Norbert Bolz - „Teamgeist ist der größte Feind des Geistes“

Wir benötigen keine Bildungsrevolution, sagt der Philosoph und Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Statt Reformen brauchen wir selbsbewusste Lehrer, statt Ganztagsschulen sollten sich die Eltern wieder selbst um ihre Kinder kümmern

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(picture alliance) „Teamgeist ist der größte Feind des Geistes“

Norbert Bolz lehrt als Professor für Medienwissenschaft am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin

Herr Bolz, Richard David Precht forderte jüngst eine Bildungsrevolution. Er bemängelt, die Schule würde alte Inhalte vermitteln, von denen letztlich nichts hängen bliebe. Und die Institution Schule mache aus neugierigen Kindern letztlich Lernautomaten. Er fordert ein radikales Umdenken. Was halten sie von dieser Bildungsrevolution nach Precht’schem Muster?
Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, wer diese sinnvollen Inhalte definieren soll. Der einzige Fachbereich, der in den Schulen wirklich unterrepräsentiert ist, ist die Ökonomie. Es sind uralte Tatsachen, dass das meiste, was in der Schule gelernt wird, wieder vergessen wird. Damit müssen wir uns abfinden. Zumal die Alternativen, die aufgezeigt werden, bei näherer Betrachtung sofort in sich zusammenfallen. Ich kenne nur eine einzige Alternative, die mir sofort einleuchtet und das wäre ein Zurück zum antiken Lernen. Die Kinder würden dann Trivium und Quatrivium lernen. Alles andere lernen sie sowieso aus den Medien. Aber das ist natürlich ein Vorschlag, den kann ein Professor nur in einem Essay entwickeln, der hat keinen politischen Realismus.

Sie haben an anderer Stelle bereits zum Ausdruck gebracht, dass Sie Reformdiskussionen langweilen. Gewisse Unlösbarkeiten müssten also einfach in Kauf genommen werden?
Ja. Als vierfacher Vater von schulpflichtigen Kinder glaube ich, das Problem der Schulen ist nicht das Curriculum, sondern völlig überforderte Lehrer, die sich immer häufiger in Krankheiten flüchten. Überfordert sind die Lehrer nicht vom Stoff, sondern von Eltern, die immer größere Konsumentenerwartungen an die Schule richten, und zum anderen von der Verwaltung, die den Lehrern ständig neue Reformprogramme aufdrückt und sie in irgendwelche Schulungen hetzt. Hier werden sie dann mit sogenannten „neuen Formen des Lernens“ konfrontiert, die ihren eigenen Erfahrungen widersprechen.  Das klassische Beispiel ist der Frontalunterricht. Alle Welt, die über Pädagogik nachdenkt, ist dagegen. Die wirklich guten Lehrer, verstehen die Diskussion überhaupt nicht und die Schüler bestätigen mir immer wieder, dass diese gruppenbasierten Alternativmodelle zu nichts führen. Ich wünschte mir manchmal mehr Feuerzangenbowle und weniger Brüsseler Reformideen.

Sie sagen, Bologna sei die Europa-normierte Technisierung von Lehre und Forschung durch Module und Projekte. Sie sprechen von einer „Verstaatlichung des Geistes“. Was meinen Sie damit?
Damit meine ich, dass man unter dem Vorwand von Kompatibilität und Mobilität der Ausbildungsgänge in Europa und weltweit im Grunde nur die Verantwortung und auch die Kompetenz für reale Lernprozesse von denen nimmt, die eigentlich dafür verantwortlich sein müssten – die Lehrer. Stattdessen werden ihnen in irgendwelchen Gremien von außen Curricula vorgeben. Das entmutigt sie. Gleichzeitig lässt man sich von völlig absurden Vergleichsstatistiken europäischer Art – da wird beispielsweise dann Deutschland mit Island verglichen – in Aufruhr versetzen, statt ganz schlicht und einfach dafür zu sorgen, dass Lehrer qualifiziert ausgebildet und anschließend ordentlich bezahlt werden, und dann selbst entscheiden, wie die Lernprozesse konkret gestaltet werden. Das, was früher selbstverständlich war beim Lernen, ist heute geradezu zur Utopie geworden. Ich habe noch niemals auch nur einen einzigen Professor getroffen, der den Bologna-Prozess für gut hält. Das ist eine Katastrophe. Trotzdem wird der Anschein erweckt, als sei das eine geniale Reform.

Neben der Bachelorisierung beklagen Sie auch die Demokratisierung der Hochschulen. Verstehe ich Sie richtig, Sie wollen also weniger Demokratie wagen?
Mit dieser Formel würde ich mich natürlich für alle Zeiten unmöglich machen. Aber ich würde wenigstens mit Max Weber sagen: Demokratie da, wo sie hingehört. Vor 20 Jahren wurde über „Kunst für alle“ diskutiert, was dazu führte, dass der Hausmeister eines Museums über die Anschaffung eines berühmten Gemäldes mitentschieden durfte. Diese Absurditäten, die unter dem Stichwort „Demokratie“ laufen, stellen eine ernsthafte Gefahr dar. Warum lassen wir nicht mehr diejenigen Leute Entscheidungen treffen, die wirklich kompetent sind? Es ist eine verheerende Entwicklung, dass wir überhaupt kein Vertrauen mehr in die Leute setzen, die wir an die Schlüsselstellen von Lehre und Forschung gesetzt haben. Ähnliches lässt sich bei der Diskussion über Eltern als Entscheidungsinstanzen in Schulen beobachten. Es gibt für meine Begriffe nichts Schlimmeres, als die Schule und Schüler der Inkompetenz der Eltern auszusetzen. Das sind Entwicklungen, die für die Qualität unserer Bildungsanstalten verheerend sind.

In der Bildungsdiskussion wird vor allem systemisch argumentiert. Ist es nicht an der Zeit, den Fokus weg von Systemfragen zu lenken? Verengt der Blick auf das Schulsystem nicht Grundsätzliches?
Im Grunde ja, denn auch hier gilt: Feuerzangenbowle wäre mir wichtiger als PISA. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ein Schüler, der überhaupt keine Freizeit mehr hat, überhaupt ein angemessenes und besonnenes Verhältnis zum Stoff entwickeln soll. Wie ein Student, dessen Studium mittlerweile so durchgeplant ist, dass er von Seminar zu Seminar hetzt, Akademiker, also ein geistig selbständiger Mensch werden soll. Kurzum: Man setzt alles daran, diese jungen Menschen in Automaten zu verwandeln. Nachdenklichkeit, Besonnenheit und Fantasie, Muse, Freizeit und Freiheit werden beschnitten, weil man nur noch ein Ideal hat, nämlich das der Fachausbildung. Im Grunde geht es der Politik um die gigantische Fachhochschule. Genau programmierte Ausbildungsgänge um berufsfördernde Maßnahmen zu optimieren.

Seite 2: Wir brauchen eine schärfere Selektion

Und trotzdem erhöhen Sie den Druck, wenn Sie sich dann noch für mehr Selektion einsetzen. Sie sagen, dass wir mehr Mut zur scharfen Selektion entwickeln müssen.
Nein. Der Gedanke der Selektion ist ein Schlüsselgedanke und eines der größten Tabus bei uns. Was ich unter Selektion verstehe und woran ich unbedingt festhalten möchte, ist eine Selektion, die sich über Leistung definiert. Gerade an Universitäten sehen wir, dass oftmals nicht die Leistung das entscheidende Kriterium ist, sondern politische Fragen die entscheidende Rolle spielen. Mittlerweile gibt es ja auch die Angst vor Noten. Wobei man völlig verkennt, dass Noten Informationen sind. Die Weigerung, Schüler darüber zu informieren, wie es um sie steht, ist ein unglaublicher Selbstschuss. Damit verlagert man letztlich das Selektionsproblem nur weiter weg von den Schulen und Universitäten.

Der Neurowissenschaftler Gerald Hüther sagt in seinem Buch „Jedes Kind ist hochbegabt“,  wir demütigen die Kinder, wenn wir ihre Leistungen nur auf die in der Schule erzielten Noten reduzieren.
Das ist wirklich der Witz unserer Zeit. Jeder zweite Anruf von Eltern beginnt mit dem Satz, „mein Kind ist hochbegabt“. Es ist ein Mythos anzunehmen, dass alle Menschen überdurchschnittlich klug sind. Wir müssen langsam wieder zu der Realität zurückkehren, dass jedes Lob auch impliziert, andere zurückzusetzen. Man kann niemanden loben, ohne andere damit auch indirekt zu tadeln. Und da sich das kaum mehr jemand zutraut, leben wir in einer völligen Verkennung unserer Fähigkeiten. Diesen Größenwahn halte ich für die Krankheit unserer Zeit.

Liegt nicht aber ungeheuer viel Potential brach? Wenn man sich ansieht, wie neugierig  Kinder in die Schule kommen und wie desillusioniert sie die Schule dann wieder teilweise verlassen...
Ich will das überhaupt nicht bagatellisieren. Trotzdem denke ich, der Hebel müsste woanders angesetzt werden. Wenn ein begabtes Kind keine Möglichkeit bekommt, sich schulisch zu entfalten, dann liegt es meines Erachtens primär an den Eltern. Von Gerhard Schröder bis Norbert Bolz gibt es tausende Beispiele von Familien, die aus dem proletarischen Milieu aufgestiegen sind. Wenn der Aufstiegswille da ist, können sich Kinder in unserer derzeitigen Gesellschaft auch gut entwickeln. Dass das manchmal nicht passiert, liegt dann nicht an den Lehren oder am Schulsystem, sondern daran, dass sich die Eltern nicht genügend kümmern.

Demgegenüber stehen unzählige Studien, die die Undurchlässigkeit des Systems beklagen. Die soziale Herkunft und der Bildungserfolg sind doch wie in kaum einem anderen Land unmittelbar miteinander verbunden…
Sie müssen berücksichtigen, dass es spezifische Milieus mit sehr einschlägigen Bildungsaversen Verhaltensweisen gibt. Allein die Tatsache, dass es innerhalb Deutschlands so große Unterschiede gibt, zeigt ja, dass es nicht am System liegen kann. Wenn Neukölln und Schwabing Welten trennen, ist das nicht die Schuld des dreigliedrigen Schulsystems.

Aber es zeigt die Mittelschichtorientierung des deutsche Schulsystems. Es ist kaum in der Lage, soziale Unterschiede auszugleichen. In den Bildungseinrichtungen wird strukturell vorausgesetzt, dass die Kinder im Elternhaus gewisse Erziehungsgrundlagen mitbekommen haben. Dadurch sind Kinder aus ,bildungsfernen´ Familien enorm benachteiligt.
Sie haben vollkommen Recht, und dass Erziehungsgrundlagen vorausgesetzt werden, finde ich gerade gut. Ich gehöre immer noch zu den Leuten, die finden, dass Eltern ihre Kinder erziehen sollten und nicht der Staat.

Also stellen Sie am Ende doch wieder die Systemfrage. Wir müssen weg von Ganztagsschulen und die Erziehung und Bildung wieder in Elternhand geben.
Ehrlich gesagt, finde ich die Entwicklung der Ganztagsschulen schrecklich. Die Vorstellung, von der Kindergrippe bis zur Universität immer nur an die Hand genommen und von sogenannten Erziehern geleitet zu werden, gefällt mir nicht. Da kommt etwas ganz anderes heraus, als wenn das Kind zuhause großgezogen wird. Vielleicht nicht mit größerer sachlicher Inkompetenz, dafür aber dann mit sehr viel mehr Liebe.

Seite 3: Teamarbeit zerstört Kreativität

Sie wollen nicht nur weniger Staat, sondern auch weniger  „Wir“. Ihre These: Mehr Einsamkeit und Freiheit, statt Teamgeist. Sie sagen, eine Gruppe könne nicht kreativ sein, sondern immer nur Konsensdruck ausüben, der Kreativität und Intelligenz zerstört.
Ich glaube, das ist unleugbar. Der Teamgeist ist der größte Feind des wirklichen Geistes. Sie können mit einer Gruppenorientierung ein sehr stabiles Durchschnittsniveau finden, aber Exzellenz wird niemals aus Gruppen entstehen. Exzellenz hat was mit Einsamkeit und Freiheit zu tun, also mit der alten Humboldtformel. Der Philosoph Odo Marquard sagte, was uns am meisten fehlt, sei die Fähigkeit zur Einsamkeit. Sich etwas vornehmen, es aus eigener Kraft anzugehen und zu schaffen, ist die Bedingung von Exzellenz und Genialität. Dazu sind am Ende aber nur wenige fähig.

Ein Plädoyer für mehr Einsamkeit. Aber solche Wir-Netzwerke, blicken wir beispielsweise auf Open Source-Systeme im Internet wie Wikipedia, können doch ungeheuer effizient sein.
Ich habe in meinem Bereich noch nie erlebt, dass Teamarbeit irgendetwas gebracht hätte. Jedes Buch, das sich zu lesen lohnt, hat ein Einzelner geschrieben und zwar ganz allein. Mit Wikipedia und ähnlichen Netzwerken verhält es sich ganz anders: Diese sind vor allem deswegen so attraktiv, weil man sich jederzeit ausklinken kann. Weil man nicht unter Druck gerät, weil man Partizipation frei wählen und auch wieder abwählen kann. Diese Entwicklung frei von Konsensdruck ist zukunftsweisend.

Und gerade weil neue Anforderungen im digitalen Zeitalter an die Kinder gestellt werden, müssten die Schulen die Kinder doch anders vorbereiten: Statt faktenbasiertem Lernen, müssten sie lernen, Informationen zu filtern, im Kontext zu denken, wichtiges von weniger wichtigem zu unterscheiden…
Wenn man das beibringen könnte, wäre es sinnvoll. Das setzt aber eine hohe Kompetenz voraus und damit überfordern sie wahrscheinlich die Lehrer. Denn sie müssten den Kindern beibringen, was wichtig und was unwichtig ist. Das ist ein langer, nicht objektivierbarer, derart normativer Prozess, der sich letztlich nur durch Erfahrung einstellen lässt. Deshalb mein Vorschlag: Bleibt bei sachlichen Inhalten. In Mathe und auch bei den großen Sprachen weiß man, was man zu lernen hat. Das ist ein Segen. Alle anderen, die sogenannten Orchideenfächern, werden immer mehr als Schulungskurse für Political Correctness genutzt.

Wie bereiten wir aber die Kinder dann auf die neuen Herausforderungen des digitalen Zeitalters vor?
Gar nicht. Das ist nicht nötig. Das können die sowieso besser. All die Ängste sind Phantomängste von alten Leuten. Alles was Kinder von sich aus interessiert, muss man nicht in curriculare Formen gießen. Statt Kurse in Medienkompetenz zu geben, bilden wir die Kinder lieber in Altgriechisch. Alles andere ist Geschwätz.

Herr Bolz, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Timo Stein.

Humus.Khan | Di, 21. März 2017 - 12:57

"Es gibt für meine Begriffe nichts Schlimmeres, als die Schule und Schüler der Inkompetenz der Eltern auszusetzen. Das sind Entwicklungen, die für die Qualität unserer Bildungsanstalten verheerend sind."

"Da kommt etwas ganz anderes heraus, als wenn das Kind zuhause großgezogen wird. Vielleicht nicht mit größerer sachlicher Inkompetenz, dafür aber dann mit sehr viel mehr Liebe."

Ja, wie denn nun?

@Humus.Khan
Dieser Widerspruch ist mir auch aufgefallen.
So (siehe unter) würde ein Schuh draus werden. Ich denke, dass der Redaktion bei der Nachbereitung des Interviews einiges "verrutscht" ist.

"Es gibt für meine Begriffe nichts Schlimmeres, als die Schule und Schüler der sachlichen Inkompetenz der Eltern im Hinblick auf Schule und Schulbetrieb auszusetzen. Das sind Entwicklungen, die für die Qualität unserer Bildungsanstalten verheerend sind."

"Da kommt etwas ganz anderes heraus, als wenn das Kind zuhause großgezogen wird. Vielleicht nicht mit größerer Kompetenz, dafür aber dann mit sehr viel mehr Liebe."

Im Zweifelsfall müßte man wohl bei Prof. Bolz nochmal nachfragen.

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