Statussymbole - „Ein Porsche macht keinen Eindruck mehr“

Brauchen wir in einer hochindividualisierten Welt überhaupt noch so etwas wie Statussymbole? Ein Gespräch mit der Sozialpsychologin Andrea E. Abele-Brehm

Außer vielleicht der hier: von Bill Gates.
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Frau Abele-Brehm, brauchen wir überhaupt noch Statussymbole?
Statussymbole sind sinnvoll, wenn sie uns Informationen über unsere soziale Umwelt geben, sie erklären, ordnen ein. Sie helfen uns, den Träger einzuschätzen. Und sie sind nützlich für jenen Träger, weil sie ein Rollenselbstverständnis vermitteln.

[[{"fid":"54770","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":217,"width":196,"style":"width: 140px; height: 150px; float: left; margin: 5px;","class":"media-element file-full"}}]]Autos, Rolex, Flachbildfernseher – die klassischen Statussymbole brauchen wir zur Erhöhung unseres Selbst?
Die Theorie der symbolischen Selbstergänzung besagt, dass insbesondere jene, die nicht mit einem hohen Selbstwertgefühl ausgestattet sind, diese Symbole nutzen, um ihr Selbst ergänzen zu können. Das kann ein Doktortitel sein, mit dem jemand immer angesprochen werden will oder teure Kleidung, Schmuck, ein Auto.

Der neue Cicero beschäftigt sich mit dem Auto als überholtem, veraltetem Statussymbol.
Es geht bei Statussymbolen immer um drei Faktoren: Wer schaut sie sich an? Welche sind es? Bei wem sieht man sie? Manche Leute lassen sich von einer Rolex beeindrucken, andere nicht. Es gibt Personen, die können eine echte nicht von einer Fälschung unterscheiden. Es kommt auf den Rolexträger insgesamt an. Bei dem einen kann eine Rolex durchaus passend und angemessen wirken, bei dem anderen dagegen protzig. Es gibt allerdings noch eine andere Dimension. Statussymbole können Autorität vermitteln, das kann hilfreich sein oder auch nicht. Die Uniform des Polizeibeamten ist in gewisser Weise ein Statussymbol, um zu zeigen, dass man sich an diese Person wenden kann. Das gleiche gilt für Ärzte mit dem Statussymbol des weißen Kittels. Für viele Patienten ist es bis heute merkwürdig, wenn der Arzt ihn nicht trägt. Statussymbole können also Orientierung geben in einer Welt, die unüberschaubarer geworden ist.

Woher kommt unser überhöhter Drang nach Individualisierung?
Man vermutet, dass tiefe kulturelle Wurzeln dafür verantwortlich sind. Asiatische Gesellschaften gelten als kollektivistisch, sie betonen eher die Familie und die soziale Herkunftsgruppe, während westliche Industrienationen als individualistisch gelten und auf Individualität und Einzigartigkeit Wert legen.

Ist die Individualität nicht der Tod jedes Statussymbols?
In gewisser Weise schon. Denn dann gilt: Anything goes. Es kommt nur noch darauf an, dass Sie sich gut inszenieren. Wir versuchen immer mehr, unterscheidbar zu sein. Durch unsere Kleidung, unseren Schmuck, durch die Art unseres Sprechens. Und doch tragen wir am Ende alle die gleiche Mode, weil wir stark beeinflussbar sind von Trends.

Es finden sich auch keine Studien zum Thema Statussymbole.
Ich kenne zumindest keine wissenschaftlichen Studien. Ich denke, Statussymbole sind differenzierter geworden. So wie unsere Sichtweise auf andere Menschen differenzierter geworden ist. Wir lassen uns nicht mehr so schnell von anderen beeindrucken. In einer Gesellschaft, die im Schnitt reicher und wohlhabender geworden ist, macht ein Porsche keinen besonderen Eindruck mehr. Heute müsste es schon etwas noch „Großartigeres“ sein. Grundsätzlich aber scheint mir, dass Statussymbole nicht mehr so protzig, nicht mehr so auffällig sind.

Interessiert das Thema so sehr, weil wir uns wünschen, dass Dinge wieder leichter kategorisierbar sind?
Ob es so sehr interessiert, weiß ich nicht. Aber mit Statussymbolen kann man sich selbst als einzigartig inszenieren, andere können wir klassifizieren. Wir können uns als Mitglieder bestimmter Gruppen (z.B. die „Porschefahrer“) zu erkennen geben und uns damit von anderen Gruppen (z.B. die „Audi-Fahrer“) abgrenzen.

Und beides fehlt uns?
Es ist eine alte menschliche Tendenz, in Gruppen von „wir“ versus „nicht wir“ zu denken. Zur Unterscheidung tragen Statussymbole bei, aber beispielsweise auch die Sprache. Zum Beispiel erfährt der Dialekt eine gewisse Renaissance. Er verbindet mit der eigenen Gruppe, ob man nun aus Berlin oder München kommt.

Wir wünschen uns eine eigene individuelle Identität und gleichzeitig Zusammengehörigkeit. Klingt schwierig.
Wir haben heute alle ein unheimlich großes Ego, das wir versuchen zu schützen und zu pflegen. Aber Zugehörigkeit zu anderen Menschen ist genauso wichtig.

 

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