Plagiat - Silvana, Karl Theodor und die Tochter Stoibers

Drei Sprösslinge gutbürgerlicher Familien haben ihre Dissertationen mit Plagiaten verziert. Was, so mögen wir uns fragen, hat sie nur in ihren Rechtsbruch getrieben? Auf jeden Fall haben sie sich der schönsten Zeit ihres Lebens beraubt, meint Cicero Chefredakteur Michael Naumann.

Silvana, Karl Theodor und die Tochter Stoibers
(picture alliance) Silvana Koch-Mehring, Karl Theodor zu Guttenberg, Veronika Saß

Dass drei Sprösslinge gutbürgerlicher, ja adliger Familien ihre Dissertationen mit Plagiaten verziert haben – unter ihnen Veronika Saß, die Tochter des ehemaligen Kanzlerkandidaten und bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, dem Musterexemplar vorgelebter Korrektheit – wirft nicht nur einen bedauerlichen Schatten auf ihre Erziehung und ihren Charakter, sondern auch auf ihre studentische Jugend. In ihrem betrügerischen Ehrgeiz haben sie die möglicherweise schönste Zeit ihres Lebens übersprungen. Mitleid mit den Plagiatoren!

Hier ist ein Geständnis fällig: Der Unterzeichnende hat mehr als zwölf Monate (zwischen 1968 und 1969) seines damals recht ziellosen Lebens mit der Lektüre des österreichischen Satirikers Karl Kraus verbracht, um eine wissenschaftlich inzwischen längst überholte Monographie dieses genialen Dichters und scharfzüngigen Pressekritikers zu schreiben. Copy and Paste gab es noch nicht. Sehr wohl aber an die 36.000 Seiten der „Fackel“ und anderer Bücher, die gelesen und verstanden werden wollten. Die Arbeitszeit von 10.00 Uhr bis ca. 19.00 Uhr sollte sich im Rückblick zu den glücklichsten Momenten des Lebens addieren. Karteikarten stapelten sich neben der Schreibmaschine, in der Studentenbude stand der dunkelblaue Zigarettenqualm, die Freunde mussten sich bisweilen die herrlichen Gemeinheiten des Dichters anhören und am Sonntag wurde Fußball gespielt.

Es gab auch Entdeckungen: Eine frühe Dissertation aus dem Raum Tübingen oder Freiburg aus der Nachkriegszeit war eine reine Kopie einer noch älteren Dissertation aus Wien. Alles auf dünnem Durchschlagpapier nachzulesen in der Münchner Staatsbibliothek. Wer der falsche Doktor war, interessierte nicht: „Am Ursprung gibt es kein Plagiat“, hatte Kraus den jungen Brecht verteidigt, der das Alte Testament geplündert hatte. Irgendwann später ist jener damals wohl noch junge Doktor mit dem falschen Doktortitel in den Himmel gefahren, wo akademische Ehren bekanntlich nicht die gleiche Rolle spielt wie hierzulande.

Was, so mögen wir uns fragen, hat die drei Plagiatoren nur in ihren Rechtsbruch getrieben? Der Baron wollte wohl seinem übermächtigen Vater und der fabelhaften Familientradition Genüge tun; Veronika Saß dürfte ähnliche Motive bewegt haben. Galt es, mit einem Doktortitel die vermehrte Zuneigung des gestrengen Vaters zu gewinnen? Womöglich unterlag sie aber nur einem Spieltrieb am Computer, also jener digitalen Heiterkeit, die dem ehemaligen Ministerpräsidenten so offenkundig fehlt? Und die schöne Europa-Abgeordnete? Hier vermuten wir komplexere Antriebe. Wer so attraktiv ist wie sie, dem unterstellt die patriarchalisch-chauvinistische Männer-Elite ihrer Partei womöglich mangelnde geistige Qualifikation. Klugerweise schweigt sie zum peinlichen Vorgang.

Es wäre jetzt an der Zeit, den deutschen Universitäten die Leviten zu lesen: Nicht, dass sie die Plagiate übersehen hatten, sondern dass sie eine Distinktionskultur in den Geisteswissenschaften und der Jurisprudenz pflegen, die Dissertationen und Habilitationen im Umfang von bis zu 1000 Seiten und mehr erwartet und möglich macht. Magisterarbeiten haben heute eine Länge und bisweilen auch eine Qualität, die vor ein paar Jahrzehnten von Dissertationen verlangt wurde. Die „Prüfungsväter“ lesen womöglich nur noch diagonal – wie sonst wollen sie ihren Lehrverpflichtungen nachkommen?

Angefangen hat diese deutsche Titel-Unsitte im frühen 19. Jahrhundert. Wer sich Promotionen und Habilitationen jener Ära anschaut, stellt verblüfft fest, dass zwanzig, dreißig Seiten völlig ausreichten, um den Doktoranden in die Karrierelaufbahn des aufsteigenden Bürgertums zu befördern. Strichen wir also die Plagiate aus jenen drei Dissertationen weg, bliebe noch genügend übrig, um jenen begehrten Titel zu erwerben, wären die Universitäten bereit, sich auf ihre fabelhafte Herkunft zu besinnen.

Dieser Doktorand jedenfalls erinnert sich gerne an die Begegnung mit der Wiener Witwe des Karl Kraus-Archivars, die den Satiriker noch persönlich kannte und nach der Lektüre der besagten Dissertation ausrief: „Grauenhaft, einfach grauenhaft.“

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