Till Backhaus
Till Backhaus spricht während einer Pressekonferenz zum Wal in der Ostsee neben Thilo Maack von Greenpeace und Burkard Baschek, dem Direktor des Deutschen Meeresmuseum in Stralsund / picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt

Timmy, der Wal - Staat als Stuhlkreis

Die Posse um „Timmy“ ist nicht nur ein Armutszeugnis für Medien und Gesellschaft. Der Auftritt von Landesminister Till Backhaus zeigt, wie kontaminiert Sprache und Denken der Politik inzwischen sind.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Zuletzt erschien von ihm „Die Zukunft des Protestantismus“ bei Claudius.

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Es war leider kein Aprilscherz, was sich da Mitte vergangener Woche bei der Pressekonferenz des Landwirtschaftsministers vom Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, abspielte. Eingerahmt von Thilo Maack und Burkard Baschek – der eine Meeresbiologe und Greenpeace-Aktivist, der andere Direktor des Meeresmuseums in Stralsund – trat Backhaus mit einer Miene vor die versammelte Medienvertreter, als hätte er den Untergang der Titanic und eine Jahrhundertsturmflut gleichzeitig zu verkünden. Doch weder waren tausende Menschenleben zu beklagen noch Deichbrüche, überschwemmte Dörfer und Land unter – nein, ein Wal saß auf einer Sandbank fest.

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Walter Buehler | Mo., 6. April 2026 - 15:15

..., besonders bei Politik-Profis.

Aber man könnte darüber spekulieren, ob Herr Backhaus im gestrandeten Walfisch nicht blitzlichtartig ein religiöses Gleichnis gesehen hat: ein Gleichnis für das gegenwärtige Schicksal seiner Partei, der SPD.

Das könnte die tiefe Erschütterung erklären, die ihn ergriffen hat - trotz der vielen Narben, die er schon in seiner Funktionärslaufbahn abbekommen hat.
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Aber Sie haben schon recht, Herr Grau: die Szene verrät viel darüber, wie erbärmlich "unsere" Politiker heutzutage versuchen, selbst Vorgänge in der Wirklichkeit, in der Natur, für ihre parteilichen Interessen auszunutzen.

Angelika Sehnert | Mo., 6. April 2026 - 16:19

Dem Artikel ist nichts hinzuzufügen. Da hat tatsächlich jemand den Bezug zu den Realitäten in diesem Land verloren. Nun ja, bald sind Wahlen. Wir werden sehen, ob sich das Ranwanzen an das linksgrünwoke Milieu, das mit allem und jedem tiefstes Mitgefühl hat, solange es ins eigene Weltbild passt, gelohnt hat. Oder ob die Wähler nicht doch lieber Politiker wählen , die ihre echten Alltags- Probleme lösen. Wenn denn solche überhaupt zur Wahl stehen, das dürfte auch ein Problem sein. Echte Probleme gibt es in Mecklenburg- Vorpommern weiß Gott genug. Probleme über Probleme, und dann noch ein gestrandeter Wal. Schon hart, so ein Politikerdasein.

Karl-Heinz Weiß | Mo., 6. April 2026 - 16:21

Zur Verstärkung der Berichterstattung hat zweifellos auch die "Tagesschau" beigetragen. Man hatte den Eindruck, dass der Walgesang eine sedierende Wirkung auf die Redaktion auslöste und sich in einer Endlosschleife über das Thema festsetzte. Wenn sich der Minister im Wahlkampf ähnlich niveauvoll über andere Themen äußert, dürfte eine absolute AfD-Mehrheit nicht gänzlich unrealistisch sein. Walkrampf und Wahlkampf-bei diesem Minister verschwimmen die Unterschiede.

Klaus Funke | Mo., 6. April 2026 - 17:34

Dies sagte einst der Humorist und Karikaturist Wilhelm Busch. So jetzt bei Till Backhaus. Wenn man sich dann noch die bräsige Stimme des Ministers vorstellt, ist die Posse fertig. Wenn Backhaus sich doch nur um seine gebeutelten Bauern oder die vom Spritpreisschock verschreckten Landsleute solche Sorgen machen würde wie um diesen gestrandeten Buckelwal. Buckelwale stehen nicht auf der Liste der gefährdeten Arten, wenn es auch um jeden unnötig zu Tode gekommenen Vertreter dieser Walart schade ist. Unnötig deshalb, weil es eben wahrscheinlich doch menschlicher Einfluss gewesen ist, der ihm nicht bekommen ist, von wegen Fischernetz und Schiffsschraube. Richtig, diese Szenen zeigen wie weit weg "unsere" Politiker von den Problemen ihrer Wähler sind. Und so wird sich auch zu den Wahlen in MeckPom der unaufhaltsame Aufstieg der AfD fortsetzen, und vielleicht die SPD (welcher der Herr Backhaus angehört) auf jene Sandbank befördern, wo sie hingehört. Ob sie dann auch lautstark wehklagen wird?

ist es wie mit den Redewendungen, man vertut sich so leicht. Trotzdem stimmt es, der Backhaus ist ein Konjunkturreiter, er will die Gunst der Stunde nutzen und merkt nicht wie er sich "zum Affen" macht.

Thomas Veit | Mo., 6. April 2026 - 18:00

"...haben große Hochachtung davor, wie das hier abgelaufen ist.“" - schade, dass Herr Backhaus nicht seinerzeit im Artal vor Ort war als Verantwortlicher..., wahrscheinlich hätte ER 'die Sache dort gewuppt...' - ganz klar!👍

Aber vielleicht kann man ihn auch bei zuküntigen Katastrophen als Oberverantwortlichen Leitenden verpflichten... - Walstrandungen natürlich auch, jetzt wo er damit soo positive praktische Erfahrungen gesammelt hat... 🤔

/Ironie

Wolfgang Borchardt | Mo., 6. April 2026 - 18:29

nicht auf die "Ruhe" des Wals, sondern eher auf seine Auferstehung hoffen müssen? Hat er im Konfirmandenunterricht/Christenlehre nicht aufgepasst? Wer sich mehr Realitätssinn wünscht und gleichzeitig auf Wahlen hofft, hat auch etwas verpasst.

Ichwilldasnicht | Mo., 6. April 2026 - 19:20

Da kommt Freude auf, wenn sich hier noch ein paar "NGO Sympathisanten" mit dazu einklinken.

Wann kommt hierzu die neueste Tele Nova vom NDR Rundfunkrat? Oder doch lieber noch ein Buch über den "katastrophalen Klimawandel & das furchtbare Sterben von Timmy"?

Geschrieben vom ehemaligen Potsdamer Leiter des Klimainstitut Schellnhuber als dazu gehöriger "Stuhlkreis Therapeut"!

Aber mit der neuen Tele Nova im Rücken müssen danach die Rundfunkgebühren zwingend steigen. Das gilt auch für die Privatperson Daniel Günther.

Wann spricht er dazu demnächst mit Markus Lanz als Ministerpräsident von Schleswig Holstein darüber? Olaf habe ich jetzt noch was vergessen? Ach ja, Ironie off

Jens Böhme | Mo., 6. April 2026 - 22:06

Till Backhaus, Urgestein ministerieller Posten deutschlandweit - seit 1998 ununterbrochen Landesminister - ist ein Typ mit feingeistigen Humor, der immer versucht alle Seiten adäquat zu bemuttern. Er hat mit Sicherheit in seinem Ministerium gebetet, dass der Wal nicht von Timmendorf (Schleswig-Holstein) in die Hoheitsgewässer Mecklenburg-Vorpommerns emigriert. Leider ist es anders gekommen.

Wolfgang Z. Keller | Mo., 6. April 2026 - 22:56

Antwort auf von Jens Böhme

... ist denn untersucht worden, ob sich im Bauch des Wales nicht etwa ein moderner JONAS befindet, wie weiland lt. Altem Testament der Jonah?

Hat sich also Timmy womöglich an so einem - womöglich auch noch toxischen, alten, weissen Mann überfressen, konnte er ihn nicht ausspucken, hat er sich eine Magenschleimhautentzündung zugezogen?
DIESEN Fragen ist der anscheinende Semitheologe Backhaus offensichtlich NICHT nachgegangen, und so muss der arme Timmy wohl den Gang alles Irdischen antreten oder walweise(!) der Sandbank auf- bzw. erliegen. Nix für ungut!

Markus Michaelis | Di., 7. April 2026 - 00:43

das etwas über unsere Gesellschaft aussagt und das sehe ich kritisch. Neben all dem Guten, dass Menschen Mitgefühl zeigen, drückt das für mich eine gewisse Demokratieunfähigkeit aus. Demokratie wird glaube ich tatsächlich zu sehr als Stuhlkreis aufgefasst, d.h. alle setzen sich zusammen, nehmen alle Gefühle ernst, jeder wird angehört, und dann wird eine Lösung gesucht, die möglichst niemandem wehtut.

Wenn am Ende alle dasselbe wollen und sich wohlfühlen, ist das gut, aber dafür braucht es keine Demokratie.

Mit "Stuhlkreisen" geht die Gesellschaft unrealistische Aufgaben an, und es fehlt der konstruktive/demokratische Umgang damit, dass Menschen und Gruppen nicht zu vereinbarende Ansichten und Ziele haben. Es fehlt der realistische Blick auf tiefere Gegensätze und einen gangbaren, demokratischen Umgang damit. Stattdessen steigt beim Nicht-Erreichen unrealistischer Ziele die Erschütterung.

Robert Hans Stein | Di., 7. April 2026 - 09:10

Nein, natürlich nicht, Sie liegen völlig richtig. Wann und womit das begonnen hat, keine Ahnung. Vielleicht mit der fortschreitenden Vermenschlichung der Tierwelt? Unser Biologielehrer reagierte sarkastisch, wenn ein Schüler seinen Wellensittich oder seine Schildkröte "essen" und "trinken" ließ mir den Worten: "mit Messer, Gabel und Serviette". Heute stellensich gestandene Politiker - aber nicht nur diese - hin und lassen Wale essen untrinken. Über den Umgang mit auffälligen Wölfen wird tagelang diskutiert. Vielleicht hat es auch mit der Hufeisennase angefangen oder mit Karl dem Käfer.... Vielleicht auch mit dem Wiedererstarken religiöser Gefühligkeit in unserer Gesellschaft. Jedenfalls befindet sich rationales Denken und zweckmäßiges Handeln derzeit in einer bedauernswerten Defensive.