Bildungsformel: Guter Lehrer = guter Unterricht
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Scheindebatte G8 - Mehr Bildung statt Strukturreform

Die Umstellung von G8 zu G9 und wieder zurück ändert nichts an der Bildungsmisere. Wir sollten aufhören, ständig die Systemfrage zu stellen und stattdessen inhaltlich aufrüsten. Bildung wird durch den Lehrer vermittelt, nicht durch das System 

Autoreninfo

Christine Quindeau ist Juristin und Psychologin mit rechtspsychologischer und entwicklungspsychologischer Ausrichtung.

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Wir Deutschen sind Weltmeister im Reformieren, am liebsten reformieren wir die Organisation und nennen es Systemreform. Systemreform klingt durchgreifend, so als hätte man etwas geschafft, die Sache vom Kopf auf die Füße gestellt und nun kann es laufen. Tatsächlich ändern wir nur die Organisationsstruktur, wie bei der G8. 

Scheindebatte über G8
 

Sagte man zu einem Arbeitnehmer, ab heute werden zehn statt acht Stunden gearbeitet und dafür ist der Freitag frei, käme niemand auf den Gedanken, dadurch würde die Arbeit effizienter oder besser gestaltet. Genauso sinnlos ist die Einführung oder Abschaffung der G8. Es geht schlicht gesagt um nichts. Nichts was die Bildung, die Schüler, Eltern oder Lehrer benötigen würden. Es ist eine Scheindebatte, die nur vorgaukelt ein Problem anzugehen.

Um was geht es denn? Es geht beim Streit um die G8 um die Ökonomie in der Bildung. Lassen wir die Betrachtung, ob man die Ökonomie in der Bildung überhaupt betrachten darf, mal außer Acht und stellen uns der Frage. An sich hat niemand etwas dagegen einzuwenden, ein Jahr früher fertig zu sein. Falls sich jemand noch zu jung und unreif fühlt, sich für einen Ausbildungsplatz zu entscheiden, kann man ein Jahr ins Ausland, ein freiwilliges soziales Jahr oder Praktika machen.

Allerdings ist nicht einsichtig, wieso ausgerechnet bei Abiturienten der Mangel an Alter beim Abschluss so berücksichtigenswert sein soll. Andere Schüler entscheiden sich mit 16 Jahren für eine Berufsausbildung und noch nie wurde beklagt, dass die armen Kinder noch keine Zeit gehabt hätten, ausgiebig zu reifen. Man sollte es nicht übertreiben mit der Überfürsorge für die Gymnasiasten: sie kriegen das Beste, was unser Schulsystem zu bieten hat und zwei Jahre länger Zeit zum Lernen als andere Schüler. Wenn hier jemand Anrecht auf Verlängerung der Schulzeit hätte, wären es die Haupt- oder Realschüler.

Allerdings beklagen die Universitäten den massiven Bildungsverfall, den man an Erstsemestern beobachten kann, sie beherrschten nicht mal einfachste Mathematik und selbst die Rechtschreibung sei unsicher. Wenn das das Beste ist, was die deutschen Schulen an grundständigen Kompetenzen nach zwölf Jahren hervorgebracht haben, ist das alles, aber nicht ökonomisch. Dass daran ein wiedereingeführtes 13. Jahr etwas ändern würde, erschließt sich nicht von allein. Oder hat man vor, in der 13. Klasse die Rechtschreibung nun dann endlich doch noch in Angriff zu nehmen?

Schafft die Gruppenarbeit ab!
 

Die Gründe müssen woanders liegen. Der eine Grund, wieso selbst Abiturienten an einfachsten Bildungsmaßstäben scheitern, liegt in den wenig effizienten Lehrmethoden. Pars pro toto sei hier die unselige Gruppenarbeit genannt. Wissenschaftlich weiß man längst, dass die Ergebnisse einer Gruppenarbeit unter denen der Summe der Einzelarbeiten liegen. Wie kommt das? Zum einen hat man den Effekt, dass die ohnehin schwächeren Schüler sich weniger anstrengen. Sie haben einerseits das dumpfe Bewusstsein, dass es schon ein anderer machen wird (TEAM = Toll Ein Anderer Macht’s);  andererseits haben sie einen Mangel an Selbstvertrauen, etwas Gutes beisteuern zu können, etwas, das die anderen nicht viel besser machen.

Die Schwachen bringen sich also nicht ein, kriegen keine Chance, sich sinnvoll der Aufgabe zu stellen. Die Starken hingegen machen den Großteil der Arbeit allein und obwohl sie sich dabei ausgenutzt fühlen, verfestigen sie dadurch ihre Fähigkeiten, allerdings mit einem unangemessenen Arbeits- und Zeitaufwand. Im Gegensatz zu herkömmlichen Auffassungen führen Gruppenarbeiten nur zu Benachteiligungen: die Schwachen werden schwächer und die Starken werden von ihrer Arbeitsleistung unangemessen beansprucht. Einzig zur Verbesserung der sozialen Struktur könnte man Gruppenarbeiten  rechtfertigen, aber nachdem dabei alle schlecht gelaunt, demotiviert und sauer aufeinander sind, ist das nicht gerade eine geeignete Form zur Steigerung des Zusammenhalts.

Das Abitur verkommt zum Smalltalk-Zertifikat
 

Als anderer Grund für die schlechten Bildungsresultate wird der Verdacht geäußert, dass zu viele ungeeignete Kinder auf dem Gymnasium seien und diese zögen das Niveau nach unten, von gleichmacherischen Pädagogen noch unterstützt. Tatsache ist, dass die meisten Eltern ihr Kind auf dem Gymnasium sehen möchten, unabhängig von dessen Neigung oder Bereitschaft, sich mit intellektuellen Inhalten zu befassen. Das wiederum hat seinen guten Grund auf dem Arbeitsmarkt, wo man bereits für eine Ausbildung zum Friseur in einigen Salons bevorzugt Abiturienten nimmt, weil sie vom Auftreten her besser zur gehobenen  Kundschaft passen. Das Abitur verkommt zum Smalltalk-Zertifikat. Ökonomisch ist eine Abschlussinflation nicht.

Die Ansicht, dass die weniger leistungsstarken Kinder per se den Anspruch nach unten ziehen, wäre nur zutreffend, wenn Lehrer Quoten bei der Notengebung erfüllen müssen. Orientieren sie sich aber an einem festgelegten, normierten Leistungslevel ist es Nonsens, zu behaupten leistungsschwächere Kinder verminderten das Niveau. Nein, die leistungsschwächeren Kinder haben es dann nur schwerer. Nun ist aber ein ehernes pädagogisches Gesetz, dass kein Kind zurückbleiben darf, wodurch die Bringschuld auf die Lehrer verlagert wird und nicht auf das sich möglicherweise auf der falschen Schule befindende Kind.

Dieser Ansatz ist aber nur auf einer Gesamtschule einschlägig, bei der tatsächlich kein Kind mehr zurückbleiben sollte. Solange wir noch gegliederte Schulsysteme haben, muss man unterschiedliche Leistungslevel in jeder Schulart normieren. So genügt es für den Hauptschulabschluss, wenn die Schüler Texte auf einem niedrigen Leistungslevel rezipieren, zum Eintritt in die gymnasiale Oberstufe wird dagegen ein hohes Kompetenzniveau in der Textbearbeitung erwartet. Leider führt das bei den Lehrern dazu, dass sie nicht mehr differenziert auf die Schüler eingehen, sondern lediglich den für die Schulart normierten Level „durchziehen“.

Differenzieren statt selektieren
 

Die Differenzierung durch das Schulsystem, bei der man in jeder Schulart einen anderen Leistungsanspruch stellt, verhindert folglich die Differenzierung aufs Kind bezogen. Und die eigentliche pädagogische Arbeit, das Fördern jedes Kindes innerhalb seiner Möglichkeiten wird zur Option. Das ist Wasser auf die Mühlen der Verfechter der Gesamtschulen. Die ohnehin finden festgelegte Normierungen in den Prüfungen und die unvermeidbar damit einhergehende Selektion seien des Teufels. Da kann man lange Argumente austauschen, einwenden, Normierungen sichern einen Qualitätslevel und sind gerecht, im Gegensatz ganz von der Befähigung und Willkür des einzelnen Lehrers abhängig zu sein und auf der anderen Seite zustimmen, dass individuelle Förderung gerade für Kinder außerhalb der Leistungsmitte essenziell wichtig ist. Aber sei es, wie es mag, Fakt ist, dass wir unterschiedliche Leistungsnormierungen in unterschiedlichen Schultypen haben.

Die Eltern wiederum sind mehrheitlich gegen die Einführung der Gesamtschule, weil sie messerscharf erkannt haben, dass diese die Bildung keineswegs verbessern würde, sondern wie bei der G8 nur eine Veränderung der Organisationsstruktur zur Folge hätten. Und tatsächlich: solange nicht individuelle Differenzierung und Förderungen innerhalb einer Klasse selbstverständlich sind, sollte man von der Gesamtschule als einziger Schulform die Finger lassen, sie führte im Status Quo nur zur schlechteren Bildung für alle. Wenn sich allerdings die Reformen mal auf das Naheliegende konzentrieren würden, nämlich eine Verbesserung der Lehrmethoden und des Unterrichts – etwas was jederzeit von jedem Lehrer auch ohne verordnete Reform umgesetzt werden kann – dann können wir eine Gesamtschule einführen, aber erst dann. Und das umsetzen, was allen Kindern gerecht würde: Differenzieren statt selektieren.

Dass wir mit einem angemessenen Eingehen auf unterschiedliche Leistungslevel und validiert wirksamen Lehrmethoden automatisch zu einer größeren Effizienz kommen, ist immanent. Vermutlich kriegt man es dann sogar hin, die Geheimnisse der deutschen Rechtschreibung zu vermitteln, auch ohne ein dreizehntes Jahr. Und ganz ohne neue Reformen.

 

 

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