Das Journal - Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Ulrich Sieg sucht mit seiner Biografie Paul de Lagardes nach den Wurzeln des völkischen Nationalismus im Kaiserreich

Die Vertreter der völkischen Bewegung im Deutschen Kaiserreich sind so etwas wie die Schmuddelkinder der deutschen Geschichte: Jeder kennt sie, doch nur wenige Historiker beschäftigen sich mit ihnen. Tut man es doch, wird man nicht selten gefragt, ob es nicht schrecklich sei, dieses verquaste Zeug zu lesen. Hinter diesen Fragen steckt die zählebige Vorstellung, es habe sich bei den Völkischen eigentlich nur um einige Verrückte gehandelt, die sich vor den Herausforderungen der Moderne in eine selbstgemachte Welt der Nationalreligion und der «Deutschtümelei» verkrochen hätten – und viel mehr gebe es dann auch nicht zu sagen.

Diese Einschätzung erstaunt vor allem angesichts des immensen publizistischen Erfolgs und der weit verzweigten, zum Teil auch internationalen Rezeption dieser radikalen Spielart des deutschen Nationalismus. Paul de Lagarde, Julius Langbehn oder Houston Stewart Chamberlain waren die Pop-Literaten ihrer Zeit. Ihre Werke wurden massenhaft verkauft. Auch der Nationalsozialismus, trotz seiner betonten Distanzierung, wäre ohne die Völkischen um einen Großteil seiner nationalreligiösen Bilderwelt gebracht worden. Daher ist es ein Glück, dass es doch noch Historiker gibt, die in die abgründige Vorstellungswelt der völkischen Bewegung eintauchen und sie erklären.

So etwa Ulrich Sieg, der jetzt eine Biografie Paul de Lagardes vorlegt, die am Beispiel dieses selbsternannten «Propheten des Deutschtums» die «Ursprünge des modernen Antisemitismus» erhellen will. Das ist sicher ein hoher Anspruch für die Untersuchung eines einzelnen Lebenslaufs. Doch überzeugt zunächst Siegs einleitender Hinweis, dass sich gerade Lagarde für eine solche Fallstudie anbietet. Schon vom Jahrgang her war Lagarde so etwas wie der Elder Statesman der völkischen Bewegung. Seine Vorstellungswelt bewegte sich noch zwischen einer sehr viel älteren deutschen Nationalromantik und dem, was am Ende des 19. Jahrhunderts «völkische Religion» hieß. Zugleich war er einer der wenigen Völkischen, die auch einen wissenschaftlichen Ruf besaßen. Diese Aspekte machen Lagarde zum idealen Gegenstand einer Studie, die nach der Herausbildung des völkischen Antisemitismus im bildungsbürgerlichen Diskurs der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fragt.


Eine neue Nationalreligion

Als Paul Bötticher im November 1827 in Berlin geboren, lässt sich der spätere «Prophet des Deutschtums» nach seiner Habilitation von seiner Großtante adoptieren und nimmt 1854 deren Namen an. Bis dahin hat er Theologie und orientalische Sprachen studiert und ist zu diesem Zeitpunkt bereits durch eine Reihe von Arbeiten aufgefallen, die vor allem auf seiner breiten Kenntnis der klassischen und indogermanischen Sprachen beruhen. Nach einem Forschungsaufenthalt in London reicht es aber für einen Lehrstuhl in Halle nicht und Lagarde wird 1854, jetzt unter diesem neuen Namen, Gymnasiallehrer in Berlin. Erst 1869, nach beharrlichem Publizieren, erhält er eine Professur für Orientalistik in Göttingen.

Im Horizont des Berliner Antisemitismusstreits veröffentlicht Lagarde eine Streitschrift, in der er zum ersten Mal zur Gründung einer neuen deutschen Religion jenseits der christlichen Konfessionen, vor allem aber jenseits des Judentums, aufruft. Der neue Nationalstaat bedürfe eines spirituellen Kerns, ohne sich in konfessionellen Streitereien aufzureiben. Nach viel Kritik, aber ebenso viel prominenter Zustimmung beißt sich Lagarde am Gedanken einer neuen Nationalreligion fest und artikuliert ihn immer deutlicher in Abgrenzung zum Judentum. 1878 schließlich erscheint jener Band mit dem Titel «Deutsche Schriften», der ihn in kurzer Zeit populär macht und bis in die 1930er Jahre fester Bestandteil des nationalistischen Kanons bleibt. In den 1880er Jahren beginnt Lagardes wissenschaftliches Ansehen deutlich unter seinen antisemitischen und antiliberalen Ansichten zu leiden. Im Dezember 1891 stirbt er, doch seine weltanschaulichen Schriften gewinnen weiter an Popularität.

Beschreibung eines Antisemiten

Ulrich Sieg nähert sich diesem Leben zwischen Wissenschaft und populärem Nationalismus mit der Absicht, die Geschichte des Antisemitismus am Beispiel der Geschichte eines Antisemiten zu schreiben und in der «dichten Beschreibung» eines Einzelfalls zu Erkenntnissen über das Gesamtphänomen zu kommen. Doch bleiben die Verknüpfungen zwischen Leben, Werk und Kontext oft vage und präsentieren sich auch sprachlich häufig als Vermutungen. Das liegt vor allem daran, dass Sieg dichte Beschreibung mit detaillierter Beschreibung verwechselt. Das Leben Lagardes, ebenso wie seine wissenschaftlichen und vor allem seine politischen Schriften werden dargestellt – doch an keiner Stelle interpretiert. Äußere Strukturfragen, ob es sich etwa um ein heterogenes oder geschlossenes Weltbild handelt, werden ausführlich diskutiert, doch ohne die inneren Formen und Funktionen dieses Weltbildes genauer zu analysieren.

Sieg fragt zwar danach, wann und wie sich Lagarde zum Antisemiten wandelte und betont zu Recht die erst allmähliche Radikalisierung seines Ressentiments, die Ursprünge und Funktionen dieser Einstellung selber aber bleiben im Dunkeln. Es geht immer um Lagardes Nähe oder Ferne zum Judentum oder zum radikalen Antisemitismus seiner Zeit, höchst selten aber darum, was sich über antijüdisches Denken im Kaiserreich aus Lagardes Leben und Schriften lernen lässt. Auch die Biografie bleibt vorsichtig distanziert, verweist häufig auf Widersprüche, aber ohne sie zu deuten. Am Ende bleibt ein sehr interessantes und auch gut lesbares Buch über einen Professor mit radikalen Ansichten, doch hat der Leser kaum das Gefühl, das Phänomen Lagarde oder das Phänomen des nationalen Antisemitismus jetzt besser zu verstehen.

Das verwundert auch deshalb, weil Lagarde wissenschaftlich um einiges mehr an Tiefenschärfe zu bieten hat als Adepten wie Langbehn oder Chamberlain. Um aber herauszubekommen, wie aus intellektueller Einsicht Ideologie wird, müsste man sich tiefer in die Texte versenken, als Sieg es tut. Er fasst die Schriften eher handbuchartig zusammen, als sie auszulegen. Was Lagarde von anderen unterschied oder was er von anderen übernahm, worin genau er den Antisemitismus seiner Zeit geprägt hat, welche Lebenserfahrungen nachweislich prägend waren, oder was in seiner Biografie ein neues Licht auf den Antisemitismus des Kaiserreichs wirft – diesen Fragen werden nur kurze Überlegungen gewidmet. Auch ganz am Ende hält Sieg am distanzierten Blick fest und diagnostiziert bei Lagarde, was wohl für eine Menge populärer Figuren der Geschichte gelten kann: eine «psychische Versehrheit» und eine «gezielte Selbststilisierung», die zusammen eine «charismatische Wirkung» hervorgebracht hätten.    

Dennoch wird Siegs Biografie Lagardes für eine Weile ein Standardwerk bleiben und hoffentlich weitere Arbeiten dieser Art nach sich ziehen. Denn den antisemitischen Nationalismus der Völkischen jenseits ideengeschichtlicher Schubladen genauer zu untersuchen und die Karrieren seiner Vertreter in der Tat einmal dichter zu beschreiben, dieser Ansatz der Siegschen Studie ist nur zu begrüßen. Auch wenn sie selber noch zu sehr von einer traditionellen Sorge um Distanzierung geprägt zu sein scheint: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern …

 

Ulrich Sieg
Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus
Hanser, München 2007. 416 S., 25,90 €

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