"Schwarz ist die Farbe des Lichtes"

Pierre Soulages (90) gehört zu den weltweit bedeutendsten Köpfen der abstrakten Kunst. Am 2. Oktober eröffnete im Berliner Martin-Gropius-Bau seine Ausstellung. Mit Cicero Online sprach der Franzose vorab über seine Lieblingsfarbe schwarz, seinen eigenwilligen Werdegang, die Begeisterung für prähistorische Kunst, sein besonderes Verhältnis zu den Deutschen und das iPhone.

Pierre Soulages, 17.12.2008
() Pierre Soulages, 17.12.2008
Monsieur Soulages, im Deutschen gibt es den Ausdruck „Schwarzmaler“, es beschreibt einen Pessimisten. Nun verwenden Sie fast ausschließlich die Farbe Schwarz. Sind Sie also ein Schwarzmaler? Absolut nicht, nein. Schwarz hat für mich nichts Negatives – im Gegenteil. Für mich ist Schwarz ein Fest. Weiß hingegen ist für einen sehr großen Teil der Menschheit eine Farbe der Trauer. Ich habe einmal eine Abendrobe von Kaiserin Sissy gesehen, in Wien, sie war ganz in schwarz gehalten. Der Smoking – ebenfalls ein festliches Kleidungsstück – ist auch schwarz. Schwarz ist aber auch die Farbe der Offiziellen. Und wenn eine Muslima Trauer trägt, dann trägt sie weiß. In China ist das genauso. Aber meine Malerei, sehen Sie sie sich an, ist gar nicht schwarz. Schwarz ist eine Farbe des Lichtes. Mit ihrer Absorption und Reflexion stellt sie Kontraste her. Vögel machen Musik, Menschen aber malen. Das einzige Tier, das malt, ist der Mensch. Seit Jahrtausenden haben die Menschen gemalt – meistens in schwarz! In welchem Alter haben Sie angefangen zu malen? Seit ich denken kann. Als ich Kind war, hat man mir natürlich Farben zum Malen gegeben. Aber ich habe nur schwarz verwendet, damals schon. Es gibt da eine kleine Anekdote, die in meiner Familie immer erzählt wurde: Mit fünf oder sechs Jahren habe ich einmal mit schwarzer Tinte auf weißem Papier gemalt. Da kam jemand und fragte: „Was machst Du denn da?“ Ich antwortete: „Schnee!“ Ich war sonst ein sehr schüchternes und ernsthaftes Kind. Ich wollte mit der schwarzen Farbe das Papier weiß machen. Ohne schwarz ist Papier nicht weiß. Es ist eher grau. Erst der Kontrast mit dem Schwarz macht es weiß. Das funktioniert aber nicht nur mit weiß, sondern mit allen Farben. Schwarz aktiviert andere Farben, es macht sie heller und klarer. Schwarz ist die aktivste Farbe. Und wann kam der Entschluss, die Malerei zu Ihrem Beruf zu machen? Mit zwölf oder dreizehn Jahren. Ich war in einer romanischen Kirche und sehr beeindruckt von dem Licht und dem Raum. Das war das Schlüsselerlebnis. Ich verwende jetzt auch mal ein Wortspiel: „Geld verdienen“ heißt in Frankreich „gagner sa vie“, also wörtlich übersetzt: sein Leben gewinnen. Viele Leute verlieren aber ihr Leben, wenn sie es gewinnen wollen, durch einen Job, der ihnen nicht viel bedeutet. Ich hatte Glück und habe dank der Malerei das Leben gewonnen, in beiderlei Hinsicht. Ich wollte zunächst Kunstlehrer werden, um ein festes Einkommen zu haben und nicht vom Verkauf meiner Bilder abhängig zu sein. Ich wollte die Kunst machen, die ich wollte. Mein Kunstlehrer wiederum war der Meinung, ich sei zu talentiert, um Lehrer zu werden. Aber meine Mutter war Witwe, mein Vater starb als ich fünf Jahre alt war. Ich musste sie also unterstützen und Geld verdienen. Sie haben sich geweigert, eine Ausbildung an der renommierten „Ecole nationale superieure des beaux-arts“ in Paris zu beginnen, weil sie deren Kunstvermittlung als rückwärtsgewandt empfanden. Dennoch bin ich auf das Drängen dieses Lehrers, das war 1938, zur Aufnahmeprüfung der „Beaux-Arts“ gegangen und habe sie bestanden. Doch dann habe ich gesehen, was die da machen – und bin gleich wieder gegangen! Was genau war Ihrer Meinung nach an der „Beaux-Arts“ rückwärtsgewandt? Viele junge Künstler hätten sich darum geprügelt, an dieser Schule aufgenommen zu werden. Es war mir viel zu akademisch. Menschen malen seit Jahrtausenden. Und alles was die Akademiker an der „Beaux-Arts“ lehrten, war die Kunst der Renaissance. Uns wurde erzählt, das Wesentliche an der Kunst sei es, eine Illusion zu kreieren, die Wirklichkeit vorzutäuschen. Man hat unter anderem die Möglichkeit, eine Perspektive in ein Bild einzufügen, als Fortschritt verkauft. Ich war da anderer Meinung. Verstehen Sie mich nicht falsch, das sind alles Meisterwerke: Michelangelo, Leornardo da Vinci und wie sie alle heißen. Aber nur diesen kleinen Teil der Kunst zu lehren und zu lernen, schränkt den Blick enorm ein. Die Renaissance war im Verhältnis zur Menschheitsgeschichte eine sehr, sehr kurze Periode. Es gab auch Malerei danach und vor allem davor, die ebenfalls hervorragend ist. Aber die kennt niemand. Für Malerei jenseits der Renaissance hat sich niemand interessiert. Und was hat Sie interessiert? Ich habe mich immer für den Ursprung der Malerei interessiert: Warum malt der Mensch? Man muss zwei Dinge unterscheiden: Die Vortäuschung der Wirklichkeit durch die Kunst und die Kunst selbst. Was mir wichtig ist, ist die Kunst selbst. In der Region, aus der ich komme, dem Massif Central, gibt es viele Grotten. Schon vor 34 000 Jahren sind Menschen dort hineingegangen, um in der absoluten Dunkelheit zu malen. Und womit haben die Steinzeitmenschen damals gemalt ? Mit schwarzer Kohle. Gelegentlich auch mit roter Erde. Sie haben sich mit Picasso und Matisse beschäftigt. Welcher Künstler Ihrer Generation hat Sie am meisten beeinflusst? Aus meiner Generation? Das ist schwer zu sagen, denn ich war ja immer der Jüngste. Ich war das Baby. Bei meiner ersten Ausstellung in Deutschland 1948 (mit dem Titel „Französische abstrakte Malerei“ in Stuttgart, Anm. d. Red,) war ich noch keine 30. In der Ausstellung zeigten sie dort unter anderem auch Hartung, der war schon fast 50 und Kupka, der war schon über 70. Wie waren denn die Beziehungen zu Ihren Kollegen? Gab es darunter auch Freundschaften? Das kann ich nicht genau sagen. Ich war immer ein wenig Außenseiter. Ich bin kein Pariser, ich komme aus Südfrankreich. Ich male in schwarz, nicht farbig. Und ich war wie gesagt immer der Jüngste. Aber wir mochten einander und wir mochten die Kunst der anderen. Und wir haben uns gegenseitig beeinflusst. Als Sie anfingen, professionell zu malen, war Frankreich von den Nationalsozialisten besetzt. Ihre Kunst galt damals als „entartet“. Wie sind Sie damit umgegangen? Nach der Aufnahmeprüfung an der „Beaux-Arts“ wurde ich sofort eingezogen und war junger Offiziersschüler – für ein Woche. Denn dann kam im Juni 1940 schon die Kapitulation Frankreichs und uns Soldaten drohte Zwangsarbeit in Deutschland. Das wollte ich natürlich unter keinen Umständen. Also habe ich mir falsche Papiere besorgt. Geholfen hat mir dabei, dass ich sehr deutsch aussehe. Meine Familie kommt aus Rodez in Südfrankreich, aber wir sehen gar nicht mediterran aus, sondern groß und blond. Im Süden der Region Massif Central leben sehr viele Menschen keltischen Ursprungs, so wie wir. Durch die kurze Dauer des Krieges in Frankreich war ich zum Glück nie in Kampfhandlungen verwickelt. Und was die „entartete Kunst“ anging: Das hat mich eher angetrieben, meinen eigenen Stil beizubehalten. Sie sind ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs, 1919, geboren. Bereits drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 1948 hatten Sie wieder eine Ausstellung in Deutschland. Wie haben Sie sich gefühlt, drei Jahre nach dem Krieg, in dem Land der Besatzer wieder auszustellen? Meine ganze Familie ist sehr germanophil. Mein Schwager spricht fließend deutsch. Mein Neffe ist mit einer Deutschen verheiratet. Ich habe schon immer die deutsche Literatur, die deutsche Musik und die deutsche Romantik bewundert. Für mich war der Krieg gegen Deutschland daher ein doppeltes Drama. Und es war ein Deutscher, der mich für die Ausstellung 1948 eingeladen hat. Das Ausstellungsplakat „Französische abstrakte Malerei“ zeigte ein Werk von mir. Das habe ich natürlich als große Ehre empfunden. Und 1949 haben mich die damals größten deutschen Künstler besucht, Baumeister zum Beispiel. Die erste Retrospektive meiner Arbeit hat wieder ein Deutscher organisiert, Werner Schmalenbach von der Kestner-Gesellschaft in Düsseldorf. Ich hatte immer viele deutsche Freunde. In Ihrem langen Leben ist historisch eine Menge passiert. Mittlerweile leben Deutsche und Franzosen in einem vereinten Europa. Hätten Sie sich das 1945 vorstellen können? Ja, ich hab immer daran geglaubt. Man kann über Charles de Gaulle sagen was man will, aber Eines hatte er verstanden, etwas sehr Wichtiges: Deutschland und Frankreich müssen sich vertragen und zusammenarbeiten. Das war auch immer meine Überzeugung. Für mich besteht Europa natürlich aus dem romanischen Kulturkreis. Aber die deutsch-französische Partnerschaft steht an erster Stelle. Das war immer meine Meinung. Ich bedauere ein wenig, dass die EU so schnell gewachsen ist. Mit 27 Mitgliedsstaaten ist vieles komplizierter. Man hätte sich etwas mehr Zeit nehmen sollen. Aber ich bin sehr glücklich über die deutsch-französische Freundschaft. Sicher ist es manchmal schwierig, wie in jeder Freundschaft, aber man versteht sich. Ebenso schnell wie die gesellschaftliche ist die technische Entwicklung vorangeschritten. Wie ich sehe, haben Sie ein iPhone in der Hand. Wie kommen Sie damit zurecht? Sehr gut. Es gibt natürlich viele Funktionen, die nicht brauche und die mir manchmal auch zu kompliziert sind. Aber ich nutze auch das Internet. Meine Frau, wir sind im gleichen Alter, nutzt es sogar noch mehr als ich. Und ich bin ein großer Autoliebhaber. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Autos gehabt. Gerade fahre ich einen Audi, ein deutsches Auto. Wissen Sie, wenn Sie sagen, ich hatte ein langes Leben – das stimmt! Aber auch im hohen Alter hat man noch Leidenschaften. Und meine größte Leidenschaft ist es nach wie vor, zurück in mein Atelier zu gehen, um zu malen und mich meinen Projekten zu widmen. Monsieur Soulages, haben Sie besten Dank für dieses Gespräch. Das Interview führte Christoph Paul Klapproth. Zur Bildergalerie von Pierre Soulages Die Ausstellung von Pierre Soulages im Martin-Gropius-Bau ist zu sehen vom 02.10.2010 bis zum 17.01.2011. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10-20 Uhr Hier geht es zur Website des Martin-Gropius-Baus Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstraße 7 10963 Berlin Anzeigen in Google Maps

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