Thees Uhlmann
Christoph Mack für Cicero

Thees Uhlmanns Romandebüt - „Es geht natürlich in die Kneipe“

Mit „Sophia, der Tod und ich“ hat der Musiker Thees Uhlmann seinen ersten Roman geschrieben. Darin geht es um die wirklich wichtigen Fragen im Leben: Tod, Ex-Freundin und messerscharfe Fußballanalogie. Im Interview verrät der Autor, warum der Tod lebendig macht und Tore wichtiger sind als Sex

Autoreninfo

Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Herr Uhlmann, es heißt, Sie schicken sich selber eine SMS, wenn Sie eine gute Idee haben. Was stand in der letzten?
Da müsste ich jetzt nachgucken. Uhlmann zieht sein Handy aus der Hosentasche, murmelt „Thees, Thees“, sucht, findet und liest: „Stalking ist ein romantischer Spaziergang, von dem nur eine Person etwas weiß.“

Hat die Idee zu Ihrem Roman auch mit einer solchen SMS begonnen?
Nein, eigentlich hat alles damit begonnen, dass der Typ, mit dem ich meine erste WG in Hamburg hatte, zu mir sagte: „Wenn ich jemals ein Buch schreibe, dann lautet der erste Satz: ‚Im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee.‘“ Das schreibe ich auch im Buch und mein alter WG-Freund hat sich natürlich schlapp gelacht. Das ist übrigens so ca. 15 Jahre her.

Es gibt die Tendenz im Literaturbetrieb, dem ersten Satz ein wenig zu viel Bedeutung beizumessen.
Weiß ich ja alles nicht. Ist ja mein erstes Buch. Ich weiß aber, dass Heinz Strunk sich fürchterlich in seinem Buch „Heinz Strunk in Afrika“ über diese ersten Sätze aufregt und schreibt: Klaus wuchs auf in den Eingeweiden seines Vaters.

Richtig gute Bücher lese ich oft nie gleich zu Ende. Ich hebe mir die letzten 50 Seiten für schlechte Zeiten mit schlechten Büchern auf. Warum sollte ich Ihr Buch nicht zu Ende lesen?[[{"fid":"67115","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":1000,"width":667,"style":"width: 200px; height: 300px; margin: 5px; float: right;","class":"media-element file-full"}}]]
Ich finde das Ende eigentlich ganz gut. Wobei ich Ihre Einstellung dem Leben gegenüber schon wieder genial finde. Aber ich schaffe es auch selten, eine Flasche Weißwein in den Kühlschrank zurückzustellen.

Sie sind eigentlich Musiker, waren zunächst Sänger der Band Tomte. Textlich ging es vornehmlich um die eigene Befindlichkeit. Als Solokünstler begannen Sie dann, Geschichten zu erzählen. Und jetzt sind Sie bei der Geschichte schlechthin angekommen. Dem Roman. Ist das Ihre Art, erwachsen zu werden?
Zu Tomte-Zeiten, zwischen 22 bis Anfang 30, wurde ich von so einer Angst um Positionierung durchs Leben gepeitscht. Keine Kohle, Studium abgebrochen, findet das überhaupt jemand gut, was ich mache? In dieser Zeit drehte sich alles ums Ich. Die Solozeit nach Tomte war dann eine Mischung aus Neuanfang und Reicht-jetzt-auch, so interessant bist du jetzt wirklich nicht, Thees. Es war dann interessanter, einer Kassiererin bei der Arbeit zuzuschauen als über mich zu schreiben. Und grundsätzlich mag ich es, neu anzufangen. Ich bin jetzt Autor. Offiziell. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: „Ey, mein Buch wird vielleicht Buch des Monats beim NDR.“ Und sie guckt mich an und sagt: „ Ach, warum das denn?“ Ich so: „WARUM DAS DENN? Vielleicht, weil ich was kann?“ Und sie: „Mmh, ja, ok…“ Und dann mussten wir beide lachen.

„Sophia, der Tod und ich“ heißt Ihr Debütroman. Der Tod klingelt an der Tür und bringt Leben in die Bude…
Der Tod sorgt für eine gewisse Verschärfung. Ich mochte immer dieses Spiel mit Grundsätzlichem, mit Universellem. Was würdest du tun, wenn du unsichtbar wärst? Und was würdest du tun, wenn du nur noch 24 Stunden zu leben hättest? Die schönste Party ist doch die, bei der alle Leute im Kreis sitzen und sich solch dämliche Fragen stellen.

Der Tod trifft auf einen konfliktscheuen Verlierertypen Anfang Vierzig. Dann aber grätscht die Ex-Freundin zufälligerweise dazwischen und der Tod geht mit beiden auf Reisen durchs Leben. Die erste Station auf dem Trip, klar, erstmal in die Kneipe…
Naja, der Protagonist will seine Mutter besuchen. Die hat nämlich Geburtstag. Und er hat’s vergessen. Er hat‘s natürlich vergessen. Er ist ja mehr so der Schildkrötentyp. Wenn was passiert, alles einziehen und erstmal verharren, bis die Gefahr vorüber ist. Dann muss der Tod halt mit. Sie verpassen aber den Zug und dann geht’s NATÜRLICH in die Kneipe. Wohin denn sonst?

Dort treffen Sie auf urige Kneipeninsulaner und jede Menge Tresenhumor. Gott sei Dank hat der Tod dann auch ein Faible für besonders schlechte Witze…
Auf jeden Fall. Auch die schlechten Witze wollen gemacht werden. Tod und Protagonisten eint eine gewisse Art von Honkigkeit. Und ich musste mich beim Schreiben auch selber ein bisschen unterhalten. Das Buch ist künstlerisch so ziemlich das Komplexeste, was ich je gemacht habe. Weil ich’s ja nie gelernt habe, weil ich nie Literatur oder so studiert habe…

Im Grunde die beste Voraussetzung, um ein Buch zu schreiben…
Vielleicht. Aber die Alleinhaftigkeit des Autors, die hat mich gerade im Winter wie ein Faustschlag getroffen. Ich habe mir dann auch bei meiner Lektorin die Erlaubnis zur Beschimpfung eingeholt. Ich rief sie an, ich jammerte: „Ich kann nicht schreiben, was denkst du eigentlich, ich bin Musiker.“ Sie: „Na Thees, läuft’s nicht beim Romanschreiben?“ Ich: „Kerstin, es läuft überhaupt nichts.“ Sie: „Na, dann schreib das doch auf. Mit Wut und Verve.“ Ich: „OK…“ Und ich hab dann einfach versucht, so gut zu schreiben, dass es meiner Lektorin gefällt.

Die Reise mit dem Tod durchs Leben verändert Ihren Helden. Er öffnet sich zum ersten Mal –  fürs Leben, seine Mitmenschen, wirkt irgendwie glücklich. Es klingt paradox: Aber die Anwesenheit des Todes gibt dem Protagonisten plötzlich einen Sinn im Leben. Nicht zu sterben…
Durch den Tod ist er wieder relativ nah am Leben. Er verliebt sich ja auch wieder in seine Ex, weil sie natürlich auch extrem wundervoll ist. Tod ist ein Thema, das Menschen und Künstler seit Bestehen umtreibt. Es gibt eine These in dem Buch: Eine Blumenwiese ist nur von Wertigkeit, weil man weiß, dass sie im Herbst nicht mehr da ist. Vielleicht sehen Menschen das auf Ganzfruchtjahreszeiteninseln anders.

Der Tod entwickelt eine sehr kindliche Freude am Leben. Trinkt, raucht, findet Fernsehen toll. Obwohl: Geraucht wird nicht, warum eigentlich? Ich hätte mich sehr über einen rauchenden Tod gefreut.
Ich wollte nicht, dass man mich zu sehr mit meinem Protagonisten in Verbindung bringt. Ich wollte nicht, dass die zusammen auf ein Neil Young Konzert gehen – Neil Young ist natürlich der Größte – und nicht, dass sie rauchen. Ich wollte keine unnötigen Ankerplätze werfen, wo man das dann auf mich, meine Musik oder auf mein bisheriges Geöddel hätte zurückführen können. Keine Marken, keine Städte, es gibt nur Nord und Süd. Es bleibt universell. Kein Internet, keine Handys. Man könnte es auch in Nordkorea lesen.

Ihr Held geht immer den Weg des geringsten Widerstandes: bloß nicht auffallen, niemanden stören. Gemäß der Philosophie: Fahrkarte immer griffbereit, falls der Schaffner kommt. Er schaut am liebsten zu, den Menschen, dem Leben…
Er kann nicht eine Sache richtig lieben. Er kann einen Verein nicht richtig lieben, aber er liebt das Zuschauen von Emotionen. Im Buch heißt es: „1:1, mein Lieblingsergebnis, da muss sich keiner ärgern.“ Das ist die Einstellung der Menschen, die Jesus ans Kreuz genagelt haben…

Für jemanden, der Fußball liebt, eine Unverschämtheit…
Die Hölle!

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Also ich liebe Fußball. Den FC St. Pauli. Fußball hat die Kraft, in 90 Minuten die Dramatik des Lebens abzubilden. 0:2 gegen Hansa Rostock zurückzuliegen und dann 3:2 zu schlagen, das ist das beste Gefühl auf der ganzen Welt. Es gibt nichts Größeres. Mehmet Scholl hat mal gesagt: „Tor in der Champions League oder Sex? Tor in der Champions League!“ Gar keine Frage, das Tor natürlich! Ich liebe Frauen, aber ich nehme das Tor in der Champions League …

Warum gibt es Treue eigentlich nur im Fußball? Vereinswechsel sind für einen echten Fan ausgeschlossen…
Ist das jetzt schlau, wenn ich sage, das ist einfach der menschliche Makel? Jemanden zu finden, der Jahrzehnte zu einem passt, ist einfach schwierig.

Im Buch heißt es, eine Beziehung sei ein „Feuerwerk der Verneinung vor dem Glück“.
Ja, im Buch macht das Sinn. Als Kalenderspruch eher weniger. Wie alt sind Sie?

33.
Vielleicht ist das dann doch ein 33er bis 42er Roman. Also bezogen aufs Alter, nicht auf den 2. Weltkrieg. Die Zeit, in der alle mit den Eltern ins Reine kommen wollen. Und mit der Liebe muss das irgendwie auch funktionieren. Man denkt darüber nach, warum hat das eigentlich wieder nicht geklappt? War ich jetzt dumm oder sie? Aber man war doch mal verliebt. Wo ist das gekippt? Man muss versuchen, Punkte der Wahrheit zu finden in diesem Irrsinn. Sophia sagt im Buch: „Wenn ich dich beschimpfe, weiß ich, dass ich nicht der schlechteste Mensch auf der ganzen Welt bin.“ Dann sagt er: „Und wenn du mit mir zusammen bist, weiß ich, dass ich nicht der schlechteste Mensch auf der Welt sein kann.“ Sie sind sozusagen zwei Mal zweite Wahl. Finden sich dann doch oft ziemlich toll. Und doch verglühen sie nach ein paar Monaten nebeneinander. Weil (-1) + (-1) dann doch -2 ergibt.

In Ihrem Buch sind die Orte namenlos. Die Liebe zur norddeutschen Provinz schwingt bei Ihnen aber immer mit. Und trotzdem haben Sie sich ganz persönlich für ein Leben in der Stadt, in Berlin, entschieden.
Eigentlich bin ich von der Stadt total überfordert. Das ist hier ein bisschen Diaspora für mich. Ich weiß nicht, ob man das Wort politisch korrekt so benutzen darf. Aber das ist hier nicht mein Home Turf.

Sie sind nie angekommen?
Nein, nie. Wenn ich ausgehe, gehe ich in die Astrastube Neukölln. Dort sieht es aus wie eine Mischung aus dem St. Pauli Museum und dem St. Pauli Fanshop. Das ist mein liebster Platz hier. Aber man sollte sich da selber nicht so wichtig nehmen. Das ist schon in Ordnung.

Wollen Sie wieder in die Provinz zurück?
Das klingt jetzt wieder nach Altherrenromantik, aber ich möchte wirklich einmal in einem Haus wohnen, von dem aus man auf einen Fluss oder das Meer schaut. Robert Smith von „The Cure“ sagte mal sinngemäß auf die Frage, warum er so lange keine Songs mehr geschrieben hat: „Wenn ich aufwache, dann liege ich in diesem RIESIGEN Bett und wenn ich mich aufrichte, dann ist da dieses RIESIGE Fenster und ich blicke auf diesen RIESIGEN Atlantik. Warum zur Hölle sollte ich aufstehen, warum Musik machen? Ich bleibe im Bett.“

Das Interview führte Timo Stein

Fotos: Christoph Mack für Cicero

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