- Ein fröhlicher Reformvorschlag für telegenes Schweigen
Fünf Polit-Talkshows, hunderte Gäste und unzählige Stunden Debatte – doch die permanente politische Gesprächsproduktion ist lediglich die Simulation demokratischer Meinungsbildung. Ein Plädoyer für eine ungewöhnliche Programmreform.
Fünf große Polit-Talkformate beschallen uns derzeit allein im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Markus Lanz, Maischberger, Caren Miosga, Maybrit Illner und Hart aber fair. Markus Lanz sendete 2025 an die 130 Mal. Hunderte Männer und Frauen saßen in modernem Geflechtgestühl, neben kleinen Tischchen, auf denen noch nicht einmal ein kräftiger Primitivo aus der Glaskaraffe vor sich hin schimmerte oder blauer Zigarettendunst durch die Luft waberte, sondern nur freudloses Wasser, das bestimmt auch noch „still“ und aus der Leitung gezapft wurde, um auch nicht den leisesten Verdacht von Elitismus zu erzeugen.
Zu dieser Armada an Politikern, Experten, Publizisten, „Beobachtern“, zunehmend Kabarettisten und Sportreportern und tatsächlich auch manchmal „normalen Bürgern“ gesellte sich noch die Gast-Sonderkategorie Elmar Theveßen: Siebzehnmal im Jahr 2024 geladen. Ich schlage die Gründung eines „Elmar-Theveßen-Spotting-Tickers“ vor, um seine Zuschaltungen auch empirisch zu dokumentieren, denn kein anderer Mensch erklärt Deutschland derartig omnipräsent die Welt.
Wer in diesen Runden Platz nimmt, gehört bereits zum „gesellschaftlichen Konsens“ oder hat zumindest bewiesen, dass er ihn nicht ernsthaft gefährdet. In der Regel ist der gute Mitdiskutant nicht zu unbequem, nicht zu randständig oder, im Zweifelsfall, gut eingerahmt von rhetorisch versierten Wohlmeinenden der Mitte. Der gelegentlich geladene Andersdenkende erfüllt dabei eine präzise Funktion: Er darf die These formulieren, die dann von drei Seiten gleichzeitig widerlegt wird, woraufhin der/die Moderator/in zusammenfasst und zum nächsten Thema überleitet.
Das Ergebnis ist ein Format, das aussieht wie Debatte, weil es die konstituierenden Elemente der Debatte realisiert: These, Antithese, Kontradiktion, Expertise, Leidenschaft, gelegentlich sogar eine erhobene Augenbraue, das aber mit einer echten Debatte so viel zu tun hat wie Kaugummi oder eine Käse-Scheiblette mit Ernährung. Ich schlage daher vor, die Zahl politischer Talkshows im deutschen Fernsehen auf maximal zwei pro Woche zu begrenzen. Nein nicht zwei Formate, sondern genau zwei Sendungen. Man möge mir diese Radikalität verzeihen, aber manchmal braucht es radikale Maßnahmen, um die Demokratie zu retten.
Nur scheinbar eine „gesellschaftliche Diskussion“
Wir werden totgequatscht, um keine Idee schlauer, aber mit dem tröstlichen Gefühl, dass da permanent etwas geschieht. Das ist die eigentliche Leistung des Formats: Es simuliert Demokratie so überzeugend, dass man die echte kaum noch vermisst. Indem suggeriert wird, der politische Entscheidungsprozess laufe öffentlich und transparent ab, werden die eigentlichen Institutionen der Entscheidungsfindung gleich doppelt entwertet: Einmal durch Gleichgültigkeit und das andere Mal durch Kalkül.
Denn das Talkshow-Ritual eignet sich vorzüglich dazu, unliebsame Entscheidungen scheinbar der „gesellschaftlichen Diskussion“ zu überlassen, um sie anschließend ungerührt durchzusetzen, und zwar im Parlament und nicht im Korbsessel. Diese Mischung aus inszenierter Verantwortlichkeit und kalkulierter Erschöpfung ist kein Kollateralschaden, viel eher das Produkt des Formats. Jede Sendeminute, in der wir zuschauen, wie über Reformen geredet wird, ist eine Minute, in der das Ausbleiben von Reformen sich wie Normalzustand anfühlt. Denn die Talkshow macht Stagnation zu Aktivität und das Publikum zum stillen Komplizen.
Seit zwei Jahrzehnten hat sich nichts verändert
Die Leserschaft mag ein etwaiges Déjà-vu verzeihen, denn all das ist nicht neu und war schon zu Zeiten von Christiansen, Hart aber fair, Beckmann und Johannes B. Kerner von viel beleseneren Zeitgenossen beschrieben. Bemerkenswert ist allerdings, dass es sich seit zwei Jahrzehnten nicht verändert hat, obwohl alles andere einem fundamentalen Wandel unterliegt: Die Gesellschaft ist polarisierter, die politischen Lager unversöhnlicher und das Vertrauen in die Institutionen noch niedriger, und dennoch sind es nicht weniger Talkshows geworden, sondern noch mehr.
Also: Maximal zwei Sendungen pro Woche. Den Rest der Sendezeit bitte für Parlamentsdebatten reservieren. Die sind selten aufregend, rhetorisch meist mäßig, inhaltlich durchaus fragwürdig und nicht annähernd so gut ausgeleuchtet wie ein Talkstudio, aber sie vermitteln, bei aller Zumutung, Realitäten ... oftmals bittere.
Ein konziliantes Angebot an alle Beteiligten
Darüber hinaus schlage ich vor, die eingesparte Sendezeit anteilig für Folgendes zu nutzen.Erstens Stille … mindestens zehn Minuten täglich, in denen die Sender einfach nichts senden, damit die Gesellschaft wieder lernt, dass Schweigen höchst konstruktiv ist. Zweitens Wiederholungen historischer Bundestagsdebatten, etwa zur Ostpolitik oder zum Nato-Doppelbeschluss, damit der geneigte Zuschauer erkennt, was politische Auseinandersetzung einmal bedeutet hat, bevor sie zum „politischen Marketingformat“ wurde.
Und drittens, ein konziliantes Angebot an alle Beteiligten, eine wöchentliche Sendung, in der Markus Lanz mit Sandra Maischberger schweigend und abwechselnd Primitivo und Mariacron trinkt und dazu Gäste einlädt: mal Karl Lauterbach oder Claudia Major, vielleicht Omid Nouripour, gar Florence Gaub oder Robin Alexander zum Beispiel. Niemand erklärt irgendetwas, während die Getränke von freundlichen Hilfskräften im Studio geräuschlos nachgeschenkt werden.
Ganz sicher: Das wäre die quotenstärkste Sendung seit der Mondlandung. Wenn dann der Talk verstummt, hört man vielleicht wieder etwas: das leise Murmeln eines Gemeinwesens, das dringend weniger „richtige Kommunikation und Mitnehmen“ und mehr Substanz, Position und Entscheidung bräuchte. Einen Augenblick lang könnte man glauben, die Stille wäre bereits ein Anfang … bis Elmar Theveßen wieder zugeschaltet wird.
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In kurze Blick in die „üblichen Verdächtigen“ am Folgemorgen reicht völlig für einen Überblick.. Und manchmal kann ich’s wieder besseres Wissen nicht lassen, mir das auszugsweise in der Mediathek, zumindest auszugsweise, anzusehen.
Im Übrigen darf ich der Autor noch auf zwei weitere Formate hinweisen: Presseclub & Phönix Runde. Beim Presseclub ist das interessante, das Nachfragen“ da zwar selten aber immerhin auch mal kritische Töne zur Beantwortung anstehen. Und die Phönix Runde sehe ich mir auf jeden Fall an wenn ich’s mitbekomme das ein „Cicerone“ zu Gast ist. I.ü. Würde ich mir wünschen, dass derartige Auftritte im Cicero publik gemacht würden z.B. im Newsletter
Mit freundlichen Gruß a d Erfurter Republik
Es gibt noch andere, echte Diskussionen im deutschsprachigen TV. Da ist z. B. „Talk im Hangar 7“ bei dem österreichischen Servus-TV (nur noch online) mit dem grandios gut informierten Michael Fleischhacker, der nicht nur „moderiert“, sondern selbst auch kritische Fragen aus seinem breiten „Fachwissen“ beiträgt. Ebenso ist „Links, Rechts, Mitte“ beim gleichen Sender interessant. Beides vorzugsweise bei Themen, die auch auf unser Land zutreffen. Die „Talk-Shows sind immer kontrovers von links und rechts „paritätisch“ besetzt.
Gut und kurzweiliger ist auch Nena Brockhaus „Meinungsfreiheit“ bei Welt TV. Auch hier gibt es häufiger gute Diskussionen, die ihren Namen verdienen.
Sie sehen, es geht, wenn man nur will. Aber der ÖRR will scheinbar nicht, weshalb wir dessen Talk-Shows meiden.
Die Sendung und Diskussion historischer Bundestagsdebatten finde ich eine ziemlich coole Idee. Schwieriger Punkt: wer darf die Debatten aussuchen.
... bedenken Sie die Lücke "zwischen Zug und Bahnsteig"!
Wieviele heutige Abgeordnete auf dem Bahnsteig des heutigen Bundestags würden die Reden von Fritz Erler oder Carlo Schmid denn überhaupt noch verstehen?
Anderes. Er lässt die Leute reden, fragt nach, ohne politisch Unkorrektes, die linke Einbahnstraße Verlassendes zu korrigieren. Schließlich sind die Gesprächspartner selbst für ihre Aussagen zuständig. Man traut dem Publikum nichts zu, aber noch wichtiger ist es, Andersdenkenden eins auf den Hut zu geben. Die das aus der DDR kennen, sind ja nur noch ganz wenige und die Mehrzahl - glaubt man - merkt es nicht. Dass ihm das seitens der Medienkontrollen zum Vorwurf gemacht wird, war zu erwarten. Seinen Erfolg wird es nicht mindern. Es wird nicht einfach sein, ihn zu verbieten.
Noch hat das Parlament bei uns die Macht! Noch muss es Arbeiten erledigen, die für unser Land notwendig sind!
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Eine öffentliche Bundestagsdebatte zeigt nur grottenschlechte Fensterreden mit ihren vorhersehbaren und deprimierenden Phrasendreschereien, die nur die verfassungsmäßige Demokratie immer weiter in Misskredit bringen!
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Reguläre Bundestagssitzungen sollten bei totalem Ausschluss der Öffentlichkeit und der Medien eine Mindestdauer von 8 Stunden haben. Weißer Rauch darf erst dann aufsteigen, wenn alle TOPs mit 3/4-Mehrheit erledigt sind.
Diese Beschlüsse sind im ÖRR in voller Länge vorzustellen und sind in der Folge je nach Bedarf zur Kommentierung durch Journalisten freigegeben.
Egal aus welchen Gründen: Abgeordnete, die sich vor einer solchen Sitzung drücken, erhalten keinen Cent.
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Ach ja, jeder hat so seinen Traum, Herr Errichiello!
"Endlich Ruhe" schafft auch das TV-Testbild des Autors oder Malers nicht.. Oder Wolfram Weimer? Ein bißchen Schein muß sein. Schließlich ist er Merz´s
Aushängekünstler. Friedrich macht auf Kunst und Wolfgang nunmehr auf Politik.
Alles Schein und Lüge von schwarz übertüncht. Vasarelys Werk allerdings war sein Faible
farbiger Geometry Rosenthal Motiv 20. Alle ausverkauft. Wer nimmt uns Merz trotzdem noch?
Er ist kein Souverän. Weltweit an Immage verloren.
Talk ja, aber bitte Talkmaster/in, der/die dazwischen geht, wenn es demagogisch oder dogmatisch wird. Auch politisch motivierte Talkgäste haben nur Meinungen und keine absoluten Wahrheiten. Ein anderer Kommentator hat schon ein positives Beispiel mit "Talk im Hangar 7" (Österreich) erwähnt. "Ben Unscripted" ist kein Talk, sondern reines Frage-Antwort-Format, ohne die Meinung des Gastes zu mörsern. Deshalb auch gut, da keine politische Richtung präverierend. Gesellschaftlich ist man bereits tot, wenn man öffentlich laut wird, wenn fünf Linke bei einem Bäcker einkaufen, dürfe der Bäcker keinen Rechten bedienen. Live und in Farbe geschieht das z.B. in Restaurants, wo u.a. schon Politiker jeglicher Couleur den politischen Klassenkampf durch poligisch motivoerter Nichtbedienung erfahren haben.
Die gibt es längst, allerdings nicht erst dann, wenn es zu langatmig wird, sondern sie grätschen dem Redner lautstark hinein, wenn ihnen der Tenor seiner Aussage nicht passt.
ein wunderbarer Text. Mir bleibt bisher nur, den Brei zu boykottieren. Ich bin bei Anne Will (aber kann nie) ausgestiegen, weil Luisa Neubauer meine Magenschleimhaut überforderte. Dem ähnlich postfaktischen Großmeister Elmar Theveßen gelingt allerdings mit Bravour, das subterrane Niveau noch zu unterschreiten.
Gleichwohl, für über 220 Euro jährlich in Endlosschleife vorgeführt zu bekommen, dass die einzig verlässliche Konstante menschliches Treibens eitle Dummheit ist, tut weh.
jeden Tag von jeder Partei im Bundestag je einen Kopf schweigend zeigen und alle mit der Unterzeile " Hohle Köpfe"
