Shitstorms im Internet - Digitale Diarrhoe

Kisslers Konter: Beim Shitstorm versammeln sich gelangweilte Internetjunkies zum virtuellen Mob und starten die gelenkte Verbaloffensive gegen irgendjemanden oder irgendetwas. Hauptsache es gibt ein Opfer. Die Wende zum Besseren bleibt, wenn überhaupt, Nebensache

Sascha Lobo im Scheinwerferlicht.
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Autoreninfo

Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Tomaten sehen dich an, und manchmal verspeisen sie Menschenfleisch: Auf diesem Einfall basiert ein legendärer Filmspaß von 1978. Die CIA hat seine Finger im Spiel, wenn die roten Früchte mutieren, eine PR-Agentur verbreitet regierungsamtlichen Blödsinn, und irgendwann werden die Menschentomaten zu Ketchup zermatscht: Was haben wir gelacht, damals. Heute ist täglich „Angriff der Killertomaten“. Er hört auf den Namen Shitstorm und ist oft nichts anderes als digitale Diarrhoe.

Wenn der Journalist Sascha Lobo nun den Killertomatenangriff als lebendigen Beitrag zur Demokratie adelt, „Empörung in der Öffentlichkeit“ sei „ein wichtiges politisches Instrument“, so übersieht er die Konformität der gelenkten Verbaloffensiven. Es ist nicht die Öffentlichkeit, nicht einmal die Netzöffentlichkeit, sondern oft nur ein virtueller Mob, der seine Mütchen kühlt, um sich lebendig zu fühlen. Eilfertig, bußbereit reagiert dann das angeblich „im Kreuzfeuer der Kritik“ stehende Unternehmen, die skandalisierte Partei, der Verein der falschen Weltanschauung. Rasend schnell, nach Virusart, schießen die Vorwürfe ineinander, die Ketten des Dünkels überlagern sich, denn irgendwas läuft immer falsch.

Stolz sind die Shitstormer auf die Chronik ihrer Erfolge: Nestlé gab klein bei, weil es einen Schokoriegel mit Orang-Utan-gefährdendem Palmöl produzierte, die ukrainische Regierung geriet wegen der Vertreibung und Tötung von streunenden Hunden in die Defensive, eine Bank musste sich rechtfertigen, weil in einem Werbespot eine Scheibe Wurst verspeist wurde. Das sahen radikale Vegetarier nicht gern. Unlängst kapitulierte der Chefredakteur der NZZ vor den virtuellen Anklägern, warf ihnen eine Mitarbeiterin zum Fraß vor, die sich erdreistet hatte, das Coming-Out von Apple-Chef Tim Cook nicht, wie offenbar vorgeschrieben, zu bejubeln.

Landwirte shitstormen nicht

 

Der Shitstorm will ein Opfer sehen. Wegen dieser archaischen Ritualstruktur ist der Shitstorm nicht nachhaltig. Er ist ein vielhundertstimmiges Aufstoßen, das Erleichterung will und Befriedigung seiner Machtgelüste, keine wirkliche Wende zum Besseren. Zwischen Flatulenz und Ructus schwankt sein Reiz-Reaktions-Schema. Der Berg kreißt jedes Mal aufs Neue, Lavaströme ziehen zu Tal, bis in seinen fletschenden Schlund das jeweilige Opfertier geschleudert wird.

Tierschützer, Vegetarier und Veganer, die Lobbyisten von LGBT oder LGBTI sind die erfahrensten und erfolgreichsten Shitstormer. Schnell erregbar und rasch zu bündeln sind die Kohorten ihrer Erregung, haben sie doch ihr Dasein weitgehend von der realen in die virtuelle Welt verlagert. Wer sich noch eher im Analogen aufhält und dort gut beschäftigt ist, wird es nie zu einem Shitstorm bringen: Landwirte shitstormen nicht, Maurer tun es selten, Kassiererinnen kaum.

Es sollte Schluss sein mit der Überhöhung des Shitstorms zum Abbild der Gesellschaft. Hier äußert sich in der Regel die Teilmenge der Teilmenge der Teilmenge, der aggressivste Teil der nervösesten unter den gelangweiltesten Internetjunkies. Wenn es sich nicht sogar um die Simulation von Öffentlichkeit mittels bezahltem „Modern Mind Marketing“ im Auftrag eines Unternehmens handelt. Nicht jedes Anliegen, das laut genug vorgetragen wird, ist sozial relevant und moralisch wertvoll. Und nicht hinter jedem Account verbirgt sich ein kluger, geschweige denn freier Kopf.

Die Killertomaten kehrten einst zurück. Drei weitere Filme waren der Preis für eine abgedrehte Idee. Erst nach dreizehn Jahren gaben die Viecher Ruhe. Das lässt hoffen. Engagement und Empörung, Widerstand und Zivilcourage braucht jede Demokratie. Nicht aber jene gedankenarme, geistfeindliche Viralerregung, die wir Shitstorm nennen.

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