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Kathrin Schmidts neuer Gedichtband «Blinde Bienen» zeigt menschliches Verhalten in allen Lebenslagen

(Foto: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de) Tanzende Laute

Kathrin Schmidt ist wieder da. Das ist sie natürlich schon lange – regelmäßig hat sie in den vergangenen Jahren Prosa veröffentlicht, zuletzt den hoch prämierten Roman «Du stirbst nicht» (siehe Literaturen 04/2009). Lyrik von der einst mit dem Leonce-und-Lena-Preis bedachten Autorin dagegen suchte man zuletzt vergebens. Mit den über siebzig Gedichten, die der neue Band «Blinde Bienen» versammelt, sind die prosaischen Zeiten aber nun vorbei: Dieses Buch ist eine wunderbar irritierende Sammlung geworden.

Da ist zum Beispiel das Gedicht über einen «fliegenden fisch aus dem norden», dessen ambitionierter Plan darin bestand, dass er «die ostsee ans mittelmeer heften wollte». Selbstverständlich verdient ein derartiges Unterfagen Beistand: «wir stellten ihm / virtuell wasser zur seite, damit er auf seinem flug den gesetzen / zu folgen lernte, die wir uns ausgedacht hatten.» Doch während man noch grübelt, in was für eine Unternehmung man da gerade hineingezogen wird, kommt die Sache bereits in einem famos-melancholischen Schlusspanorama an ihr Ende:

 

«vor venedig stürzte inzwischen gewittrige seide vom himmel, /
zu viel fürs netz, das sofort kollabierte, der fisch verschwand, /
wir konnten noch eine weile das nachbild des zerrissenen /
heftfadens sehen, wie es über den schönen alpen schlingerte.»

Dergleichen ließe sich als psychedelischer Nonsense verunglimpfen oder bejubeln, es lässt sich als tiefschürfende Allegorie, als sinnschweres Bild deuten – was in jedem Fall zurückbleibt, ist das wunderliche Gefühl, hier habe jemand etwas Ungebärdiges mit der Sprache angestellt.


Unter Mischwesen

Einfach bändigen lässt sich allerdings kaum eines der Gedichte in «Blinde Bienen», obgleich sie thematisch durchaus vertraute Sujets umkreisen: Natur, Kindheit oder Zwischenmensch­liches, insbesondere die Liebe. Kathrin Schmidts poetische Kunst besteht vielmehr darin, für konventionelle Themen eine Form zu finden, in der sich Irritationen austoben, gelegentlich auch nur subtil entfalten können. Sinnfällig wird dies immer dort, wo die Laute zu tanzen und die Bedeutungen zu flirren beginnen. Dann entstehen aus Worten wie «wispermohn» und «whispermoon», wie «bleigesicht» und «gleichgewicht», wie «saum und sander, zaum und zander» surreale Gebilde: «räume, in denen es ordnungen schneit», wie etwa in jenem «museum / der abgehalfterten dinge», in dem sich «sorgenstern», «milchfädchen» und «ungefeuer» versammeln.

Solche Sprachräume bereiten immer wieder die Bühne für merkwürdige Wesen. Menschen und nicht selten Tiere – wie «eine zweifach gebeutelte asylwölfin» («sie lüpfte / einen der beutel für mich. / im andern warst du, ich lernte dich fühlen durchs fell») oder einfach ein «sprechendes rehtier» – treten dort auf, beobachten einander, treten zueinander in Beziehung. Dabei wird stets eine leicht distanzierte Außenperspektive gewahrt; Innenschau bleibt aus, die Bilder müssen für sich sprechen: «von himmelsfetzen gänzlich bedeckt, lagerten wir / in imaginärer tundra. kann sein, dass es das
war / was permafrost auslöste. was dir den eisschweiß / auf die stirn trieb.»

Auf diese Weise entstehen präzise Skizzen zumeist intimer Verhältnisse – Skizzen, die zwischen den Handelnden einen Raum des Unaufgelösten belassen: «ganz nass stehen jetzt / mann und frau beieinander und wissen nicht, / welche verfahrensregeln sich abkoppeln müssen / in diesem verstummspiel, diesem scheidegescheiten / streiten um höhen und tiefen.» Immer sind in solch unentschiedenen Momenten Verletzung und Geborgenheit gleichermaßen möglich.

Historische Tiefe erhalten diese Studien menschlichen Verhaltens nicht zuletzt dort, wo sie von einer Sozialisation in der DDR erzählen – biografisch grundierte Texte, in denen die 1958 im thüringischen Gotha geborene Auto-rin Erinnerung und psychosoziale Studie verbindet, eröffnen den Band. Ganz am Anfang jedoch steht ein Gedicht über jene grundstürzende Irritation, von der Kathrin Schmidt bereits in ihrem letzten Roman erzählte, die Hirnblutung: «als mir / s messer aufspringt im täschchen, / die arteria choridea schlitzt. von nun an / alles. sehr schnell schemen. bruchstück. haft.» Seit sie im Jahr 2002 von einer solchen Hirnblutung aus dem Leben, aus der Sprache gerissen und in «bruchstück. haft» genommen wurde, war kein Gedichtband von ihr mehr erschienen. «Gedichte? Wie geht das? Sie kann es sich einfach nicht vorstellen», hieß es im Roman über Kathrin Schmidts Alter Ego Helene Wiesendahl. «Blinde Bienen» nun lässt keinen Zweifel mehr daran, dass eine der eigenständigsten Lyrikerinnen ihrer Generation wieder weiß, wie das geht mit den Gedichten.

 

Kathrin Schmidt
Blinde Bienen
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 92 S., 16,95 €

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