reiste Martin Brunns mittlerweile fast 80-jähriger Sohn Albert zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder nach Deutschland. Anlass des Besuchs war die Restitution des verfolgungsbedingt verkauften Bildes. Durch die Vermittlung der Kulturstiftung der Länder fand sich die Deka-Bank als Sponsor, die es dem Museum als Dauerleihgabe überließ. Für die Verhandlungen musste das Bild noch nicht einmal von seinem Nagel genommen werden. Selten finden Restitutionsverfahren so schnell zu einem so glücklichen Ende.

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