Russisches Haus Berlin
Kinosaal des Russischen Hauses in Berlin / Markus Wächter, Berliner Zeitung

Besuch im Russischen Haus in Berlin - Das Wort „Krieg“ nimmt der Direktor nicht in den Mund

Das Russische Haus in Berlin unterliegt indirekt der Zuständigkeit des russischen Außenministeriums. Nach langer Pause hat es nun wieder geöffnet, bietet Russischkurse und Filmabende. Doch wie viel russische Kultur ist erlaubt, während der Kreml Bomben auf die Ukraine fallen lässt? Ein Treffen mit Direktor Pavel Izvolskiy.

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Wer abends durch die Berliner Friedrichstraße spaziert, hört oft Russisch. Die Russen in Berlin. Wer sind sie eigentlich? Eine ziemlich heterogene Gruppe, muss man sagen. Ende 2021 lebten nur rund 27.500 russische Staatsbürger in Berlin (nicht so viele, wenn man diese Zahl mit den rund 107.000 türkischen Staatsangehörigen vergleicht). Dazu kommen bis zu 300.000 Russischstämmige sowie Russlanddeutsche oder russischsprechende jüdische Kontingentflüchtlinge, die meist gut integriert sind und längst einen deutschen Pass haben.

Viele von ihnen pflegen weiter Verbindungen nach Russland. Viele Eltern bringen ihren Kindern Russisch bei. Das Russische Haus in Berlin, bis 2020 hieß es noch „Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur“, hat den Russen in der Hauptstadt das Russischlernen jahrelang ermöglicht und bot ein buntes Unterhaltungsprogramm aus russischen Filmen und Konzerten. In der Pandemie blieb das Haus jedoch geschlossen, die Russischkurse fanden nur online statt.

Als der Ukraine-Krieg im Februar begann, blieb das Haus weiterhin zu. Deren Mitarbeiter schwiegen zu den tragischen Ereignissen. Kein Wunder, denn es wird von der staatlichen Organisation Rossotrudnitschestwo (der Name ist eine Zusammensetzung aus Russland und Zusammenarbeit) betrieben, die der Zuständigkeit des russischen Außenministeriums unterliegt. Die Mitarbeiter haben gewisse Beschränkungen bei der Redefreiheit.

Doch bedeutet das zugleich, dass sie gleichgeschaltet sind oder russische Geheimagenten unterbringen müssen, wie es der Tagesspiegel suggeriert? Der Direktor des Russischen Hauses Pavel Izvolskiy nimmt einen Anruf schnell entgegen. Das Haus sei seit September geöffnet, erwidert er. Kurz nach dem Gespräch wird auch die Anmerkung, die Institution sei vorübergehend geschlossen, von der Webseite genommen. Journalisten können gerne vorbeikommen.

Granit aus der Lausitz, Kalkstein aus Wraza

Das massive Gebäude in der Friedrichstraße, 1984 im spätsowjetischen Stil aus Granit aus der Lausitz und Kalkstein aus Wraza erbaut, wirkt an einem frühen Oktoberabend in den Innenräumen genauso kalt wie von außen. Doch leer ist es nicht. Frauen mit Kindern und ältere Leute gehen ein und aus, es gibt Leben und Bewegung. Im Aufzug sprechen wir eine Frau mit Kind auf Russisch an: „Was machen Sie hier?“, wollen wir wissen. „Der Junge hat gerade Russischunterricht gehabt“, antwortet sie.

Pavel Izvolskiy empfängt uns in seinem geräumigen Büro an einem runden Tisch aus braunem Holz. An den Wänden sieht man Landschaften, aber kein Porträt von Präsident Wladimir Putin. So könnte wohl jedes andere Büro in Berlin aussehen. Der 49-Jährige trägt eine graue Hose und einen blauen Rollkragenpullover und erinnert an Schauspieler Daniel Craig aus einer James-Bond-Filmreihe. Der Ähnlichkeit ist er sich bewusst, deutet er an. Wir sprechen Russisch.

„Unser Haus war lange wegen der Pandemie und seit Februar wegen der Sicherheitsbedenken und Ängste unserer Mitarbeiter für Besucher geschlossen“, sagt er. „Es wurden Eier auf die Fassade geworfen und die Säulen mit Hassbotschaften beschmiert. Russische Häuser in anderen Ländern erlebten noch schwerere Angriffe.“ Nach der Sommerpause sei man nun wieder geöffnet. Man zeige wieder russische Filme und biete in ein paar Monaten erste Konzerte an, sagt Izvolskiy. Auch wenn es viel weniger seien als 2019 vor der Pandemie. Und viel weniger als noch vor dem Ukraine-Krieg, möchte man hinzufügen.
 

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Doch das Wort „Krieg“ nimmt unser Gesprächspartner nicht in den Mund. Stattdessen konstatiert er: „Jetzt ist es für uns aus gewissen Gründen, hauptsächlich aus logistischen, sehr schwierig geworden, große Teams aus Russland einzuladen. So, wie wir es früher getan haben. Deshalb verhandeln wir jetzt mit Kollektiven in Deutschland, damit sie bei uns Konzerte geben.“

Die gegenseitige Sperrung des Luftraumes durch die EU und Russland hat Reisen verkompliziert und verteuert. Aber haben die Menschen überhaupt noch Lust auf Unterhaltung im Russischen Haus? Izvolskiy zeigt sich zuversichtlich. Es habe schon 2017 Leute gegeben, die aus Prinzip nicht ins Russische Haus gehen wollten, weil es für sie etwas im schlimmsten Sinne „Sowjetisches“ verkörperte, so Izvolskiy.

Man habe aber immer noch ein treues Publikum. „Die Nachfrage ist da. Die Menschen rufen uns an und fragen: ‚Wann beginnen die Konzerte wieder?‘“, erwidert Izvolskiy. „Also planen wir für Ende November, Anfang Dezember eine Reihe von Konzerten und Puppentheater und erwarten volle Säle.“ Es kämen donnerstags bereits zwischen 50 und 150 Menschen ins Kino. Insgesamt bietet das Filmtheater Platz für 189 Zuschauer.

„Alle Lehrer sind mit uns geblieben“

Russischkurse für alle und das russische College, also Unterrichtsfächer für Schüler in Russisch, gebe es jetzt wieder in Präsenz. Eine Stunde Gruppenunterricht für Kinder koste zwischen 12 und 20 Euro. Darüber hinaus gebe es eine Kunstschule, wo Kinder malen oder modellieren können. „Unser gesamtes Team und alle Lehrer sind mit uns geblieben“, versichert der Direktor mit Blick auf den Ukraine-Krieg. „Erwachsene Deutsche kommen nach wie vor zu uns, um Russisch zu lernen. Eine Dame hat zwar aus Prinzip den Unterricht abgebrochen, aber sie ist eher die Ausnahme als die Regel.“

Anfang Mai hatten drei Künstlerinnen aus der Ukraine und Russland mit einer Protestaktion vor dem Russischen Haus die vorbeigehenden Passanten auf die Gräueltaten von Butscha aufmerksam gemacht. Das Russische Haus habe sich über die Aktion empört und die Berliner Polizei gerufen, schrieb der Tagesspiegel. Der Direktor des Russischen Hauses widerspricht, als wir ihn auf die Tumulte ansprechen. Man habe die Künstlerinnen gebeten, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße zu demonstrieren. Die Polizei habe man nur zweimal gerufen, als Hassbotschaften auf Säulen gemalt wurden, so Izvolskiy.

Er dementiert auch die Vorwürfe, das Russische Haus würde „ein befangenes Bild über russische Innen- und Außenpolitik“ vermitteln. In der Tat sind auf der Webseite des Hauses keine derartigen Botschaften zu finden. „Politik machen wir nicht“, beharrt Izvolskiy. Das Russische Haus sei für ihn wie das Goethe-Institut, das vom Auswärtigen Amt institutionell gefördert wird. Auf der Webseite der Organisation steht geschrieben, es genieße die Rechte einer juristischen Person gemäß des Abkommens zwischen der Regierung der Russischen Föderation und der Regierung der Bundesrepublik Deutschland über die Aktivitäten von Kultur- und Informationszentren vom 4. Februar 2011.

Pavel Izvolskiy
Direktor Izvolskiy / Markus Wächter, Berliner Zeitung

Die staatliche Organisation Rossotrudnitschestwo sei lediglich der Betreiber, rechtlich sei das Russische Haus eigenständig, insistiert der Direktor. Der Antwort auf die Frage, ob das russische Außenministerium Einfluss auf die Tätigkeit des Hauses nehme, weicht Izvolskiy aus. „Es nimmt genauso viel Einfluss auf unsere Aktivitäten, wie das Auswärtige Amt Einfluss auf die Aktivitäten des Goethe-Instituts nimmt.“ Finanziert werden die beiden Organisationen sowohl aus dem Staatshaushalt sowie aus eigenen Erlösen. Und trotzdem sind die Unterschiede offensichtlich.

Izvolskiy ist in seiner Funktion als Direktor nach eigenen Angaben in Russland verbeamtet und genieße in Deutschland den Status eines Diplomaten und Botschaftsrates. Die EU-Kommission hat seine Dachorganisation Rossotrudnitschestwo im Juli im Rahmen des siebten Sanktionspakets als föderales Organ der Exekutive sanktioniert, das für „die Soft Power und den hybriden Einfluss des Kremls, einschließlich der Förderung des sogenannten ‚Russkij-Mir-Konzeptes‘ (Russische-Welt-Konzepts)“ stehe. Seit vielen Jahren agiere die Agentur als Dachverband für ein Netzwerk von „russischen Landsleuten und Agenten“, konsolidiere Aktivitäten prorussischer Akteure und beitreibe Geschichtsrevisionismus, begründet die EU.

„Das Russische Haus ist nicht unter Sanktionen“

Von solchen Vorwürfen gegenüber dem Russischen Haus oder auch der Behauptung, es organisiere etwa prorussische Autokorsos, will Izvolskiy nichts wissen. Sein Haus betreibe so etwas nicht, sagt er. Und trotzdem würden deutsche Organisationen sich weigern, mit dem Russischen Haus in Kontakt zu treten. „Wir zeigen bald Filme von Andrei Tarkowski in deutscher Sprache mit deutschen Untertiteln. Die Defa-Stiftung, die auch Filmvorführungsrechte besitzt, hat uns im September die Vorführung gegen Bezahlung verweigert, weil man, so die Erklärung, nicht mit sanktionierten russischen Staatsorganisationen zusammenarbeite.“ Das Russische Haus stehe aber nicht unter Sanktionen und werde auch nicht in den EU-Papieren erwähnt, erklärt Izvolskiy. Seine Arbeit sei nicht verboten. „Die Rechte mussten wir also alternativ erwerben.“

Zwei Banken hätten dem Russischen Haus vorerst zwar die Konten eingefroren und sich dabei auf die Russland-Sanktionen bezogen. Doch nach Klärung der Lage würden sie wieder funktionieren, so der Direktor. Der Mann vermittelt zumindest rhetorisch nicht den Eindruck, dass er den Krieg gegen die Ukraine unterstützt. Und trotzdem bleibt die Frage: Kann eine staatliche Kulturinstitution, die eigentlich Völkerverständigung betreiben will, mitten im Krieg einfach schweigen und weitermachen, als wäre nichts passiert?
 

Künstler Dennis Rudolph über seine Russland-Reise:


Izvolskiy antwortet nicht. Dann sagt er diplomatisch und etwas ausweichend: „Schauen Sie sich einfach an, was wir tun.“ Das Russische Haus Saar, eine private Initiative, hat sich für ukrainische Flüchtlinge engagiert, erwidern wir. Warum geht man in der Friedrichstraße nicht den gleichen Weg? Izvolskiy weicht wieder aus: „Wir helfen ihnen.“ Aber wie genau? „Menschen unterschiedlicher Nationalitäten besuchen unser Haus, auch mit ukrainischen Pässen.“

Ist es nicht zynisch, Unterhaltungsprogramme anzubieten, während die Menschen in der Ukraine durch russische Bomben sterben? „Es ist nicht die Zeit für Spaß“, gibt Izvolskiy zu. „Vor der Pandemie hatten wir viele amüsante Aufführungen. Jetzt halten wir das für unangemessen. Wir planen, hauptsächlich klassische Musik und seriöse Filme anzubieten. Und das ist auch gut so. Es wird Weihnachtsfeiern geben, aber die werden wir nur den Kindern anbieten.“

„Wir wünschen uns alle, dass der Frieden kommt“

Auch Menschen, die der neuen Welle russischer Auswanderer und Geflüchteter entstammen, würden ins Russische Haus kommen, behauptet Izvolskiy weiter. Haben diese Menschen denn keine Angst, hier gefangen und zurück in die Heimat geschickt zu werden? Die Antwort: „Ich werde Sie vielleicht enttäuschen, aber das tun wir nicht.“

Zum Abschluss sagt Pavel Izvolskiy: „Natürlich wünschte ich mir sehr, dass das Russische Haus heute wie vor der Pandemie arbeiten würde. Ich möchte wirklich, dass alle ohne Angst zu uns kommen, um jemanden kennenzulernen, um etwas zu sehen. Und ich sehe ein, dass dafür eine riesige Versöhnungsarbeit geleistet werden muss. Von allen, aber zuallererst von Russland und uns Russen. Eine riesige Arbeit, um es aufzuarbeiten. Nie wieder Krieg. Unter diesem Motto bin ich selbst erzogen worden. Wir wünschen uns alle, dass es aufhört und der Frieden bald kommt.“
 

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Günter Johannsen | Mi., 19. Oktober 2022 - 16:25

Was hat dieses Trojanische Pferd "Russische Haus" in Berlin noch zu suchen? Ist es die alte Freundschaft (Druschba) mit der "großen Sowjetunion", die es dem rot-rot-grünen Senat schwere macht, dieses Haus zu schließen und die Putin-Speerspitze nach Hause zu schicken?!
Nach 1989 sollten auch die Lenin- und Marxdenkmäler in Deutschland entfernt werden: Marx war Rassist und Antisemit; Lenin wollte statt Popen die Großmütter hinrichten lassen, weil die es sind, die den christlichen Glauben an die Enkel weitergeben ... wer unvoreingenommen lesen kann, sollte die Festmeter "Lenin-Werke" durchblättern. da wird er diese Aussage finden!

hat der Faschist Putin noch mit Marxismus zu tun?

Ich weiss ja: Aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen sehen Sie in jedem Bösewicht grundsätzlich erst mal einen Kommunisten, das würde wahrscheinlich auch vor Jack the Ripper oder Nero nicht haltmachen.

Sie können sich auch ruhig weiter selbst belügen, sich etwas vormachen, um ihr geliebtes Feindbild zu pflegen.

Putin hat mit Kommunismus so viel zu tun wie Winnetou oder Fred Feuerstein - dagegen hat er sich mit strammen Nationalisten und faschistischen Dogmatikern umgeben. In seinem zunehmend wirren Geschwurbel predigt er ja auch nicht die Verbreitung des Marxismus, sondern schwärmt von Russifizierung. Deutlicher geht es ja wohl kaum.

Ich will hier keine Verteidigungsrede für den Kommunismus halten und dessen Terror verleugnen. Aber irgendwann sollte ihr Finger mal in die richtige Richtung zeigen, und die ist Rechtsaußen, und nicht links, zumindest nicht im Falle von Putin.

Bernhard Kaiser | Do., 20. Oktober 2022 - 02:47

"Doch wie viel russische Kultur ist erlaubt, während der Kreml Bomben auf die Ukraine fallen lässt?" Gegenfrage: Wieviel Ukrainische Kultur, inklusive faschistischem BANDERA Kult und Demonstrationen von Azov-Anhängern (Frankfurt) mit Bannern auf denen SS-Runen und die Schwarze Sonne, also eindeutige NAZI-Symbole, abgedruckt sind, ist erlaubt während die Ukrainische Artillerie weiterhin Bomben und Raketen gefüllt mit Schmetterlings-Minen auf zivile Ziele in den Städten im Donbass und auf Russische Grenzstädte (Belgorod) fallen lässt?! Und noch was: "Anfang Mai hatten drei Künstlerinnen aus der Ukraine und Russland mit einer Protestaktion vor dem Russischen Haus die vorbeigehenden Passanten auf die Gräueltaten von Butscha aufmerksam gemacht." Inzwischen ist so gut wie unbestritten, dass diese Gräueltaten von den Azov-Nazi-Schergen nach dem Abzug der Russen begangen wurden! Erstaunlich wie ungehindert und ungeniert sich der Russen-Hass nach 80 Jahren wieder in unserem Land verbreitet!

Gerhard Lenz | Do., 20. Oktober 2022 - 16:37

Antwort auf von Bernhard Kaiser

Wie lange wollen Sie eigentlich noch Putins Lautsprecher spielen?

Ihr angeblicher Russen-Hass ist übrigens genau auf den zurückzuführen, den Sie hier so vehement verteidigen: Vladimir Putin.

Und während Sie hier ständig über Nazis in der Ukraine herumschwurbeln - die in der Ukraine nirgends in politischer Verantwortung sind - morden, verschleppen, vergewaltigen Russen Menschen in einem Land, in dem sie nichts zu suchen haben. Nachdem die Städte mit ihren Bomben plattgemacht haben.

Und das alles im Auftrag von Vladimir Putin.

Und Sie verurteilen hier den Westen und die Ukraine? Verhöhnen auch noch die Opfer?