Schwierige Umgangsformen - Die hohe Kunst der Begrüßung

Kolumne: Stadt, Land, Flucht: Das Händeschütteln ist weltweit ein mögliches Begrüßungszeremoniell von vielen. Wann welches angewendet wird, ist selbst in unserem Kulturkreis nicht immer einfach zu entscheiden

Zu intim? Jean-Claude Juncker (l.) umarmt Sigmar Gabriel zur Begrüßung
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Es gibt so Menschen, die Umarmungen schrecklich finden. Das ist leicht zu handhaben, solange sie alleine stehen. Tauchen sie aber in einer Gruppe mit anderen In-den-Arm-Nehmern auf, gibt es ein Problem. Eigentlich müsste ich innehalten und ihnen die Hand anbieten, nach dem ich alle anderen umarmt habe. Damit aber grenze ich sie aus. Oft umarme ich dann trotzdem so gut es geht. Ich drücke einfach hinweg über den weit abgespreizten Kopf, den steifen Rücken – und komme mir hinterher manchmal vor wie ein Vergewaltiger.

Begrüßen ist schwierig. Kinder müssen das lange üben. Als ich klein war, gab es klare Regeln: Die eine Omi küsste man auf den Mund, Tanten und Onkel auf die Wange, bei der alten Tante Ukki machte ich sogar einen Knicks. Ansonsten gab man die Hand. All das war klar.

Aber so einfach ist es nicht mehr.

Heute spinnen sich Freundschaften mühelos von Malaysia bis Marokko, mit Englisch haben wir uns auf eine Sprache verständigt, die wir alle sprechen, ob in der Jugendherberge in Krakau oder Cape Town. Immer wieder Grund zur Peinlichkeit aber bieten verrutschte Begrüßungsrituale: Das In-Der-Luft-Hängen nach einem erwarteten zweiten Wangenkuss etwa oder ein ausbleibender Handshake, wie es Politiker gerne in Pressekonferenzen vormachen. Und dabei sparen wir uns immerhin die meisten außergewöhnlichen Rituale. Was kann nicht alles schiefgehen beim Nasen-Aneinander-Stupsen der neuseeländischen Maori?

Umgangsformen sind Personalern wichtiger als gute Noten
 

Wir aber sind schon mit den vorhandenen durchschnittlichen Gesten überfordert: Zwei oder vier Küsschen? Umarmung oder Hand geben? Was als Kind vielleicht nervig war, wird für Erwachsene in einer globalisierten Welt zur zwischenmenschlichen Herausforderung. Israelische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass unser Händeschütteln nicht viel anders ist als das Begrüßungsgebaren der Hunde, die sich wechselseitig an der Rosette beschnuppern: Wir versuchen, den Gegenüber zu erriechen. In Videoaufnahmen wollen sie nachgewiesen haben, dass Menschen, die sich die Hand gegeben haben, danach unbewusst jene zur Nase führen, um den Geruch des Gegenübers einzuatmen.

Könnte das ein natürlicher Grund sein für das Unwohlsein von Kindergartenkindern, unbekannten Personen die Hände zu schütteln? Aber da müssen sie durch, denn was die nicht lernen, wird ihnen später zum Verhängnis. In einer Untersuchung haben Forscherinnen des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) bei Betrieben getestet, welche Einstellungskriterien schwerer wiegen. Die Antwort nach vielen studienbedingt fingierten Bewerbungen war eindeutig: Sogenannte Sekundärtugenden wie die Umgangsformen waren den Personalern wichtiger als gute Noten in Mathe und Deutsch.

Deutschlands Lehrerschaft derweilen bemängelt abhanden gekommene Manieren ihrer Eleven. In Baden-Württemberg arbeitet man nun mit einem modernen Knigge, wie die Süddeutsche Zeitung weiß. Dort heißt es: „Vorgesetzte, Lehrer oder ältere Menschen hören gerne ,guten Tag' oder ,auf Wiedersehen‘ “.

Das klingt wiederum relativ einfach. Fast so einfach wie das Zusammentreffen zweier norddeutscher Bauern zwischen Acker und Furche. Da reicht ein knappes „Moin“. Wie angenehm.

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