- Teil 3: „Meine Gefühle sagen die Wahrheit!“ – „Ja, aber nur über dich!“
Emotionen haben eine Botschaft – aber nicht über die Realität. Trotzdem wird Pädagogen heute eingebläut, dass sie Kindern nicht entgegenwirken dürfen. Dabei muss die Botschaft eigentlich lauten: „Du hast keine Lust? Das ist okay, dann machst du es eben ohne!“
Der Tod eines Schaffners infolge eines Angriffs durch einen Schwarzfahrer hat jüngst bundesweit Schlagzeilen gemacht. Doch der öffentliche Raum in Deutschland verroht und verwahrlost schon lange. Ein Aspekt, über den dabei viel zu selten gesprochen wird, ist eine verwöhnende und einseitige Sozialpolitik und Sozialpädagogik.
Seit Jahrzehnten nämlich kümmern sich Politiker, Sozialarbeiter und Pädagogen mehr um die Befindlichkeiten von sozial schwierigen Menschen als darum, sie zur Selbstbeherrschung und Einhaltung elementarer Regeln zu bewegen. Doch welche Denkmuster halten die Verantwortlichen nur davon ab, das Richtige zu tun?
In einer Mini-Serie widmet sich Cicero-Bildungsexpertin Miriam Stiehler pädagogisch-psychologischen Irrtümern, von denen wir uns verabschieden müssen, damit sich etwas ändert. Dies ist der dritte Teil der Serie.
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In Teil 2 dieser Reihe schrieb ich, dass unser „Innerer Wolpertinger“ Zügel braucht. Es ging darum, dass Antriebe nicht nur Bedürfnisse sind, sondern ein Maß und einen Rhythmus für ihre Befriedigung brauchen. Dass Selbstbeherrschung nottut. Das würde aber erfordern, Unlust auszuhalten: Immer wenn ein Antrieb auf Befriedigung warten oder verzichten muss, fühlen Menschen Frustration, also Unlust. Unlust aushalten und Frustrationstoleranz sind dasselbe. Sie fehlt aber heute sehr vielen Menschen, und das liegt an der zweiten modernen Irrlehre: „Gefühle sind Wahrheit“.
Das heißt: Wenn ich keine Lust auf Mathe habe, ist Mathe doof, und wenn ich Unlust fühle, weil Mama mich zum Aufräumen schickt, ist Mama doof. Wenn Eltern sich verpflichtet fühlen, jede Emotion ihres Kindes unhinterfragt stehen zu lassen, sind Probleme programmiert. Wenn Sozialarbeiter behaupten, Gefühle würden Gewaltausbrüche rechtfertigen, vertreten sie genau diese Irrlehre. Hinzu kommt, dass viele Pädagogen Gefühle weder eindeutig unterscheiden noch angemessen mit ihnen umgehen können.
Emotionen, die alle Menschen fühlen
Dabei kann man heute sehr genau verstehen, welches Gefühl gerade vorherrscht und was es bedeutet. Gefühle sind bei Weitem nicht so besonders und individuell, wie manche Menschen glauben. Dank der revolutionären Forschung von Paul Ekman wissen wir nämlich, dass Menschen auf der ganzen Welt die gleichen Gefühle erleben und mit derselben Mimik ausdrücken. Das ist gut so.
Angenommen, Sie stürzen mit dem Flugzeug in Papua-Neuguinea ab. Sie sprechen die Sprache nicht und sind mit der Kultur nicht vertraut. Dank der völkerübergreifenden Mimik werden Sie dennoch dem aufgeregten Dorfbewohner ansehen, ob er wütend ist, weil Ihr Flugzeug auf sein Haus gestürzt ist, oder Ihnen helfen möchte. Kulturell verschieden ist, worüber man sich ärgert – aber nicht, wie man dabei aussieht. Die sogenannten Basisemotionen, die alle Menschen fühlen, sind:
• Freude
• Trauer
• Angst
• Wut
• Unlust bzw. Ekel
Zusätzlich kann sich die universelle Reaktion der Überraschung mit diesen Gefühlen mischen. Alle Emotionen haben eine große Bandbreite. Es gibt als Freude eine stille Zufriedenheit, einen väterlichen Stolz, einen Torjubel oder das vergnügte Lachen – und vieles mehr. Wut kann von der leichten Gereiztheit bis zum Tobsuchtsanfall reichen. Ähnliches gilt für alle Emotionen.
Gute Erzieher ersparen keine Emotionen
Dank Paul Ekmans akribischer Forschung gibt es das FACS, eine Art Anatomieatlas der Mimik, der für jeden einzelnen Gesichtsmuskel eindeutig zeigt, in welche Richtung er sich bei welcher Nuance welcher Emotion bewegt. Ekman hat die Vernehmungstechnik der Kriminalpolizei gerechter und menschlicher gemacht, weil Lügen viel eindeutiger erfassbar wurden als mit dem fragwürdigen Polygraphentest, aber auch Marktforschung und Animationsfilme für immer verändert. Pädagogen können aus Ekmans Forschung etwas sehr Wichtiges lernen: Gute Erzieher ersparen ihren Schutzbefohlenen nicht alle negativen Emotionen, sondern bringen ihnen bei, damit umzugehen. Das muss auch die Rolle des Sozialstaats sein: nicht, dem Bürger alle Anstrengung und Unlust zu ersparen, sondern ihm Handlungsspielraum zu geben, seine eigenen Probleme zu lösen.
Das kann aber nicht gelingen, wenn man sich auf die Position stellt, die ein Alt-68er-Kollege von mir so zusammenfasste: „Gefühle sind nicht verhandelbar!“ Mich erinnerte diese apodiktische Ansage an eine terroristische Drohung. Doch er entgegnete, es sei nun mal ein Grundrecht jedes Menschen, seine Gefühle unverändert zu lassen. Große Lobbyisten und Trägerkonzerne der Sozialhilfe wie der Paritätische Wohlfahrtsverband oder die Arbeiterwohlfahrt betrachten es als Aspekt von „Wohlfahrt“, ins gleiche Horn zu tuten: Die Gefühle anderer Menschen dürfe man nicht hinterfragen oder gar kritisieren.
Der Irrtum liegt woanders
Nun ist es wahr, dass wir Gefühle nicht einfach ausknipsen können oder sollten. Wenn sie einmal da sind, müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Sie immer zu unterdrücken, ist möglich, aber auf Dauer nicht wünschenswert. Zwar kann man das Kindheitsschema „Wenn du deine Gefühle zeigst, gibt es Ärger!“ später überkompensieren und ein hervorragender Krisenmanager werden. Doch das ist eine Art Notlösung, kein wünschenswerter Zustand.
Der Irrtum liegt woanders: Ja, Emotionen sind real. Aber sie sind nicht „wahr“. Emotionen sagen keine Wahrheit über das Gegenüber oder meine Umwelt. Sie sagen nur etwas über mich, und ich bin nicht verpflichtet, auf sie zu hören. Jungen Kindern erkläre ich das so: „Dein Bauch macht gerade, dass du Angst hast. Aber in deinem Bauch ist auch das alte Abendessen von gestern. Mit dem alten matschigen Essen von gestern kannst du nicht so klug denken wie mit deinem Gehirn. Frag deinen Kopf, ob dein Bauch Recht hat!“
Nur weil man wütend ist, heißt das zum Beispiel nicht, dass der andere Unrecht getan hat. Menschen werden wütend, weil man ihre Pläne durchkreuzt. Wenn mein Plan aber auf übersteigertem Geltungsdrang beruht und darin besteht, dass ich immer zu bekommen habe, was ich will, erzeugt das permanent Wut. Ob ich die nun ausagiere, sollte nicht „unverhandelbar“ sein und auch gar nicht ausgehandelt werden müssen. Es wäre vielmehr dringend nötig, meine Emotionskurve der Realitätskurve anzupassen. Dazu ist es wiederum nötig, dass jemand meinen Geltungsdrang beschneidet und auf ein vernünftiges Maß reduziert.
Der Verlust des Belohnungsmoments
Ähnlich ist es mit Ängsten: Wer vor jedem Spinnentier schreiend davonrennt, sollte sich damit nicht abfinden. Den Blick immer nur nach innen auf das eigene Gefühl zu richten, macht blind für die Realität. Wer eine Spinne sieht, Angst fühlt und daraus schließt: „Die ist gefährlich“, irrt sich meistens. Richtig wäre es auch hier, Aufklärung zu leisten. Eltern müssten mit diesem Kind die wichtigsten Arten heimischer Spinnen in einem Buch betrachten, ihre Merkmale besprechen und mit dem Kind auswendig lernen, welche Spinnen giftig sind und welche nicht.
Anschließend müssten sie geduldig üben, eine harmlose Spinne in ein Glas zu bugsieren und hinauszutragen und sie dabei, wenn nötig, auch anzufassen. Nur so kann sich der Blick des Kindes wieder von innen nach außen wenden. Nur so kann das Gefühl durch den Verstand ergänzt und hinterfragt werden. Glauben Erwachsene hingegen, sie müssten jede Angst so stehen lassen, um gute Erzieher zu sein, richten sie langfristig Schaden an. Je länger das geht, desto schlimmer wird es – bis hin zu jungen Erwachsenen, die unfähig sind, sich ohne Schreikrampf eine Spritze verabreichen zu lassen. Denn jede Vermeidungshandlung wirkt zusätzlich als Belohnung. Möchte man nach Jahren nun die Angst angehen, ist das um ein Vielfaches unangenehmer, weil zusätzlich zur Konfrontation mit der Angst nun der Verlust des Belohnungsmoments Frustration erzeugt.
Wenn Erwachsene zu Objekten werden
Emotionen haben eine Botschaft – aber nicht über die Realität. Sie sagen nur etwas über mich. Doch das ignorieren nicht nur überforderte Eltern. Pädagogen wird heutzutage eingebläut, dass sie Kindern nicht entgegenwirken dürfen. Wenn ein Kind keine Lust hat, etwas zu lernen oder zu Ende zu bringen, dürfe man angeblich nicht auf der Fertigstellung oder dem geplanten Ablauf bestehen. Stattdessen müsse man die Kinder fragen, worauf sie denn Lust hätten, und zu dieser Tätigkeit wechseln. Die Erwachsenen werden so zu Objekten, zu Erfüllungsgehilfen der wechselhaften kindlichen Antriebe und Interessen.
Viele Erzieher merken nicht, dass diese undankbare Rolle Ursache ihres Burn-outs ist. Doch erlaubt man ihnen, zu sagen: „Du hast keine Lust? Das ist okay, dann machst du es eben ohne!“, fühlen sich viele unglaublich befreit. Sie haben wieder Handlungsspielraum. Kindern und Jugendlichen Halt geben zu dürfen, indem man ihre Emotionskurve der Realität anzupassen hilft und Raum dafür schafft, ihnen etwas Wunderbares zu vermitteln, tut allen Beteiligten gut.
Die Wunder dieser Welt
Doch es ist schwer, den Mut hierfür zu finden. Denn eine breite Öffentlichkeit benutzt die Aussage „Emotionen sind Wahrheit“, um andere an den Pranger zu stellen. Erinnern Sie sich noch an die Berichte über Polizisten, die ein ausländisches Mädchen zwecks Abschiebung aus der Schule holten? Der Sturm der Entrüstung hatte ein Zentrum: Das Mädchen habe geweint! Und wer weint, hat Recht. Wer weint, dem geschieht Unrecht. Dass letztlich die Eltern schuld sind, die ihr Kind in die Situation gebracht haben, den Verlust der komfortablen Umgebung mit völlig natürlicher Trauer zu quittieren, wurde nicht erwähnt. Auch nicht, dass Kinder aus vielen Gründen weinen, nicht nur aus Trauer.
Es genügt heutzutage, wenn jemand sagt: „Ich hatte Angst vor meinem Chef!“ – und der Chef ist böse. Oder „Ich fühle mich verletzt!“ – und schon war berechtigte Kritik plötzlich Hassrede. Das muss endlich aufhören. Denn gerade weil Emotionen in uns real sind, müssen wir umso genauer abwägen, ob sie auch im Einklang mit der Realität um uns herum stehen. Auch deshalb, weil unsere Kinder sonst blind werden für die Wunder dieser Welt.
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Die Artikel lesen ich gleich, gut so. Denn nur wer sich wehren kann besteht auf diesem Planeten. Warum dies nicht schon in der Schule effizient vermitteln.
Gruß an die Frauen, dass degradiert euch wieder auf Platz 2 hinter die Männer :p. Es sei denn...
Die Überschrift ist bereits eindeutig,
eine Emotionen geleitete Gesellschaft führt zu Realitätsverlust und Verrohung der Selbigen, ubrigens im Text, den Sie werter Herr William noch nicht gelesen haben, wurde diese These sehr gut analysiert,
auch Ihr emotionaler Kommentar passt wie "Faust aufs Auge" in diese Analyse
