Klassenzimmer
Leeres Klassenzimmer / picture alliance / GES/Markus Gilliar | Markus Gilliar

Serie: Gewalt macht Schule - Teil 4: Alle Warnungen sind ungehört verhallt

Je weniger intelligent, resilient oder werteorientiert ein Mensch ist, umso dringender benötigt er starke Gewohnheiten, die Selbstbeherrschung für seine Antriebe und Gefühle sicherstellen. Das ist eine ganz triviale erzieherische Wahrheit.

Autoreninfo

Miriam Stiehler leitet eine private Vorschule sowie eine Praxis für Förderdiagnostik und Erziehungsberatung. Sie studierte Sonderpädagogik und promovierte in heilpädagogischer Psychologie. Workshops mit ihr sowie Fachtexte und Lernmaterial finden Sie auf www.WissenSchaffer.de. Zuletzt erschienen von ihrem Alter Ego Milka Sternheim: „Bonjour, Lockdown“, ein Band stimmungsaufhellender Anekdoten über die kleinen Abenteuer des Alltags in Südfrankreich.

So erreichen Sie Miriam Stiehler:

Der Tod eines Schaffners infolge eines Angriffs durch einen Schwarzfahrer hat jüngst bundesweit Schlagzeilen gemacht. Doch der öffentliche Raum in Deutschland verroht und verwahrlost schon lange. Ein Aspekt, über den dabei viel zu selten gesprochen wird, ist eine verwöhnende und einseitige Sozialpolitik und Sozialpädagogik. 

Seit Jahrzehnten nämlich kümmern sich Politiker, Sozialarbeiter und Pädagogen mehr um die Befindlichkeiten von sozial schwierigen Menschen, als darum, sie zur Selbstbeherrschung und Einhaltung elementarer Regeln zu bewegen. Doch welche Denkmuster halten die Verantwortlichen nur davon ab, das Richtige zu tun? 

In einer Mini-Serie widmet sich Cicero-Bildungsexpertin Miriam Stiehler pädagogisch-psychologischen Irrtümern, von denen wir uns verabschieden müssen, damit sich etwas ändert. Dies ist der vierte und letzte Teil der Serie.

---

Seit dreißig Jahren warnen kritische Pädagogen und Sozialforscher vor den Folgen der Irrlehren, die ich in dieser Reihe beschrieben habe. Lange hörte die Politik nicht auf sie, weil es mehr en vogue war, sich als vermeintlicher Wohltäter zu gerieren, als Verantwortung zu fordern. Es klang alles so schön einfach: „Niemand ist mehr an Fehlverhalten schuld, das sind alles Krankheiten, für die man Verständnis haben muss.“ „Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder, niemand lässt seine Kinder verwahrlosen, solange er nur genug Geld und eine Wohnung geschenkt bekommt.“ „Nicht moralische Regeln oder der böse, kalte Verstand sagen uns, was wir tun sollen, sondern unsere Antriebe und Gefühle. Wir wollen nicht mehr von Recht oder Unrecht sprechen, sondern nur von subjektiven Wahrnehmungen – wer fühlt, hat Recht!“ „Uns geht es doch so gut, warum sollten wir nicht im Übermaß leben? Lasst uns nie Nein sagen! Anderen etwas vorzuenthalten, was sie haben wollen, ist böse – besonders, wenn sie kleiner, schwächer oder sonst irgendwie anders sind als wir!“

Doch diese Träume aus dem Elfenbeinturm haben sich nicht erfüllt. Wir beobachten gerade ihren Zerfall und das Ringen zwischen denen, die unter dem Fallout leiden, und denen, die nicht zugeben möchten, dass sie falsch lagen.

Aber weil diese sentimentalen, irrationalen Luftschlösser dreißig Jahre lang gewirkt haben, beeinträchtigen bereits zwei Generationen regelverachtender und unbeherrschter Menschen das friedliche Zusammenleben. Crack-Süchtige, die ganze Viertel dominieren. Psychiatriepatienten, die ohne Behandlungserfolg entlassen werden und danach Verbrechen begehen. Drogensüchtige Eltern, die ihre Kinder verhungern lassen. Zuwandererfamilien, die ihre Kinder zum Stehlen schicken. Kinderbanden, die Einkaufszentren terrorisieren. Männer voller Hass und ohne Selbstkontrolle, die auf der Straße oder in der Bahn andere Menschen angreifen. Sie alle haben etwas gemeinsam: In den allermeisten Fällen hatten sie bereits Kontakt mit einer Person, die im Auftrag unserer Regierung als Sozialarbeiter tätig ist. Und dieser Kontakt hatte keine Grenzsetzung zur Folge, sondern blieb völlig nutzlos oder bewirkte sogar Schlimmeres. Warum? Weil man in Deutschland glaubt, es sei ein Zeichen gegen „Faschismus“, wenn Sozialarbeiter verwahrloste Menschen unbehelligt gewähren lassen.

Ein immenser Broken-Window-Effekt

Die Publizistin Susanne Gaschke schrieb schon 2001 in ihrem Buch „Die Erziehungskatastrophe“, viele Eltern seien „weder fähig zum Bedürfnisaufschub noch in der Lage, Verantwortung für andere zu übernehmen“ (Gaschke 2001, 14). Das Mindset der Jugend- und Sozialämter beschrieb sie wie folgt: „Natürlich greift der Sozialdienst ein. Aber mit großer Angst davor, mittelständischer oder bürgerlicher Wertvorstellungen geziehen zu werden; und mit schlechtem Gewissen. Dieses schlechte Gewissen teilt sich auch den unfreiwilligen ‚Klienten‘ mit – die es erfreut zum Anlass nahmen, unangenehme Maßnahmen zu unterlaufen.“ (151)

Was wir heute sehen, beweist, dass Gaschke richtig lag – und dass man ihre Beobachtungen ignoriert hat. Als SPD-Mitglied fasste sie in ungewöhnlich deutliche Worte, was ihre Partei schon damals nicht wahrhaben wollte: „Unter den Eltern, die es klassischerweise mit der Jugendhilfe zu tun bekommen, herrschen nicht nur Armut und Unwissenheit – man findet auch Bösartigkeit, Gleichgültigkeit und Egoismus, die durch schwierige Lebensumstände allein beim besten Willen nicht zu rechtfertigen sind […] Wenn der Staat – und seine Angestellten, die Sozialarbeiter – ihre Rolle ernst nähmen, müssten sie solche Eltern erziehen, sie zum Beispiel in ganz anderem Maße als bisher persönlich für Verfehlungen ihrer Kinder haftbar machen. Wir helfen Dir in jeder sinnvollen Weise, Deine Verantwortung wahrzunehmen, würde Maxime einer solchen Politik lauten: Aber wir zwingen Dich auch dazu, sie tatsächlich wahrzunehmen.“ (Gaschke 2001, 149)

Inzwischen sagen sich selbst Menschen, die das ursprünglich nicht betraf: Wenn die anderen alle nach Lust und Laune leben können, will ich das auch. Ich habe den Eindruck, dass letztlich ein immenser Broken-Window-Effekt am Werk ist. Das ist die Wirkung, die in einem Stadtviertel entsteht, wenn man die eingeworfene Scheibe eines Hauses nicht sofort repariert. Ihr bloßes Vorhandensein sagt Jugendlichen, die auf der Straße herumhängen: „Scheiben einzuwerfen ist okay, lasst es uns öfter machen!“ Straftäter erleben, dass es de facto keine Folgen hat, andere anzugreifen, zu stehlen, antisemitische Parolen zu schreien, Polizisten und Sanitäter zu bespucken, schmutzige Geschäfte zu machen. 

Drogensüchtige erleben, dass der Staat ihre Sucht finanziert, während Fleischkonsum als das wahre Problem gesehen wird. Verwahrloste Bewohner von Wohnblöcken gewöhnen sich an amerikanisch anmutenden Gangsteralltag, an Paketboten, die nichts mehr zustellen wollen, an das „Abziehen“ der Kinder auf dem Schulweg, daran, dass es besser ist, lieber den Mund zu halten. Kinder und Jugendliche werden in schlechter Gesellschaft – offline und online – allein gelassen, denn es ist ja nicht gewollt, noch jemandem zu sagen, was gut und was böse ist. Und dann halten es offenbar manche für gut, im Zweifelsfall Gleichaltrige umzubringen, wenn man sich von ihnen gemobbt fühlt. Einfach so. Weil in all den Jahren vor dieser Tat niemand gesagt hat: „Beherrsch dich! Erklär deine Gefühle, statt sie auszuleben! Sei pünktlich zu Hause! Sag mir, mit wem du dich triffst!“

Je weniger intelligent, resilient oder werteorientiert ein Mensch ist, umso dringender benötigt er starke Gewohnheiten, die Selbstbeherrschung für seine Antriebe und Gefühle sicherstellen. Das ist eine ganz triviale erzieherische Wahrheit. Diese Selbstbeherrschung aufzubauen, ist Aufgabe der Obrigkeit – und zu der gehören auch Eltern, Lehrkräfte und Sozialpädagogen, nicht nur Polizisten und Gerichte. Beliebigkeit zerfrisst das Gewebe, das uns als Gesellschaft zusammenhält und das überhaupt erst ermöglicht, verschiedener Meinung zu sein und trotzdem miteinander auszukommen.

Masse an Vulgarität, Grobheit und Gewalt

Wie sehr diese Erosion im Sozialbereich voranschreitet, wird immer noch unterschätzt. Es ist nicht nur tragisch, es ist manchmal wirklich abstoßend, das mitanzusehen. Es würgt mich innerlich, wenn ich an eine Begegnung denke, die ich am Rande einer großen Konferenz hatte: Zwei schmerbäuchige Verbandsvorsitzende aus dem Wohlfahrtsbereich unterhielten sich anzüglich grinsend darüber, wie in den Heimen und Wohngruppen für Jugendliche nachts reger Austausch zwischen den Jungs- und Mädchenstockwerken herrschte. Lüstern, abstoßend sprachen sie davon, wie die Jugendlichen zu leben wüssten, auch wenn ab und an eine Abtreibung fällig sei. Sie fanden sich großartig – so locker, so kumpelhaft und so gut am System verdienend.

Gute Erzieher brennen aus, weil sie der Masse an Vulgarität, Grobheit und Gewalt nicht Herr werden können, ohne einen Rüffel ihrer Vorgesetzten zu riskieren. Schlechte Erzieher und Sozialarbeiter machen das Problem noch schlimmer. Warum wundert sich noch jemand, wenn in Wohnheimen Kinder einander ersticken und vergewaltigen? Wenn Jugendliche aus betreuten Wohngruppen im Supermarkt stehlen und keinerlei Strafe befürchten müssen?

Wir müssen einen viel kritischeren Blick darauf haben, wie die Menschen erzogen und angeleitet werden, die in jeglicher Art von „Einrichtungen“ leben – seien es Kindergärten, Wohnheime, psychiatrische Wohngruppen, vom Sozialamt betreute Familien oder Flüchtlingsheime. Zu viele Menschen wachsen nicht in einer verantwortungsvollen Familie auf, und zu viele verantwortungsarme Familien werden nicht auf einfachste Regeln der Selbstbeherrschung und Rücksichtnahme verpflichtet.

Wir haben Erziehungsaufgaben an Ämter und Verbände ausgelagert und ihnen den Rücken gekehrt. Geld würde es schon richten, dachte man. Doch das stimmt nicht. Wenn niemand persönlich für das Gute eintritt, passiert es nicht. Das meinte Erich Kästner, als er sagte: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Niclas Huck | Di., 17. Februar 2026 - 18:25

...sind seitdem Herr Lafontaine sie durch den Kakau zog leider fast komplett abhanden gekommen. Er hat unserer Gesellschaft einen Bärendienst erwiesen

wolf | Di., 17. Februar 2026 - 20:25

Keine Denkmuster.
Es ist die pure linksgrünwoke Ideologie und der unbändige Wille, unsere Kultur und das Land zu zerstören.
Seit den 70-er-Jahren gaht das so.
Und nun laufen sie alle siegreich ins Ziel.
Und wir schauen nur noch zu.
All diese Texte sind recht und schön.
Aber sie werden niemanden von diesen AktivistInnen davon abhalten, ihr Werk zu vollenden.

Ferdinand Schulze | Mi., 18. Februar 2026 - 07:35

...für ihre Artikelserie, Frau Stiehler! Mehr kann ich dazu nicht sagen als alter weißer Mann, der 34 Jahre als Lehrer in einem Gymnasium zugebracht hat und entnervt vorzeitig in Pension gegangen ist.

Ines Schulte | Mi., 18. Februar 2026 - 18:00

...ist ja auch ein Form von Verzicht. Das passt doch hervorragend zum heutigen Aschermittwoch. Auch die in Aussicht gestellte Freude und Bestätigung, wenn man es überwunden/geschafft hat, manchen Dingen kurzfristig zu entsagen.
Vielen Dank für Ihre hervorragenden Artikel, in denen nicht nur geklagt wird, sondern auch Auswege aufgezeigt werden.