Reisephänomen Trampen - Per Anhalter durch die Galaxis

Praktisch war das Reisen per Anhalter für niemanden. Trotzdem ist der Untergang dieser Fortbewegungsform ein Jammer. Denn aufregender wird Reisen nie wieder werden

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(picture alliance) Daumen raus und los geht's

Es ist ja nicht so, als ob das Trampen praktisch gewesen wäre. Im Gegenteil, eigentlich war es irre mühsam, für alle Beteiligten. Für die Tramper selbst, die armen Schweine, die sich stundenlang an irgendwelchen gottverlassenen Ausfahrten die Beine in den Bauch stehen und dazu noch jedes Auto bittstellerisch angrinsen mussten, mit ausgestrecktem Arm, um dann Dutzende und Aberdutzende Male nur immer wieder hämisch angehupt und im Straßenstaub stehen gelassen zu werden.

Umgekehrt stellte die Existenz der Tramper natürlich auch für ihr Gegenüber eine gewisse emotionale Belastung dar. Aus der Sicht eines Autocockpits sind Tramper so etwas wie die Obdachlosenzeitungsverkäufer der Schnellstraße. Um nicht zugeben zu müssen, dass sie einfach keine Lust haben, ihr Fahrzeuginneres für Stunden mit einem Unbekannten Schnorrer zu teilen, taten die meisten Autofahrer so, als wären die Anhalter gar nicht da: Aus schlechtem Gewissen blickten sie dann angestrengt nach links, während der sehnsuchtsvoll wartende Mensch langsam aus dem rechten Seitenspiegel verschwand.

Ob es daran liegt, dass heute scheinbar jeder Bürger über 18 sein eigenes Kraftfahrzeug zu besitzen scheint, daran dass die Billig-Airlines es günstiger gemacht haben nach Reykjavik zu fliegen, als nach Tirol zu trampen, oder ob das Internet mit seinen Mitfahrzentralen den Autostop schlichtweg überflüssig gemacht hat: Jedenfalls ist das Phänomen des Trampens –Mitte der 1980er als „Zusteiger Mitnahme“ noch als Ergänzung des Nahverkehrs in ländlichen Gebieten propagiert – inzwischen praktisch völlig von den Straßen Westeuropas verschwunden.

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Doch nur weil man dem Tramper aus oben genannten Gründen nicht nostalgisch hinterher zu trauern braucht: Weder Mitfahrzentrale, noch ICE oder Easyjet stellen reisephänomenologisch wirklich einen Fortschritt dar. Denn in der Reduktion des Reisens auf seine Kernfunktion – dem Vorankommen – wurde die Reise selbst all der Dinge entkleidet, die das Trampen noch so wunderbar machten.

Zum einen das emotionale Band, der unausgesprochene Vertrag der Dankbarkeit, zwischen Tramper und Fahrer, der zum höflichen Gespräch mit Menschen verpflichtet, mit denen man sonst kein Wort gewechselt hätte. Weil der Fahrer außerdem nie ausschließen kann, dass der Tramper ein durchgeknallter Gewalttäter ist (und umgekehrt), unterliegen die Beteiligten einer Tramp-Transaktion einer natürlichen Selektion: Niemals werden dabei Angsthasen, penible Neurotiker oder Sicherheitsfaschisten aufeinander treffen. Was umgekehrt natürlich heißt: Nirgendwo sonst ist die Wahrscheinlichkeit, auf Spinner, Exoten, Kriminelle oder Wahnsinnige zu treffen, derartig hoch.

Und das alles in einer Fahrerkabine, die die Intimität eines Beichtstuhls mit der Anonymität eines Stundenhotels kombiniert. Nur deshalb wird mir vor Jahren Kriw der Kurde, auf einer Autofahrt von Köln nach Dresden die Folternarben aus dem türkischen Gefängnis auf seinem Bauch gezeigt haben. Nur so kam ich in den Genuss der markerschütternden Gesänge von Senor Luna, dem glücklosen Mariachi im Norden Mexikos. Und wäre ich als Student nicht einmal von Edinburgh nach London getrampt, ich hätte nie erfahren, mit welchen Methoden Tommy, der soeben aus dem Knast entlassen worden war, das Geld für seinen Ex-Chef, eine schottische Mafiagröße, eingetrieben hatte.

Es hätte noch besser kommen können, oder viel schlimmer. Beim Trampen war immer alles drin: Acht Stunden zwischen den Ausfahrten Gravenbruch und Weiskirchen im Regen festzuhängen, oder umsonst von München nach Neapel zu kommen, in einer Nacht. Geküsst werden auf dem Rücksitz eines Cabrios, oder erschlagen zu werden auf der Ladefläche eines Pritschenwagens – wie wahnsinnig aufregend! Die Verbindlichkeit des Trampens, der Preis den man zahlte, für den Traum der echten Freiheit, war das eigene Schicksal für die Dauer der Reise. Das Reisen per Anhalter, bei dem alles auf dem Spiel stand, ist das Gegenteil von Facebook, Digitalkamera, Online Dating. Trampen hat im Jahre 2012 sowieso und längst nichts mehr verloren.

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