Schön, dich hier zu haben

Unsere Mütter mögen ihn, wir mögen ihn, alle mögen ihn: Johannes B. Kerner. Nur einer nicht. In unserer Cicero-Reihe "Stürzt die Ikonen" beklagt Alexander Kissler die Kernerisierung des Fernsehens.

Talkmaster Johannes B. Kerner
() Talkmaster Johannes B. Kerner
Elke Heidenreich hat es gut. Deutschlands prominenteste Leserin verließ das ZDF im Streit und fand eine neue Bleibe im Internet. Dort setzt sie nun ihre Sendung „Lesen!“ unter dem Titel „Weiterlesen!“ fort. Am Format hat sich fast nichts geändert. Unverändert preisen Heidenreich und ihre Gäste gute Bücher an, unverändert findet das Lob in Köln statt, wenn auch in einer Kulturkneipe statt in der „Kinderoper“. Radikal anders aber ist das Umfeld. Bei ihrer Premiere im Netz verkündete Elke Heidenreich den enormen Vorteil der neuen Verbreitungsart: „Vor mir kein Gejodel, nach mir keine Kochshow, weit und breit kein Kerner.“ Ja, so ist es: Man muss dem Fernsehen den Rücken kehren, um Kerner und den Köchen und den volkstümlichen Schlagern zu entkommen. Man muss sein TV-Gerät in den Keller tragen, um der schleichenden Verblödung zu entgehen. Das bekannteste Gesicht des Zweiten Deutschen Fernsehens, der Moderator und Dauer-Duzer Johannes Baptist Kerner, wurde längst zum Symbol allgemeinen Unernstes. Nicht nur dreimal pro Woche abends, wenn die laut ihrem Moderator „erfolgreichste People-Talkshow“ mit Namen „Johannes B.Kerner“ ausgestrahlt wird, ist das Fernsehen ein einig’ Kernerland. Auch davor und danach, auch auf den Programmplätzen rechts und links daneben feiert die Kernerisierung fröhliche Urständ – und Kernerisierung meint: den Ersatz ressortspezifischer Kenntnisse durch die Bereitschaft zur guten Laune, den Ersatz von Information durch inszenierte Einfühlung, den Ersatz republikanischer Gesprächskultur durch autoritäre Kumpelei und den Ersatz des Gedankens durch den Affekt. Meister all dieser Surrogate ist Johannes B.Kerner. Er ist der ungekrönte König einer vielkanaligen Veranstaltung, die als Ganzes ein Instrument zur industriellen Surrogatproduktion geworden ist. Draußen bleiben Wirklichkeit und Politik und Intellekt. Die drei bis fünf Gäste, die Kerner sich jeweils von Dienstag bis Donnerstag einlädt, werden mit ein und derselben Formel begrüßt: „Schön, dich hier zu haben.“ Auch wer, wie etwa „Comedy-Star“ Oliver Pocher, den Moderator siezt, hat noch lange kein Recht auf die einzig statthafte Variante: „Schön, Sie hier zu haben.“ Diese vergleichsweise förmliche Ansprache bleibt den Politikern vorbehalten, die sich zu Kerner verirren, etwa SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel. Den Hauptteil der Sendung bestreiten die Berufskollegen aus den anderen Anstalten. Formate wie „Kerner“, scheint es, wurden eigens erfunden, damit Kabarettisten ihre Späße treiben können. Sehr zu Recht singt deshalb der Erfinder des „Chanson-Hip-Hop“, Thomas Pigor: „Sie können endlich zeigen, was es heißt, ein guter Gast zu sein – Fernsehmoderatoren laden sich gegenseitig ein.“ Hermetisch und unrettbar selbstbezüglich ist das öffentliche Gerede geworden. Als TV-Profis sind die Gäste, wie auch Kerner, Promotoren ihrer selbst oder ihrer Produkte. „Du hast ein Buch geschrieben, Frauke“, lautet eine typische Einleitung hin zum folgenden Dauerwerbeblock. Die „zauberhafte“ RTL-Kollegin Frauke Ludowig darf ihr Werk ebenso breit anpreisen wie Sat.1-Kollege Ingo Lenßen das seine. Auch ausführliche Gespräche zum RTL-„Dschungelcamp“ moderiert Kerner lachend an. Er charmiert tapfer über „Känguru-Hoden und das, was da alles sozusagen…“ Zur begehrten Abwurfstelle für Werbebotschaften aus der Welt des Privatfernsehens wurde „Kerner“, weil genau dort, beim blonden Kumpel, vor elf Jahren die Verwandlung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt in ein reines Kommerzunternehmen ihren Anfang nahm. Drei Grundlaute kennt der moderierende Journalistendarsteller. Sie drücken ein grenzenloses Einverständnis mit allem aus: „okay“, „ja“ und ein knappes, tiefes „mmmh“. Genau 81-mal erklang im 18 Minuten langen Gespräch mit Boris Beckers „Ex-Verlobter“ das einfühlende „mmmh.“ Alle 14 Sekunden sollte Sandy Meyer-Wölden, die eigentlich auf den „ausgesprochen schönen“ Vornamen Alessandra hört, auf diese Weise erfahren, wie recht sie doch habe, wie sehr man sie doch bewundere. Kerner verströmt Verständnis wie Mozart Musik. Das Fluidum solch wohliger und eben personenunabhängiger Sympathie wird von keiner Frage ernstlich getrübt. Die Fragen sind Überschriften zu verabredeten Selbstdarstellungen: „Was, würdest du sagen, ist der Grund, dass ihr nicht mehr zusammen seid?“ an Fräulein Meyer-Mölden oder „Ist das etwas, was dich zusätzlich reizen könnte?“ an den Nebenerwerbsschauspieler Oliver Pocher. Will Kerner ausnahmsweise „ein bisschen ans Eingemachte gehen“, verbirgt sich dahinter die Aufforderung an Rechtsanwalt Lenßen, den ehelichen Zugewinnausgleich zu erklären; wird „jetzt mal ganz brutal gesprochen“, folgt im Angesicht des „Starkochs“ Jamie Oliver die Vermutung, die Wirtschaftskrise führe zu einer Rückkehr einfacher und gesunder Gerichte. Darf Johannes B.Kerner aber denn nicht reden wie er mag? Darf er nicht sein Kleinkinddeutsch perfektionieren, von „Iii und Pfui und Bäh“ zu „Chi-chi und Tralala und Hopsasa“? Darf er, der auch Fußballländerspiele moderiert, nicht den Fußballerslang in die Politik tragen und Hans-Jochen Vogel nach „Typen“ in der SPD fragen, die „dahin gehen, wo’s wehtut“? Darf jemand, der zwischen 2004 und 2008 rund 120-mal die „erfolgreichste Kochshow Deutschlands“ moderierte, nicht von einer Glamour-Expertin wissen wollen, „gibt’s auch ’n Rezept dafür, wie man sich ordentlich trennt?“ Warum soll er denn nicht, wie er unlängst bekräftigte, „die schlichten Fragen“ für „manchmal am zielführendsten“ halten? Ist es nicht unfair, wenn sueddeutsche.de den Werbeträger an die Spitze einer „handverlesenen Riege sozialverträglicher Typen“ setzt, die „mal einen Fußballprofi, mal einen Berufspolitiker freundlich ausfragen können“? Kerners Art, jeden Gast in einen Kokon aus Freundlichkeit und Sorglosigkeit zu packen, wurde jedoch leider stilbildend, dies- und jenseits des ZDF. Auch beim letzten Jahresrückblick der Mainzer, bizarrerweise schon Mitte Dezember ausgestrahlt, galt sein Interesse einzig der ausgestellten Empfindung, die er seinem wechselnden Gegenüber entwinden konnte. „Wie empfinden Sie dabei?“, schallte es heiter jenem Mann entgegen, dem zwei Arme angenäht worden waren. Genau diese routinierte Neugier aufs Empfinden, die das Gegenteil eines echten Erkenntnisinteresses ist, das Gegenteil eines Gedankens, das Gegenteil eines Dialogs, bildet auch den Refrain vordergründig politischer Formate. Ob „Anne Will“, „Menschen bei Maischberger“ oder „Maybrit Illner“, ob „Sat.1-Nachrichten“, „RTL-Nachtjournal“ oder „heute-journal“, das unter Marietta Slomka zur „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene wurde, farbenfroh und kindgemäß: Wem auch immer ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird, des’ Herz soll übergehen vor Gefühl und Gefühligkeit, sekundenlang. „Haben Sie eigentlich gut geschlafen?“, muss der Bundesfinanzminister erklären. „Haben Sie dabei ein gutes Gefühl?“, wird die Kanzlerin nach dieser oder jener weitreichenden Entscheidung gefragt. Natürlich sind die Antworten nur Floskeln, nur mal mehr, mal weniger freundlich formulierte Ausflüchte. Mit „Kerner“ und dessen von Sat.1 abgeworbenem Moderator begann das ZDF, der privaten Konkurrenz hinterherzuhecheln. Wie diese will man seitdem vor allem rühren und schockieren, kuscheln und klüngeln. So wurde der Boulevard total. Der Schriftsteller Christian Schüle kennzeichnet den „deutschen Totalboulevard“ so: „Der Boulevard überversorgt den narzisstisch gekränkten Bürger von Grund auf mit Romantik, Ruhe, Berechenbarkeit und Ordnung bei gleichzeitiger Bereitstellung von wahren, reinen, ungetrübten Gefühlen. Durch die Unfähigkeit oder den kalkulierten Unwillen, Wichtiges von Unwichtigem, Bedeutendes von Bedeutungslosem zu scheiden, verschwinden Differenz und Kriterium. Es ist die Kernerisierung des Fernsehens bei gleichzeitiger Entkernung.“ Schüle sieht in dem mit Kerners Namen bezeichneten System die Grenzen „zwischen hart und soft, Sport und Politik, Promi und Staatsmann“ endgültig niedergerissen. Zu ergänzen wäre: Auch die Grenzen zwischen Journalismus und PR sind dadurch fließend geworden. Jeder, lautet die unausgesprochene Botschaft, hat schließlich etwas zu verkaufen – im Zweifelsfall sich –, also wäscht eine Hand die andere. Kerner, der „kein Negativmensch“ sein will, ist der Prototyp solch forciert gut gelaunten und reichlich geistfernen Verkäufertums. Die Folgen sind dramatisch. Einerseits verliert ein gebührenfinanzierter Sender seine Berechtigung, wenn er zur Werbeplattform, ja zum kleinen Bruder des Privatfernsehens regrediert. Andererseits gedeihen Politikverdrossenheit und Demokratiekritik am besten auf einem solchen nihilistischen Humus: Wenn alles ununterscheidbar relevant zu sein scheint und alles nur ein Anlass für freundliche Gespräche, für ein „Ja“ und ein „Okay“, dann lohnt schlechterdings nichts die Mühe einer gedanklichen Auseinandersetzung. Dann ist es sinnlos, sich für eine Republik zu begeistern, in der es vor der Gleichgültigkeit kein Entrinnen gibt. Viel wäre deshalb gewonnen für das Gemeinwesen, das Deutschland heißt, wenn man dereinst, in fernen Zeiten, bei dem K-Wort an keinen Moderator mehr dächte, sondern an die Weinrebe – oder gar an den Dichter aus Schwaben, der der Rebe den Namen gab. Bis dahin, solange wir warten jenseits der Mattscheibe, tröstet uns Justinus Kerner höchstselbst: „Die Zeit nur lindert Gram und Schmerzen,/Der Raum, o glaubt’s! tut nichts dabei;/Drum harret still, wo es auch sei,/Und lernt Geduld, unruhige Herzen!“ Foto: Picture Alliance

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