Wiedereröffnung von Bühnen - Die Stille vor dem Schlussapplaus

Seit einem Jahr findet auf deutschen Theaterbühnen so gut wie kein Programm vor Publikum statt. Inzwischen gibt es erste Chancen auf Wiedereröffnungen. Warum das höchste Zeit ist, darüber schreibt in unserer kleinen Reihe heute Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt.

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Pergolesi: Stabat Mater. Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

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Bernd Loebe ist Intendant der Oper Frankfurt am Main.

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Man kann nach wie vor nicht sagen, dass Deutschland von einer Bühnenöffnungswelle erfasst ist. Aber Versuche werden lokal überall gemacht, mit Tests, Masken, Abständen und Belüftung. Zumal man ja längst weiß, dass unter Beachtung solcher Konzepte Theatersäle Orte äußerst geringen Risikos sind. Aber die zähe Entwicklung zerrt an den Nerven von Künstlern und verhinderten Besuchern.

In unserer kleine Reihe bitten wir Bühnenkünstler und Intendanten um persönliche Bemerkungen zur Lage ihrer Kunst in diesen Tagen: Wie sie dieses vergangene Jahr erlebt haben. Was mit ihrer Kunst geschehen ist. Was ihnen und uns fehlt, wenn das gemeinsame Erlebnis im Raum fehlt. Warum die Vorhänge bald wieder aufgehen müssen.

Nach Sasha Waltz und Johan Simons schreibt heute Bernd Loebe, der Intendant der Oper Frankfurt am Main. Loebe war lange Musikjournalist, bevor er als Künstlerischer Direktor an das Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel ging. Unter seiner Intendanz in Frankfurt wurde das Opernhaus gleich 2003 „Opernhaus des Jahres“ – wie drei weitere Male seither.

Sitzungen, Sitzungen. Sitzungen mit Betriebsrat, Betriebsarzt, Arbeitsschutz und Unfallkasse, unendliche Diskussionen und Mühen, jede Woche gilt es, neue Vorschriften und Verordnungen in unsere Hygienekonzepte einzuarbeiten. Öffnen dürfen wir trotzdem nicht. Was können wir „streamen“, was nicht? Analog oder digital, eines alleine oder in gegenseitiger, sinnvoller Ergänzung?

Aber: War da nicht was? Warum hat es mich eigentlich zum Theater verschlagen? Und warum bin ich nicht mehr davon losgekommen? Die Sinnfrage wird in letzter Zeit auffallend häufig gestellt. Es geht an die Substanz. Muss sich die Oper von heute auf morgen total ändern, muss jetzt alles anders und nur noch digital werden? Ist es nicht falsch, gerade jetzt die Existenzberechtigung in Frage zu stellen?

Wie kleine Kinder

Warum muss sich ein Haus, das im März 2020 bei 88 Prozent Auslastung lag und zum wiederholten Male mit dem Titel „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet wurde, besonders legitimieren oder gar schämen? Warum spielt der Begriff „Qualität“ in aktuellen Diskussionen um Arbeitsprozesse, Partizipation und neue Technologien an den Bühnen keine Rolle mehr?

Die Faszination oder eben Qualität des Musiktheaters besteht doch darin, dass Momente der intimsten Emotion durch das perfekte Zusammenspiel eines gewaltigen technischen und künstlerischen Apparates entstehen. Ein Wunder, an dem jeder Opernbesucher teilhaben kann. Begreift das keiner mehr? Auch nach Corona werden wir wieder wie kleine Kinder auf die Bühne starren und uns wünschen, dass alles, was gegensätzlich und widersprüchlich erscheint, einen höheren Sinn ergibt. Die meisten Autoren und Komponisten versuchen tatsächlich, die Wahrheit zu entziffern, aber im Wissen, dass eine nächste Interpretation alles wieder in Frage stellen kann. Wunderbar!

Bündelung aller Kräfte

Als ich 1968 statt zu rebellieren erstmals in eine Oper ging, weil mein Nachhilfelehrer eine Ahnung davon hatte, dass ich diesem Metier verfallen könnte, war es jenes Zusammenspiel, die Bündelung aller akustischen wie visuellen Kräfte, die mich sprachlos machte. Während andere überzeugt und aktiv an der Revolution arbeiteten, war ich verloren und tapste jahrelang durch mein Leben wie ein Fremder.

Über den (Um)weg des Journalismus landete ich schließlich als Künstlerischer Direktor im Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, und hier begann ich endlich, mein eigenes Leben zu leben. Es ging dabei nicht darum, eine „Autorität“ zu sein oder Macht zu haben um der Macht willen. Nein, ich wollte Verantwortung übernehmen: für das Haus, das Ensemble, die Stadt, für alle.

Die Stille vor dem Schlussapplaus

So wie ich im Rundfunk bei Rotlicht entspannte, noch bevor sich zeigte, ob die theoretische Planung erfolgreich aufging, so genoss und genieße ich es, auch an der Oper die Vorlagen zu geben und verschiedene Künstler zusammen zu bringen. Dass dann alles Sinn ergibt, erlebte ich besonders beglückend bei Cavallis La Calisto 1993 in der Regie von Herbert Wernicke während der Stille vor dem Schlussapplaus. Ich hatte für einige Sekunden die Illusion, man könnte ein Publikum zum längeren Genuss dieser Stille „erziehen“ – dann doch eine furchtbare Vorstellung.

Seit 19 Jahren arbeite ich nun in meiner Heimatstadt Frankfurt am Main. Vieles ist gelungen, weniges danebengegangen. Sehr gute Sängerdarsteller beglaubigen spannende Inszenierungen. Und tatsächlich gelang uns mit Lost Highway von Olga Neuwirth in der Regie von Yuval Sharon eine fabelhafte „digitale“ Produktion, ohne dass wir extra verkündet hatten: Seht, wir sind jetzt sogar digital! In der Oper findet immer alles zusammen.

„Analogisch“ verzaubert

Bin ich ein Romantiker? Gerne, und ich sehne mich danach, bald wieder für ein paar Stunden kräftig „analogisch“ verzaubert zu werden. Im fast Greisenalter wieder Kind sein zu dürfen. Das Theater muss bald wieder losgehen! Wir wollen unsere Berufe ausüben, ohne diesen unentwegten, fast beleidigenden Legitimationszwang.

Wir sind dazu verpflichtet, unser Privileg als fest angestellter Künstler dafür zu nutzten, um glaubhaft für ein Weiterspielen, Weitersingen und die Rückkehr des Publikums einzutreten. So, als ob wir nicht wüssten, dass die Bühne die Bühne ist und nicht das Leben. Es gibt nichts Schöneres als seine Lebensrealität zu vergessen und dennoch dieses klammheimliche Gefühl nicht loszuwerden: Es gehört doch verdammt oft zusammen, die Bühne und der Rest der Welt.

Die Oper Frankfurt bietet auf ihrer Website ein Programm mit Streams an.

 

Bernd Muhlack | Mo, 5. April 2021 - 16:37

Vorab: ich kann mit Opern, Operetten sowie auch Musicals nichts anfangen!
Immerhin besitze ich eine einzige Klassik-CD:
das Requiem von Mozart.
Angeblich soll er dieses bereits bettlägerig, schwindsüchtig seinem Gegner Antonio Salieri in die Feder diktiert haben.

Hier u anderswo wird regelmäßig über eine sinnfreie Übersetzung eines "Inaugurationsgedichtes" gefaselt oder über die kindliche Verfehlung "Indianerhäuptling" zu werden.

Dass hier "Kunst" vor Ort an die Wand fährt, gefahren wird, wird als Kollateralschaden erachtet, schlicht zur Kenntnis genommen.
Dumm gelaufen - Pech gehabt!
Das hindert UNS jedoch nicht den Kreuzzug für DAS NEUE fortzuführen!

Es ist unerheblich ob das meine Musik ist oder nicht! Jedem gefällt das Seine (ups).

Öffnet endlich Theater, Opern, Musikkneipen etc u sei es limitiertes, ausgelostes Publikum!

... & die Kitas, Schulen, UNIs!

Man möge verschiedener Ansichten ob Kollateralschäden sein - keine Frage.
Ja, es ist eine Triage sui generis - nicht wahr?

Werner Kistritz | Mo, 5. April 2021 - 18:35

Ich war Hausmeister. Da muß man manchmal auch Katastrophen managen. Keller unter Wasser. Kein Aufzug. Internet weg.
Meine Erfahrung: Die Menschen sind bereit, alles zu erdulden und mitzutragen, w e n n s ie g u t i n f o r m i e r t w e r d e n ü b e r d a s P r o b l e m u n d d e n v o r r a u s s i c h t l i c h e n A b l a u f d e r B e h e b u n g.