Soziologie des guten Lebens - Landidylle im Optimierungswahn

  Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Hartmut Rosa, Deutschlands bekanntester Zeittheoretiker, wehrt sich in seinem demnächst erscheinenden Buch gegen seine Rolle als „Entschleunigungspapst“. Ein ganz anderer Aspekt als die Verlangsamung des Alltags sei viel wichtiger

Landleben kann auch anders
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Schon sehr romantisch, wie unser Hof im jungfräulichen Weiß daliegt, Flocken vor dem gelben Licht der Stalllaterne zu Boden sinken, Pferde sich auf den Weiden um die Heuhaufen scharen, Schafe im goldgelben Stroh, Hühner, die beim ersten Dämmerlicht auf ihre Stange huschen, wo sie zusammengeplustert sitzen und leise vor sich hin gluckern.

Und doch: Die Winterferien brachten den Bauern an seine Grenzen. Und mich an meine. Aufs Land ziehen, die Kinder mit roten Wangen immer zufrieden und draußen, der Blick fürs Wesentliche, es langsamer angehen lassen, nicht alles so genau nehmen, die Unperfektheit zelebrieren, entschleunigen, entspannen, das war der Plan. Haha.

Landidylle trifft auf Wirklichkeit
 

Da sind wir nun in unserer Landidylle – und rödeln mehr denn je: Vereiste Tränken in den Ställen, in die Jahre gekommene Pferde, denen der Winter genau wie den alten Menschen zusetzte, Pferdeäppel, die im tiefen Schnee versanken und doch gefunden werden wollten und dann die Massen an Holz, die riefen, weil sie sich in der Kälte so gut spalten lassen. Dazwischen die Kinder. Eher verrotzt, hustend und heulend statt rotwangig und zufrieden. Das Leben eben. Alternativlos.

Das Gefühl, ständig nur als Feuerlöscher unterwegs zu sein, nichts geht voran, die Pläne zu groß, das Gefühl, etwas geschafft zu haben, zu klein, um Genugtuung zu erfahren. Je mehr Arbeit zutage trat, desto dichter fiel der Schnee. So fühlte es sich zumindest an.

Erklang bis vor kurzem der Schlachtruf nach einer Verlangsamung des Alltags, um dem allerorten beklagten Druck und der Beschleunigung etwas entgegenzusetzen, so stellt der Soziologe Hartmut Rosa nun einen neuen Begriff in den Vordergrund: Die Resonanz. Im März erscheint sein neuestes Buch, das zum „Gründungsdokument einer Soziologie des guten Lebens“ werden könnte, frohlockt der Verlag.

Gegen den Optimierungswahn
 

Er habe es satt, als Entschleunigungspapst herzuhalten, erklärte Rosa jetzt im Deutschlandradio Kultur und erörterte seinen recht nebulösen Begriff der Resonanz als eine Art „Antwortbeziehung“, als einen Moment, in dem das Gefühl vorherrsche, man sei „wirklich verbunden mit der anderen Seite, die geht uns etwas an, die können wir auch erreichen“. Nach Rosa sollten wir den Fokus nicht mehr auf „Ressourcen, Optionen und Glücksmomente“ legen, sondern auf eine stabile Beziehung zur Welt. Wer diesen Zustand erreiche, der habe es leichter, sich gegen den Optimierungswahn zu sperren, der uns alle erfasst hat.

Wer sich in eine resonante Grundhaltung zur Welt begibt, kommt also nahe heran an ein erfülltes und gutes Leben. Dann also, so verstehe ich Rosa, empfände es der Bauer idealerweise als zufriedenstellend, Pferdetränken aufzutauen und Heu bereit zu stellen und könnte die anderen Projekte guten Gewissens hintenanstellen. Und ich erlebte es als ausreichend, an einem Tag nichts gemacht zu haben als ein paar Windeln zu wechseln und hungrige Münder mit Risibisi gestopft zu haben.

So gesehen bin ich noch lange nicht da, wo Hartmut Rosa mich haben will.

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