Stockhausens Opern-Heptalogie „Licht - Die sieben Tage der Woche“, umfasst sieben Opern mit 29 Stunden Musik
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Samstag aus Licht - München zeigt Stockhausens Mammut-Oper

In München startet heute ein gigantisches Musik-Projekt: Karlheinz Stockhausens Oper Samstag aus dem Zyklus Licht dauert rund fünf Stunden. Es ist eine Dopingspritze für den müden Klassikbetrieb

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Alexander Pschera ist Publizist, Autor und Blogger. Er ist Geschäftsführer der Münchner Agentur Maisberger. Zuletzt erschien von ihm der Essay „Vom Schweben. Romantik im Digitalen“

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Der Festspielsommer arbeitet sich aus dem Dauerregen. In Salzburg und Verona trocknen die Sonnenschirme. Das Personal rüstet die Terrassen für den Ansturm der Abendkleider. Doch über allem liegt ein elegischer Schleier: Das Publikum stirbt aus für Mozart und Verdi. Die klassische Musik steckt in einer demografischen Krise. Nicht nur bei der Schubertiade Hohenems sieht man mehr Tod als Mädchen. Ein letztes Moment musical, ein Aperol Spritz, und das war’s.

Das ist aber nicht das größte Problem der Klassikindustrie. Sie ringt, vor allem, um ihre Legitimation. Große Musik ist Klang gewordene Idee. Aufführungen müssen Ideen dienen. Wer komplexe Werke darbietet wie Salzburger Confiserie, der macht die Zuhörer dick und die Idee kaputt. Für Generationen gebildeter Menschen war es selbstverständlich, dem filigranen Gedankengeflecht einer Fuge oder Sonate folgen zu können. Heute wird klassische Musik durch den Abonnement-Automatismus geleiert (Parkhaus, Programmheft, Parkhaus) oder auf Hochleistungssport getrimmt (alle Beethoven-Sonaten an einem Abend auf Helgoland). Slow Food überall: Debussy goutiert man als Carpaccio, Chopin gibt es als edle Spätlese. Das von Adorno kritisierte bloße „Hören schöner Stellen“ ist zur inneren Logik eines Konzertbetriebs geworden, der sich zwischen anderen Freizeitangeboten – Kreuzfahrt, Thalasso-Therapie, Spargelernte – zu positionieren versucht.

Man muss sich in der Spätzeit der bürgerlichen Kultur ernsthaft fragen: Was erwarten wir noch von Musik? Zerstreuung oder doch etwas mehr? Erkenntnis? „Mehr Licht“ wünschen wir mit Goethe dem klassischen Musikbetrieb: Auf dass er uns mit guter Musik erziehe. Auf dass er uns aus der Konsumlethargie reiße. Auf dass er uns herausfordert, den inneren musikalischen Schweinehund zu überwinden.

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Hier kommt die Neue Musik ins Spiel. Sie gibt uns nicht nur neue Töne, sondern auch neue Ohren. Sie kann helfen, das Hören organisierter Töne, das durch die Endlosschleife des Betriebs abgestumpft ist, zu neuem Leben zu erwecken. Keine Thalasso-, sondern eine Ohrwaschel-Therapie muß her!

Es ist gut, dass die Münchner Musica Viva und der Bayerische Rundfunk jetzt, am Beginn des kulinarisch-kulturellen Sommermarathons, fünf Tage lang an den großen Komponisten Karlheinz Stockhausen und an sein Hauptwerk, die Oper Licht, erinnern. Vom 26. Juni bis 1. Juli werden die vier Szenen des Samstag gezeigt. Das Werk kommt an den drei Spielstätten Muffathalle, Herkulessaal und Michaelskirche zur deutschen Erstaufführung.

1977 fasste Stockhausen den Plan zu diesem Werk. Er arbeitete an ihr 26 Jahre, zehn Stunden am Tag, ohne Unterbrechung. Die Gesamtoper, die aus den sieben Wochentagen besteht und bisher noch nie in voller Länge aufgeführt wurde, dauert 29 Stunden. Wagners Ring bringt es gerade mal auf 16. Uraufgeführt wurde der Samstag 1984 in Mailand und war nur noch in Amsterdam zu sehen. München ist somit der weltweit dritte Spielort.

Das Gesamtopus Licht ist ein unübersehbares intellektuelles Abenteuer. Es geht um die drei kosmischen Geister Michael, Eva und Luzifer, um die spirituelle Erweckung des Menschen und seine Teilhabe am Göttlichen. Die Musik der 29 Stunden wird, ähnlich wie bei Wagner, durch Leitmotive strukturiert – Stockhausen nennt sie „Superformel“. Seine musikdramatische Sprache ist jedoch von der Wagners grundverschieden. Jede Szene hat eine andere Besetzung – Kammermusik, großes Orchester, Chor, Elektronik, Tanzperformance, Solo.

Im Zentrum von Samstag steht die dritte Szene, Luzifers Tanz, ein polyrhythmisch verschachtelter Orchesterfuror. Luzifer lässt ein riesiges Menschengesicht erscheinen. Die einzelnen Gesichtsteile werden von Instrumentalgruppen dargestellt: linker Augenbrauentanz, rechter Augenbrauentanz, linker Backentanz, und so fort. Die Komplexität der Partitur stellt die Ausführenden vor große Herausforderungen. Deshalb dauern die Proben für die Gesichtspantomime eine volle Woche, so Ingo Metzmacher, Stockhausen-Schüler und Münchner Dirigent von Luzifers Tanz.

Metzmacher verweist darauf, dass gerade Luzifers Tanz ein enormes Faszinationspotenzial hat: „Von zehn verschiedenen Gruppen stellt sich jede einzeln vor, um dann mit und gegeneinander zu ‚tanzen‘. Das wird logischerweise immer wilder. Dazu kommen drei Solisten: eine Art Conférencier, ein wahnsinniger Trompeter und eine katzenhafte Flötistin. Das sollte doch neugierig machen!“

Tut es! Licht ist keine „Oper“ im herkömmlichen Sinn: „Ich will keine Ausstattung, die für sich selber da ist, keine Dekoration, keine zusätzliche Ausdeutung, sondern ich will reines rituelles Musiktheater“, sagt Stockhausen. Damit weist die dramaturgische Konzeption von Licht auch einen Ausweg aus dem Dilemma des bürgerlichen Opernbetriebs, der sich in einem von ihm selbst finanzierten tollwütigen Regietheater einen Geist erschaffen hat, den er nicht mehr los wird: „Die Regisseure wissen ja gar nicht mehr, was sie machen sollen, um dieselben Stücke immer wieder bombastisch aufzuladen mit überteuren Kostümen und Gags und Einstreuseln, mit weit hergeholten Deutungen politischer oder psychologischer Natur“, schrieb Stockhausen bereits in den 1980er. Er sollte mal heute in die Oper gehen!

Stockhausen bringt das Musiktheater mit einem einfachen Trick vor sich selbst in Sicherheit: Er theatralisiert die Musiker, er macht die Instrumentalisten zu szenischen Akteuren, zu Spielern im Wortsinn. So ist die überragende Flötistin Kathinka Pasveer in der zweiten Szene aus Samstag jene philosophische Katze Kathinka, die in 24 Übungen die Seelen der Toten durch Lauschen zu klarem Bewusstsein führt.

Samstag ist der Saturnstag, der Tag des Hinübergleitens alles Lebens ins Dunkle. Samstag ist ein Licht-Requiem. Stockhausen führt die Musik an ihren Ursprung zurück: an den Kultus, an die rituelle Handlung. Auch an die katholische, der er entstammt. Am Ende von Samstag zieht ein Mönchschor mit Holzschuhen und Karfreitagsklappern hinaus aus der Kirche in die Münchner Fußgängerzone, singt Franz von Assisis „Lob der Tugenden“, lässt einen Vogel frei und vollzieht am Stachus ein Kokosnussritual.

Das ist Musik, die sich verstörend einmischt ins Kommerzgewimmel. Musik, die Wagner weiterdenkt. Metzmacher: „Wagner und Stockhausen sitzen jetzt wahrscheinlich beisammen!“ Recht haben sie. Wir setzen uns zu ihnen. Und lauschen aufmerksam.

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