Sündenbock Hoeneß - Tribunalisierung einer fremden Schuld

Die Debatte um Uli Hoeneß' Schweizer Konto ist wohlfeil und dient nur der verlogenen Selbstrechtfertigung. Ein Zwischenruf

Auf dem Weg zum öffentlichen Geständniszwang?
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Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Es ist ein vertracktes Ding mit der Beichte. Sie hat keinen guten Klang, riecht nach muffigem Holz und Selbstkasteiung. Mancherorts ist die Kirche derart an ihrem Sakrament verzweifelt, dass sie es vom Markt genommen und durch ein Surrogatprodukt namens Bußgottesdienst ersetzt hat, was aber auch nicht viel schicker klingt. Von selbigem, heißt es, gehe keine restlos befreiende Wirkung aus, nur individuell lasse sich Absolution erlangen. Immerhin erspart ein Gruppenerlebnis das Aussprechen des eigenen Sündenregisters. Dass viel Sündhaftes in der Welt ist, wird dennoch niemand in Frage stellen.

Unsere Medienöffentlichkeit ist offenbar eine degenerierte Kirche. Süchtig ist sie nach den Sünden der anderen, geizig gibt sie sich im Verzeihen. Sie führt gerne Sünder vor, klagt Beichten ein und verlangt Reue. Neben dem Kaloriensünder indes scheint es in unseren Tagen nur den Steuer-, vielleicht noch den Alkoholsünder zu geben. Der Rest ist die reine Engelschar. An „Dopingbeichten“ herrscht 2013 kein Mangel, nicht nur Jenny Elvers-Elbertzhagen legte eine öffentliche „Alkoholbeichte“ ab, und „Steuersünder“ Uli Hoeneß hat den Behörden seine fiskalischen Verfehlungen „gebeichtet“. Hoeneß habe sich immerhin, erklärte der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans bei „Günther Jauch“ (ARD), „am Gemeinwesen versündigt“.

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Die Allgegenwart religiöser Begrifflichkeit zeigt: Bedürfnisse, die von der Religion nicht gestillt werden – hier die Sehnsucht nach Bekenntnis, Vergebung und Umkehr –, wenden sich in ihr Gegenteil, trägt man sie auf den Marktplatz. Ist erst einmal die Talkshow zum Beichtstuhl geworden, findet keine Beichte mehr statt, sondern die Tribunalisierung einer fremden Schuld. Öffentliche Beichten sind keine Beichten, sondern Operationen am Sündenbock. Er wird in die Mitte einer Debatte gestellt, um die eigenen Versuchungen auf ihn abzuladen und abzufackeln, sie ihm stellvertretend auszutreiben. Gerne ist man Exorzist, bleiben nur die eigenen Hände sauber. Das „Gemeinwesen“ oder „der Staat“ oder das ominöse „Wir“ sind sehr eifersüchtige Götter.

Jenny Elvers-Elbertzhagen trank mehr, als ihr gut tat. Doch wer lebt abstinent? Muss man sich darum ergötzen an ihrem Untergang? Radelnde Profis halfen ihrer Leistung mit Pharmazeutika nach. Doch wer tunt sich nicht im täglichen Arbeitskampf? Uli Hoeneß betrog das Finanzamt. Doch wer verhält sich im Auge des Fiskus‘ immer buchstabengetreu? Und was ist ein Geständnisempfänger wert, der solche Geständnisse ausplaudert? Wer wollte hier sein Mütchen kühlen? Indem das jeweilige Vergehen ins Gigantische aufgeblasen und mit einem Abscheu oder einem Schauder kommentiert wird, als hätten die betroffenen Personen zum Angriffskrieg gerüstet, verzwergen sich die eigenen Abgründe ins Lächerliche. Und das wiederum ist das Geschäftsprinzip unserer Quoten- und Erregungsindustrie: Dem Betrachter, also dem Konsumenten, soll das Gefühl vermittelt werden, er selbst sei schwer in Ordnung. Mediale Kundenbindung funktioniert nach dem Gesetz von Zuckerbrot und Peitsche: Zuckerbrot für dich, der du zuschaust, Peitsche für den, den wir dir frei Haus liefern. Es ist eine äußerst effektive Kumpanei.

Natürlich wäre es falsch, zu verharmlosen, zum Zuckerguss zu greifen oder alles Missliche zu verschweigen. Die scheinheilige Bereitschaft aber, einen öffentlichen Geständniszwang zu errichten, um das eigene gute Gefühl zu stabilisieren, ist ein schlimmer Tausch. Moral wird so zu einer Sache nur für die anderen und erst im Moment ihres Verschwindens.

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