Schul- und Universitätspolitik - Bildung braucht einen Kanon

Nicht Kompetenzen, Skills und Professionalität bilden den Menschen, sondern Selbstformung und die Erfahrung der Andersheit. Darauf sollten sich Universitäten und Grundschulen wieder besinnen, fordert der Literaturprofessor Hans Ulrich Gumbrecht

Ein Bücherregal mit verschiedenen Büchern und einer kleinen Büste von Johann Wolfgang von Goethe
Bücherregal mit verschiedenen Büchern und einer Büste von Goethe: Keine Bildung ohne Kanon / picture alliance

Autoreninfo

Hans Ulrich Gumbrecht ist Literaturwissenschaftler und Publizist. Er lehrt an der Stanford University. Foto: Reto Klar

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Meine Mutter, Abiturjahrgang 1940, war sich ihres Bildungsbegriffs ganz sicher. Den höchsten Grad von „Allgemeinbildung“, hatte ihr der unvergessliche Deutschlehrer als Wissensprämisse mit auf den Lebensweg gegeben, erreiche man am Ende der Gymnasialzeit – was als Aufgabe einschloss, über all die Jahre einer spezialisierenden Berufspraxis an der Erhaltung jenes enzyklopädischen Repertoires zu arbeiten. So war es nur recht und billig, dass sie von ihrem verwitweten Vater mit Grundschulabschluss das Herder Konversationslexikon zum Abitur bekommen hatte, während sieben Jahre später dann, beim medizinischen Staatsexamen, eine Ausgabe von Schillers gesammelten Werken die Bildungsausrüstung vervollständigte.

Nie war der Begriff „Bildung“ wohl von einer so satt-goldenen Aura umgeben und zugleich grundlegender missverstanden als in jener intellektuell konservativen Mitte des deutschen 20. Jahrhunderts, der Zeit des „Bertelsmann Leserings“. Als Erinnerungsschatz und Erinnerungsübung wurde er dann freilich auch besonders schnell obsolet angesichts der Gegenwart elektronischer Technologie, wo jede noch so detaillierte Wissensfrage in Sekundenbruchteilen und ohne Risiko ihre Antwort findet. Um aber zu verstehen, was wir tatsächlich verloren haben und welche Anforderungen eine derzeit ebenso häufig wie höchstens halbherzig geforderte Erneuerung mit sich brächte, lohnt sich zunächst ein historischer Blick auf den Bildungsbegriff, so wie er lange vor seiner Dekadenz hin zum Allgemeinwissen entstanden und über ein Jahrhundert lebendig gewesen war.

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Brigitte Tielert | Di, 6. Februar 2018 - 16:17

Danke für dieses Plädoyer, wieder einmal - ganzheitlich - Bildung anzustreben und nicht ein Sammelsurium an "skills" zu vermitteln, mit dem ein Mensch lediglich als "human resource" verwertet werden kann, von anderen. Die Neugierde der Kinder auf die Kultur der Mitschüler* zu wecken ist ohne Zweifel längst Alltag in den Schulen, d.h. soweit die Lehrer* ihre Schüler* überhaupt erreichen können. Aber die USA als Vorbild? Mitnichten. Die USA und "postnational"? Dito! "America first" und "exceptionability" zeugen klar von einer anderen Haltung. Auch der Charakter als Einwanderungsland ist kein geteiltes Merkmal. Hier ist eine Volksgruppe mit einer ziemlich prägnanten Kultur seit Jahrhunderten zu Hause, man sollte vielleicht mal im Ausland nachfragen. Dazu gehört leider auch, dass man sich an den Hals geht, sobald es um so etwas wie "Leitkultur" geht. Dieser Diskurs nimmt gerade wieder Fahrt auf. Ja, wir brauchen einen Kanon, auch einen Wertekanon - auf der Basis der deutschen Kultur!

Christa Wallau | Di, 6. Februar 2018 - 16:32

Für mich hat es immer außer Frage gestanden, daß es im Hinblick auf Bildung eines verbindlichen Kanons bedarf. Daß diese Tatsache ausgerechnet in d e m Land außer acht gelassen bzw. geleugnet wird, das einmal als das der "Dichter und Denker" bezeichnet wurde und in dem W. v. Humboldt eine vorzügliche Bildungsinitiative startete, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Es zeigt, daß sich die meisten Deutschen - ihrer Selbstachtung beraubt - inzwischen des eigenen Denkens "entäußert" haben. Sie sind - in der Mehrheit - zu einer lenkbaren Masse verkommen, wie sich in der Migrationsfrage z. Zt. wieder exemplarisch zeigt. Unser "Bildungssystem"brauchte nicht händeringend in aller Welt (ausgerechnet in den USA!) nach Möglichkeiten der Verbesserung zu suchen, wenn hier nicht Politiker und selbtsternannte Reformer unser bewährtes dreigliedriges System mit klarem Kanon u. eindeutigen Leistungsanforderungen, das noch bis in die 70er-Jahre des vorig. Jhdts. Bestand hatte, mutwillig zerstört hätten.

helmut armbruster | Mi, 7. Februar 2018 - 09:50

wir brauchen keine Diskussion um ideologische Hintergründe einer Bildungspolitik.
Wir brauchen eine Neustrukturierung und Neuorganisation des gesamten Schul- und Bildungssystems.
16 Bildungsminister in 16 verschiedenen Bundesländern waren und sind eine Katastrophe für Schule und Schüler.
Jahrzehntelang war Bildungspolitik für Dutzende von Ministern in den Länderregierungen ein Experimentierfeld um sich profilieren zu können.
Zweck und Inhalt von Schulbildung wurden x-fach vergewaltigt. Das Ergebnis ist heute, dass nicht einmal mehr alle Abiturienten die deutsche Rechtschreibung und das kleine 1 x 1 beherrschen.
Die Zuständigkeit u. die Bildungshoheit der Länder muss abgeschafft werden.
1 Bildungsministerium für ganz Deutschland genügt.

Josef Garnweitner | Do, 8. Februar 2018 - 04:32

In reply to by helmut armbruster

sicher seine Berechtigung, Herr Armbruster. Was aber zu klären wäre ist, welchen Bildungsstandard streben wir an. Den in Bayern mit dem härtesten Abitur oder den von Bremen? Es wird nicht bestritten, daß ein Einserabitur in NRW in Bayern eine drei wäre. Schon Heide Simonis, damals MP von Schleswig-Holstein hatte gefordert, die beiden südl. Bundesländer müßten ihre hohen Bildungsansprüche den schwachen Ländern anpassen. BW hat das ja mittlerweile dank grüner Regierung schon eingeleitet.

Wonach richten wir uns also, nach den Schwächsten oder nach den Besten? Die Tendenz weist eindeutig nach unten,nicht nur, aber auch dank der Migrantenkinder.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 7. Februar 2018 - 11:54

Zurück ins 18.Jahrhundert, um die Probleme unserer Zeit zu bewältigen?
Eher NEIN von meiner Seite.
Ein bisschen Realismus täte auch gut.
Gesellschaft entwickelt sich auch über die Auseinandersetzung mit Hinzukommenden oder Nachbarn, stärker jedoch über die möglichen Gemeinsamkeiten.
Gerade die USA zeigen, dass nicht so sehr die "respektvolle" Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Communities das Selbstbild der USA formen, sondern gemeinsame Geschichte, gemeinsame Werte und gemeinsame Ziele.
Ich denke da an Football und McDonalds und Worldleaderthinking

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 15. Februar 2018 - 10:33

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

für Skills, ambitioniertes und sehr anspruchsvolles Lernen.
Ob das überhaupt noch möglich sein wird oder ob wir uns in Schulen demnächst hauptsächlich darüber streiten, `ob die Welt 6000 Jahre vor Christus geschaffen wurde, an welchem Tag und wo Mohammed zum Himmel auffuhr´ etc. - wir sind hoffentlich nicht die USA - das wage ich nicht vorherzusehen.
Skills, Denken und Fähigkeit zur Reflexion scheinen mir die einzigen Überlebenschancen für eine Hochkultur in Europa.
Wer denken gelernt hat, wird niemals willfährig vor Göttern zu Kreuze kriechen.
Wer denken gelernt hat kommt aber vielleicht zum Glauben "zurück", wie bei mir geschehen.
Wichtig scheint mir die Verteidigung der zivilen Gesellschaft `gegen´ Religion, mindestens aber Aufklärung!!! über Religionen und Werte, mithin ein verpflichtender Ethikunterricht für alle.

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