Roger Cicero - Abschied vom Mann mit Hut

Mit nur 45 Jahren wurde Roger Cicero aus dem Leben gerissen. Er war einer der erfolgreichsten Sänger der deutschen Pop- und Jazzwelt. Ein Nachruf

Roger Cicero hatte eigentlich noch viel vor
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Christina Maria Bauer lebt und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in München. Ihre Themen sind Jazz, Klassik und andere Musik, Kultur, Natur, Gesundheit, Psychologie und Gesellschaft. 2014 erschien ihr Buch „Livejazz in München“ im MünchenVerlag.

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Eine raue, charakteristische Stimme, Humor, Charme und gern ein kleines Quäntchen Frechheit – das alles zeichnete Roger Cicero aus. Ab jetzt wird diese Stimme nur noch auf Aufzeichnungen zu hören sein.

Vor wenigen Tagen, am 24. März, verstarb der berühmte Sänger in einem Krankenhaus in Berlin im Kreis seiner Familie. Das teilten seine Manager heute der Öffentlichkeit mit. Ob es ihm womöglich zu viel geworden ist, die vielen Auftritte, Interviews, der Trubel der letzten Wochen? Das wird sich wohl nie genau sagen lassen. Fest steht, Cicero hatte noch viel vor, und er freute sich darauf. Erst im vergangenen Jahr brachte er zwei neue Alben heraus: „The Roger Cicero Jazz Experience“ mit jazzigen Neuinterpretationen ausgewählter Lieblingssongs von Nick Drake bis Tom Waits. Außerdem sein Repertoire „Roger Cicero sings Sinatra“, rechtzeitig zum 100. Geburtstag des US-Jazzstars.

Plötzlicher Hirninfarkt


Dann, auf einmal, ohne Vorwarnung, erlitt er am 19. März 2016 einen Hirninfarkt. Von da an ging alles sehr schnell, der Musiker wachte nicht mehr auf. Dabei hatte es gerade ausgesehen, als könnte der charismatische Sänger wieder durchstarten. Nach einem Erschöpfungssyndrom mit Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung hatte er im Herbst zunächst die anstehende Tournee zum Sinatra-Repertoire abgesagt. Die sollte nun im Frühjahr stattfinden. Stattdessen wurde er aus dem Leben gerissen, in einer Hochphase seines Erfolgs.

Davon gab es in den letzten Jahren freilich so einige. Der erst 45-jährige Musiker hatte mit Talent, Fleiß und Charme einen prominenten Platz in der Musikwelt errungen. Als Sohn des Jazzpianisten Eugen Cicero und der Tänzerin Lili Cziczeo 1970 in Berlin geboren, hatte er schon in jungen Jahren Auftritte mit dem RIAS Tanzorchester, geleitet von Horst Jankowski und dem Bundesjazzorchester unter Peter Herbolzheimer. Nach seinem Jazzgesangsstudium im niederländischen Hilversum lebte er schon seit langem in seiner Wahlheimat Hamburg. Berührungsängste hatte er in Sachen musikalischer Stilrichtungen und Medien nie. Jazz? Pop? Swing? Soul? Das verträgt sich, befand er, und es sei doch ohnehin ein Charakteristikum des Jazz, andere Genres zu integrieren.

Auftritt beim Eurovision Song Contest


So konnte er, chic eingekleidet mit Anzug und dem obligatorischen Hut, wahlweise einer Schiebermütze, etwas von dem Swing-Flair der 1940er und 1950er Jahre auf die Bühne bringen, für deren Musik er sich so begeisterte. Oder völlig unbefangen mit dem Song „Frau’n regier’n die Welt“ 2007 beim Eurovision Song Contest für Deutschland antreten. Zwar belegte er damals Platz 19, und war darüber einigermaßen enttäuscht. Seinen sonstigen Erfolgen als Musiker tat das aber keinen Abbruch. Deutsche, mithin freche bis provokative Texte, entwickelten sich schnell zu einem weiteren Markenzeichen seiner Musik. Mit Songs wie „Artgerecht“ setzte er sich gern mal flapsig mit typischen Themen von Beziehungsstreitigkeiten auseinander.

Schon sein 2006 erschienenes Debüt als Leader, mit dem Titel „Männersachen“, verkaufte sich millionenfach. Seitdem wurde der Sänger regelrecht mit Gold (15 Awards) und Platin (8 Awards) überschüttet. Schon 2007 nahm er einen ECHO Pop entgegen, im selben Jahr außerdem die Goldene Stimmgabel. Gerade dieses Jahr ist er mit „The Roger Cicero Jazz Experience“ Anwärter auf einen ECHO Jazz. Ob es damit klappt, wird er nun selbst nicht mehr miterleben können.

Ausflug ins Filmgenre


Doch ganz gleich, ob er mit Bigband-Besetzung oder seinem Quartett auf den Bühnen stand, die enorme Resonanz seines Publikums begleitete ihn über Jahre überallhin. Ab und an genehmigte er sich einen kleinen Ausflug ins Filmgenre, spielte zusammen mit Heike Makatsch in „Hilde“, die Rolle eines Sängers. Letztes Jahr erschien er für eine Gastrolle in der Krimiserie „Polizeiruf“.

Privat bekam der Sänger vor einigen Jahren einen Sohn mit seiner damaligen Lebensgefährtin, von der er aber seit einiger Zeit getrennt lebte. Cicero zählte zu den kreativen Menschen, die von ihrem Erfolg etwas abgeben, im Sinne derer, die gerade nicht so gut dran sind. Er setzte sich unter anderem gegen Pelztierhaltung ein.

Besonders engagierte er sich außerdem für „Save the Children“. Die Hilfsorganisation ist weltweit im Einsatz, etwa für die Kinder, die derzeit aus Syrien und anderen Krisengebieten fliehen müssen. Es ist davon auszugehen, dass Ciceros Musik, und gerade seine beiden neuen Alben, in nächster Zeit eine besondere Aufmerksamkeit bekommen werden. Wenn das für die von ihm unterstützten Anliegen ebenfalls zutrifft, so hätte er sich zweifellos darüber gefreut.

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