Schauspieler Sylvester Groth - Der Bekannteste der Unbekannten

Sylvester Groth spielte schon in Tarantinos „Inglourious Basterds“, ist unter den deutschen Schauspielern aber weiter der bekannteste Unbekannte. Nun spielt er in einem RAF-Film 

Sylvester Groth
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Ingo Langner ist Filmemacher, Autor und Publizist

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Sein größter Wunsch blieb unerfüllt: Sylvester Groth würde gerne in einem Stummfilm mitspielen. Er liebt das Genre wie kein zweites. Hat er am Ende vergebens vorgesprochen für „The Artist“, das sensationell erfolgreiche Leinwandereignis des französischen Regisseurs Michel Hazanavicius vom Aufstieg und Fall zweier Hollywoodstars um 1930?

Groth kennt die zwischen Zweifel und Übermut changierende Atmosphäre eines Castings genau. Er war Theodor Storms „Schimmelreiter“, ist Dauergast im „Tatort“, lag für Joseph Vilsmaier vor „Stalingrad“ und gab als Aufklärer Oswalt Kolle sein „Leben für Liebe und Sex“. Er spielte neben Henry Hübchen den überforderten Regisseur Telleck in Andreas Dresens wunderbarer Komödie „Whisky mit Wodka“ und stellte gleich zweimal Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels dar. Erst 2007 an der Seite Helge Schneiders, ehe er zwei Jahre später in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ zu einer international beachteten Schauspielergröße wurde. Doch weil er am Talkshowgetingel nicht interessiert ist, blieb Sylvester Groth hierzulande einer der bekanntesten Unbekannten.

Die Geschichte aber vom gescheiterten Casting für „The Artist“ gibt es nicht. „Das ist doch kein Stummfilm!“, faucht er geradezu. „Da ist bloß die Tonspur rausgefallen. Der zum ewigen Grinsen verurteilte Hauptdarsteller ist eine einzige Katastrophe!“ Groth meint Jean Dujardin, der für seine Rolle in „The Artist“ den Oscar für die beste männliche Hauptrolle bekam. Groth begeistert sich hingegen für F. W. Mur­naus Stummfilm „Der letzte Mann“ von 1924 mit Emil Jannings als altgedientem Hotelportier, „ein Geniestreich“. Die Geschichte werde „fast ohne Zwischentitel ganz allein aus den Schauspielern erzählt. Ihre Gesichter und Gesten ersetzen das gesprochene Wort. Zu dieser Konzentration auf den Darsteller müssten wir in Deutschland wieder kommen. Wir Schauspieler wollen nicht bloß zu Handlangern einer im Übrigen leider oft sehr klapprigen Dramaturgie degradiert werden.“

Die harsche Kritik an „The Artist“ deutet an, dass Sylvester Groth vielleicht nicht von ungefähr daheim eine Ikone des drachentötenden Sankt Georg in Ehren hält. Das Fabeltier schmückt auch das Stadtwappen des sachsen-anhaltinischen Dörfchens Jerichow, wo Groth am 31. März 1958 das Licht einer Welt erblickt, die damals noch in zwei weltanschaulich konkurrierende Blöcke geteilt war.

Als Bürger im realsozialistischen Teil Deutschlands darf Groth erst über den Umweg einer Elektrikerlehre die Staatliche Schauspielschule Berlin absolvieren. Reüssiert dann aber rasant, spielt viel und groß in Dresden und am Berliner Deutschen Theater. Er wird 1982 von Frank Beyer entdeckt, der ihm die Hauptrolle in seinem Film „Der Aufenthalt“ anvertraut. Dadurch wird er auch für bundesdeutsche Regisseure so interessant, dass Johannes Schaaf ihn 1984 für seinen „Nathan der Weise“ bei den Salzburger Festspielen als „jungen Tempelherrn“ möchte.

Brav kehrt Sylvester Groth danach in die Heimat zurück. Als er bei der Wiederaufnahme des „Nathan“ 1985 merkt, dass ihm die Stasi niemals erlauben wird, eine von Schaaf neu angebotene Rolle im Kinderfilm „Momo“ anzunehmen, entschließt sich Groth, im Westen zu bleiben. Er wird bei diesem gewagten Schritt vom „Momo“-Produzenten Horst Wendlandt mit einer, so Groth, „Mordsgage“ bezahlt, die ihm den ersten Schritt ins Offene erleichtert.

Seine Theaterregisseure heißen nun Peter Stein, Luc Bondy, Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Claus Peymann, Robert Wilson und Frank Castorf. Im Januar 2010 wird er für seine „Outstanding Performance“ in „Inglourious Basterds“ von der Screen Actors Guild ausgezeichnet. Von Tarantino schwärmt er: „Der arbeitet schon beim Casting richtig mit dir. Beim Dreh animiert er dich wahnsinnig. Da geht es allein ums Künstlerische und um nichts anderes. Das ist die Differenz zu Deutschland. Tarantino ist gleichzeitig ganz naiv und hochgebildet. Er will immer das Beste. Und treibt alles auf die Spitze.“

Keineswegs nebenbei hat sich Groth eine Karriere als Sprecher für Hörspiele und Hörbücher aufgebaut. Die Arbeit am Mikrofon liegt ihm am Herzen. Bei großen Einsätzen zieht er ein Kostüm an. Für seine Rolle als Kara Ben Nemsi in Karl Mays gesamtem Orientzyklus hat er sich wüstengerecht eingekleidet. „Ich wusste, da muss ich vier Wochen Studioarbeit durchhalten. Das Kostüm hat mir dabei sehr geholfen.“ Für die 1486 Minuten lange Neuübersetzung von Fjodor M. Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ hat Groth sich ein Raskolnikow-Outfit schneidern lassen. Mit Hose, Stiefel, Mantel, Mütze verwandelte er sich vor dem Mikrofon in einen Russen – ­Metamorphose ist ihm alles.

Darum ist es nur auf den ersten Blick verwunderlich, mit welcher Freude am heiteren Zynismus er den geläuterten RAF-Sympathisanten Henner in „Das Wochenende“ gibt. In der Verfilmung des Romans von Bernhard Schlink ist Groth der dem Leben zugewandte Konterpart zum verbitterten Überzeugungstäter Jens (Sebastian Koch). „Du bist Pop“, sagt er einmal zu diesem, und in seiner angerauten Stimme, seinem forcierten Bubenblick und der schlaksigen Körperrede schwingt mit, was ihn über die vielen Rollenwechsel hinaus kennzeichnet: die Freude am Spiel, das nicht Routine, nicht Kalkül werden darf. 

Ingo Langner ist Filmemacher, Autor und Publizist.

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