Foto: Garderobe mit vielen Kinderjacken, Rucksäcken und Mützen, keine Personen erkennbar.
Garderobe in einem Kindergarten / picture alliance / Rupert Oberhäuser

Serie: Gewalt macht Schule - Teil 2: „Ich habe aber keine Lust!“ – „Dann machst du’s halt ohne!“

Es gehört zum Lernen, dass man auch dann etwas leisten muss, wenn man keine Lust dazu hat. Der Irrtum, man habe ein Recht darauf, nie Unlust zu empfinden, richtet bei den heutigen Kindern und jungen Erwachsenen furchtbaren Schaden an.

Autoreninfo

Miriam Stiehler leitet eine private Vorschule sowie eine Praxis für Förderdiagnostik und Erziehungsberatung. Sie studierte Sonderpädagogik und promovierte in heilpädagogischer Psychologie. Workshops mit ihr sowie Fachtexte und Lernmaterial finden Sie auf www.WissenSchaffer.de. Zuletzt erschienen von ihrem Alter Ego Milka Sternheim: „Bonjour, Lockdown“, ein Band stimmungsaufhellender Anekdoten über die kleinen Abenteuer des Alltags in Südfrankreich.

So erreichen Sie Miriam Stiehler:

Der Tod eines Schaffners infolge eines Angriffs durch einen Schwarzfahrer hat jüngst bundesweit Schlagzeilen gemacht. Doch der öffentliche Raum in Deutschland verroht und verwahrlost schon lange. Ein Aspekt, über den dabei viel zu selten gesprochen wird, ist eine verwöhnende und einseitige Sozialpolitik und Sozialpädagogik. 

Seit Jahrzehnten nämlich kümmern sich Politiker, Sozialarbeiter und Pädagogen mehr um die Befindlichkeiten von sozial schwierigen Menschen, als darum, sie zur Selbstbeherrschung und Einhaltung elementarer Regeln zu bewegen. Doch welche Denkmuster halten die Verantwortlichen nur davon ab, das Richtige zu tun? 

In einer Mini-Serie widmet sich Cicero-Bildungsexpertin Miriam Stiehler pädagogisch-psychologischen Irrtümern, von denen wir uns verabschieden müssen, damit sich etwas ändert. Dies ist der zweite Teil der Serie.

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Als ich mit 19 zum ersten Mal eine Klasse vorbestrafter Schulabbrecher an einem Berufsförderzentrum unterrichtete, bestand mein Chef darauf, dass ich in der Jackentasche ein Tränengas mitnehme. Ich habe das abgelehnt und gesagt: „Wenn ich das brauche, bin ich im falschen Job.“ Meine Schüler waren einige Jahre älter als ich. Zwei junge Frauen vom Straßenstrich, ein paar einheimische Jungs, ein paar Zuwanderer. Ich durfte sie jeden Mittwoch zehn Stunden unterrichten. Am ersten Tag hatten wir nach Stunde 7 eine kurze Diskussion, als ich „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert zum Lesen austeilte. „Warum sollen wir das lesen? Bei mir zu Hause liest auch keiner. Überhaupt bin ich der Einzige, der morgens aus dem Haus geht. Mein Vater ist viel zu besoffen, um aufzustehen.“

Die Antwort war einfach: „Erstens, die sitzen da, eben weil sie nicht lesen. Du bist hier, und das ist gut so. Zweitens, mein Vater hat auch getrunken – und er hasst es, dass ich mit Leuten wie euch arbeite. Meint ihr, es wäre gut für mich, auf ihn zu hören? Drittens: Ich bin vier Jahre jünger als ihr, und ich stehe hier vorne, weil ich mehr weiß als ihr. Solange das nicht umgekehrt ist, lest ihr, was ich austeile. Sorgt dafür, dass ihr hier stehen könnt, dann lese ich, was ihr austeilt.“ Und damit war die Sache beendet. Borchert habe ich noch mit vielen solchen Klassen gelesen. Es gibt etwas in seiner Finsternis, das diese jungen Leute berührt hat.

Holismus, Kompetenzorientierung, Medikalisierung

Es war immer mein Anliegen, mit den Schülern zu arbeiten, die am wenigsten Chancen haben, sich selbst zu bilden. Deshalb habe ich mit Schulabbrechern gearbeitet, mit Schwerstbehinderten, mit Verhaltensgestörten, und deshalb leite ich heute unter anderem eine private Vorschule – die Jüngsten können sich am allerwenigsten selbst bilden. Ich sagte damals und heute das Gleiche, in unterschiedlichen Worten: „Du hast keine Lust? Das ist okay, dann machst du es eben ohne – denn daran kannst du wachsen.“ 

Heute bekommen manche Kollegen Schnappatmung, wenn sie hören, dass ich das zu einem Vorschulkind sage. Seit meinem ersten Unterrichtstag vor 27 Jahren hat sich einiges geändert. Holismus, Kompetenzorientierung, Medikalisierung und nun „Bedürfnisorientierung“: Mit immer neuen Trends wurde Pädagogen eingebleut, dass man Schülern keine Vorgaben machen dürfe. Werte und Tugenden sind nicht mehr konsensfähig. Früher bedeutete echte Erzieherliebe, dem Zögling etwas zuzumuten, wenn er daran wachsen konnte. Heute ist nur noch ein sentimentaler Abklatsch davon übrig: die Behauptung, gute Pädagogen würden niemandem zumuten, Unlust zu ertragen.

Es gehört zum Lernen und zur Arbeit, dass man auch dann etwas leisten muss, wenn man keine Lust dazu hat. Der Irrtum, man habe ein Recht darauf, nie Unlust zu empfinden, richtet bei den heutigen Kindern und jungen Erwachsenen furchtbaren Schaden an. Viele Eltern glauben ernsthaft, dass jeder menschliche Antrieb ausschließlich ein Bedürfnis sei und dass die Gesellschaft jedem Menschen schulde, seine Bedürfnisse wunschgemäß zu befriedigen. 

Antriebe, Bedürfnisse und Frustration 

In Wirklichkeit entsteht Unlust immer dann, wenn einer unserer vielen Antriebe mal auf Befriedigung warten oder ganz verzichten muss. Unlust ist Frustration, und die Fähigkeit, Unlust auszuhalten, ist Frustrationstoleranz. An ihr fehlt es den Jüngeren immer mehr, weil Eltern, Pädagogen und Sozialpolitik sich scheuen, Menschen Unlust zuzumuten. In vielen Fällen kommt ein weiterer fataler Mechanismus hinzu: extreme Aggression. Aber lassen Sie mich zuerst kurz erklären, was es mit Antrieben, Bedürfnissen und Frustration wirklich auf sich hat.

Alle Menschen haben von Geburt an Kräfte in sich, die wie Vektoren an ihnen ziehen und zerren. Diese „Antriebe“ begleiten uns von Geburt an:

• Schlaf
• Hunger bzw. Appetit
• Bewegungsdrang
• Geltungs- und Selbstbehauptungsdrang
• Neugier, Interesse bzw. Aufmerksamkeit
• Besitzwunsch
• Geborgenheit

Bildhaft gesprochen setzt sich aus diesen Antrieben unser „Innerer Wolpertinger“ zusammen. Jeder von uns hat ihn, er treibt uns an, er macht uns vital. Wer hingegen antriebsarm ist, liegt deprimiert und untätig auf der Couch. Der „Innere Wolpertinger“ kann unser bester Helfer sein, denn wenn wir starke Antriebe mit klaren Tugenden, Zielen und Werten verbinden, entsteht daraus Tatkraft. Wir spannen dann sozusagen den Wolpertinger ins Zuggeschirr, und los geht’s! Tatkraft ist etwas, das unser Land dringend braucht.

Aber leider ist es unpopulär, dem Wolpertinger ein Geschirr anzulegen, ihn vor einen Schlitten zu spannen. Man lässt den Wolpertinger lieber „frei und ungebunden“ losrennen, statt ihn zu lenken und zu führen. Sprich: Wer seine Antriebe keinem vernünftigen Ziel unterordnet, wer keine Selbstbeherrschung kennt, wird von seinen Antrieben beherrscht. Und genau das sehen wir in der gesamten Gesellschaft.

Die sogenannte „bedürfnisorientierte Erziehung“ behauptet, das sei richtig so, weil Antriebe und Bedürfnisse das Gleiche seien. Ergo müssten gute Eltern alle Antriebe befriedigen. Der Irrtum dahinter: Antriebe sind einerseits Bedürfnisse – aber wenn man sie im Übermaß befriedigt, werden sie zur Sucht, zu etwas, das uns beherrscht, statt uns zu dienen. Zwischen Bedürfnis und Sucht liegt ein schmaler Grat. Ihn muss der Erzieher finden.

Grausam und schädlich

Von einer Seite betrachtet sind Antriebe durchaus Bedürfnisse. Es wäre grausam und schädlich, ihre Erfüllung Kindern zu versagen. Schlafentzug wäre Folter; wer seinen Hunger nicht stillen darf, stirbt; wer sich nicht bewegen darf, verkümmert; wer sich gegen Unrecht nicht behaupten kann, wird misshandelt; wer keinerlei Interesse zeigt, wird handlungsunfähig; wer gar nichts sein Eigen nennen darf, fühlt sich schwach und minderwertig, und wer nie irgendwo geborgen ist, vereinsamt.

Aber es gibt auch die Gegenseite. Süchte und Störungen entstehen, wenn das vernünftige Maß und ein geordneter Rhythmus fehlt:

• Wer zu wenig schläft, ist übermüdet; wer zu viel schläft, ist deprimiert.
• Bewegungsdrang im Übermaß erzeugt einen Zappelphilipp, zu geringes Maß eine Couchpotato.
• Wer keinen Geltungs- und Selbstbehauptungsdrang hat, lässt sich alles gefallen. Aber wer lernt, dass seine Wünsche immer im Mittelpunkt stehen, wird geltungssüchtig und tyrannisiert seine Umgebung.
• Fehlt das Maß für Aufmerksamkeit, bleibt man ewig gelangweilt oder wird erratisch und unkonzentriert.
• Fehlendes Maß beim Besitzwunsch führt zu Habgier oder Gleichgültigkeit.
• Fehlt das Maß für Geborgenheit, ist man absolut ungesellig oder hält keinerlei Konflikte aus, möchte in einer einzigen großen Umarmung leben.

Die Kindererziehung in den ersten Lebensjahren besteht primär darin, das gesunde Maß und den wohltuenden Rhythmus für die Befriedigung dieser Antriebe zu etablieren. Das ist die Voraussetzung dafür, den moralischen Willen und die Gemütstiefe in den folgenden Jahren erzieherisch aufbauen zu können. Ihnen müssen die Antriebe dienen.

Heute jedoch wird das teils bewusst abgelehnt, teils aus Bequemlichkeit ignoriert. Schnell sind psychiatrische Label bei der Hand, um die erzieherische Verantwortung von sich zu weisen. Fehlt die körperliche Selbstbeherrschung, spricht man von „Hyperaktivität“. Ist der Geltungsdrang ausgeufert und das Kind egozentrisch nur nach innen, zu seinen eigenen „Bedürfnissen“ gewandt, spricht man vom „Autismusspektrum“. Fixiert ein Kind manisch seine Interessen auf einzelne Themen, während es sich nicht überwinden kann, in anderen Lebensbereichen etwas zu leisten, spricht man ehrfürchtig vom „Asperger-Syndrom“. Fehlen Maß und Rhythmus für die Aufmerksamkeit, nennt man das „ADS“. Statt guter Gewohnheiten entsteht Verwöhnung.

Wenn nun eine verfehlte Sozialpädagogik sowohl antriebsstarke Zuwanderer als auch süchtige, verwahrloste Einheimische primär fragt, was ihre Bedürfnisse seien und wie man diese befriedigen könne, verwöhnt man auch eine erwachsene Generation. Menschen, die mit Sozialarbeitern in Kontakt kommen, sind meist erzieherisch auf der Ebene der Antriebe stehen geblieben. Sie bräuchten daher erst einmal gute Gewohnheiten, müssten Verantwortung übernehmen, Selbstbeherrschung neu lernen, von ihren Süchten geheilt werden. Wenn man ihnen stattdessen aber alle ihre „Bedürfnisse“ befriedigt, ohne Verantwortung zu fordern, verstärkt man ihren Geltungsdrang. Sie erleben: „Hier geht es primär um mich! Meine Wünsche sind bestimmend, die anderen müssen etwas für mich tun!“

Wut entsteht, wenn man sich gekränkt fühlt

Wer einen solchen Geltungsdrang hat, wird umso leichter wütend. Denn: Wut entsteht, wenn man sich gekränkt fühlt, wenn man den Eindruck hat, eigene Pläne wurden durchkreuzt. Und wer glaubt, dass alles nach seinem Plan zu laufen hat, fühlt sich von jeder selbstverständlichen Forderung schwer gekränkt: „Was, wir sollen leiser reden? Was fällt dem ein!“ Fehlt es an Selbstbeherrschung, wird die Wut ganz schnell körperlich ausgedrückt. Das ist der Grund, warum gestern erst drei junge Zuwanderer einen Mann in Rosenheim verprügelten, der sie bat, leiser zu sprechen. Wer glaubt, alles müsse sich um ihn drehen, wird wütend, wenn er Rücksicht nehmen soll.

Weder bei einem Vierjährigen noch bei einem geflüchteten Menschen ist es vernünftig, aus Sentimentalität auf Grenzen zu verzichten. Wahre Menschenliebe zwingt uns, den schmalen Grat zwischen Bedürfnis und Sucht zu suchen. Alles andere schadet dem Betroffenen selbst und seinen Mitmenschen. Es gibt kein Schlaraffenland, in dem sich jeder Wunsch sofort erfüllt und wir nie Unlust erleben. In Wirklichkeit brauchen wir Selbstbeherrschung, ein realistisches Maß für unsere Antriebe und Frustrationstoleranz.

Wenn wir nicht in einer Welt voll wildgewordener Wolpertinger leben wollen, müssen wir alle unseren Inneren Wolpertinger an die Zügel spannen und ihm ein Ziel geben, dem er dienen kann. Wenn das nicht wieder Leitmotiv von Erziehung und Sozialpolitik wird, werden triebgesteuerte Egoisten unsere Zukunft bestimmen. Damit sich etwas ändert, muss es öfter als bisher heißen: „Du hast keine Lust? Beherrsch dich trotzdem.“

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