Diskussion über „suicidal empathy“ - Wenn aus Gefühlsverweigerung Unvernunft wird

Der Begriff „suicidal empathy“ beschreibt eine moralische Übersteuerung westlicher Politik: Empathie wird demnach zum absoluten Maßstab erhoben und verdrängt unsere Urteilskraft. Klingt interessant, ist aber so nicht richtig. Eine Entgegnung auf Shantanu Patni.

Ralf Hanselle / Antje Berghäuser

Autoreninfo

Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero. Im Verlag zu Klampen erschien von ihm zuletzt das Buch „Homo digitalis. Obdachlose im Cyberspace“.

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Dies ist der zweite Beitrag zum Thema „suicidal empathy“. Den Artikel von Shantanu Patni können Sie hier lesen.

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Dr. Oliver Strebel | Di., 13. Januar 2026 - 13:46

Der Mensch erfindet fortlaufend Klimbim, um sich über andere zu erhöhen. Ein schönes Beispiel ist die englische Oberschicht, wo man als unhöflich gilt, wenn man die Erbsen nicht auf der Rückseite der Gabel zum Mund balanciert.

Bei uns ist es die Gendersprache. Zwar gibt es Vergleiche zwischen gegenderten und und nicht gegenderten Sprachen bezüglich Gleichberechtigung. Da gibt es einen klitzekleinen, aber statistisch signifikanten Unterschied. Folglich ist zu erwarten, das sich die Gesellschaft nur ein winziges bischen ändert, wenn man an der Sprache herumschraubt. Ergo ist die Sprachschrauberei wichtigtuerischer Klimbim.

Viele Menschen von heute fühlen sich in ihrem Status erhöht, wenn sie sich moralisch als besonders gut darstellen. Im Rokoko bestand der Klimbim zur Selbsterhöhung aus Perücken und falschen Hüften. Heute sind es Sprachregelungen und Pronomen (neue Adelstitel).

Suizidal ist das jedoch nur in den allerseltensten Fällen.

Markus Michaelis | Di., 13. Januar 2026 - 14:37

Mensch und Gesellschaft sind in keine Formel aus endlich vielen Sätzen zu pressen. Das im Hinterkopf sind wir immer ein wenig Infokratie, ein wenig emotional suicidal, vieles andere und das Gegenteil auch immer ein wenig. Die Frage ist, was man im Moment höher gewichten und korrigieren will.

Da gibt es wohl auch infokratische Strukturen - auch ein Punkt. Das schließt aber nicht aus, dass es, bei anderen Menschen, in anderen Situationen und Zusammenhängen, auch diese starke emotionale Steuerung gibt. Und auch wenn Emotionen ein wichtiges Hilfsmittel und auch den Menschen mit definierend sind: das macht sie noch nicht nur immer gut und richtig. Zu den Emotionen gehört vielleicht auch das falsche Menschenbild, dass der Mensch theoretisch ein widerspruchsfreies Ideal hat, so dass jede negative Emotion einen beseitigbaren Grund haben müsse. Solches Denken scheint es mir zu geben und das führt auch zu Sackgassen. Kritik an Emotionen führt nicht direkt zum Führerstaat.

Angelika Sehnert | Di., 13. Januar 2026 - 15:56

Die Postionen der Autoren liegen doch gar nicht so weit auseinander, es sind die unterschiedlichen Blickwinkel, die different sind. Patni hebt mit Recht auf die Zustände an den Universitäten ab.Hier fallen ganze Fachrichtungen mittlerweile als Institution kritischer Gelehrsamkeit aus. Es herrscht vielmehr kontrafaktische Gefühlsduselei, nicht zu verwechseln mit Empathie! Der erschreckenden Beleg hierfür sind die antisemitischen Proteste nach dem Massaker vom 7.Oktober oder die Feindseligkeit gegen eine Wissenschaftlerin, die an der ausschließlichen Existenz von zwei biologischen Geschlechtern festhält. Es herrscht kein Übermass an Empathie, sondern es sind völlig fehlgeleitete Gefühle, die auch noch absolut gesetzt werden, die das Zusammenleben auf Dauer unmöglich machen.
Ergänzend hierzu führt Hanselle die (vermeintlich) technokratischen Massnahmen der Politik während Corona an, die mit einer unglaublichen Kälte und Empathielosigkeit sondergleichen durchgezogen worden sind.