Riskantes Outing

„Wir haben abgetrieben“, outeten sie sich einst wagemutig im Stern – vierunddreißig Jahre später bat Cicero einige der Aktionistinnen von damals um eine Bilanz. Die Reaktionen: immer noch engagiert, aber auch sehr nachdenklich

Sommer 1971. In Deutschland findet eine kleine Revolution statt: „Wir haben abgetrieben!“, titelt der Stern am 6. Juni. Auf dem Cover sind die Fotos von 28 jungen Frauen abgedruckt, unter ihnen die Schauspielerinnen Romy Schneider, Senta Berger und Vera Tschechowa. Es ist eine Sensation, ein Tabubruch – und eine spektakuläre Selbstanzeige. Denn das kollektive Bekenntnis im Stern ist nichts weniger als das Geständnis, eine Straftat begangen zu haben, die mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Mit der öffentlichen Selbstanzeige setzen die Frauen daher nicht nur ihren Ruf und gegebenenfalls ihre Karriere aufs Spiel. Sie riskieren auch eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Insgesamt bekennen im Stern 374 Frauen – Journalistinnen, Hausfrauen, Studentinnen, Sekretärinnen –, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben. Sie fordern die ersatzlose Streichung des Paragrafen 218, der Abtreibung unter Strafe stellt. Durch die fast ausnahmslose Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs seien Millionen von Frauen gezwungen, heimlich und unter teilweise entwürdigenden und medizinisch zweifelhaften Umständen abzutreiben. Initiiert wird die Aktion von der Feministin Alice Schwarzer. Sie hat eine ähnliche Kampagne ein Jahr zuvor in Frankreich miterlebt, wo Frauen erstmals mit öffentlichen Selbstbezichtigungen für die Legalisierung der Abtreibung kämpften. Alice Schwarzer löst nicht nur Empörung und Protest, sondern auch eine Welle der Solidarität aus. Nach Erscheinen des Stern unterschreiben innerhalb weniger Wochen Tausende den Aufruf gegen den Paragrafen 218. Strafrechtlich verfolgt werden sie nicht. Es sind einfach zu viele. Der Massenprotest führt 1974 zu einem Teilerfolg: Der Deutsche Bundestag beschließt die so genannte Fristenregelung. Abtreibungen innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate sind nun nicht mehr strafbar. Doch nur ein Jahr später erklärt das Bundesverfassungsgericht diese Regelung für unvereinbar mit dem Grundgesetz, nach dem das menschliche Leben unantastbar ist. Im Laufe der Jahre wird der Paragraf 218 noch einige Male überarbeitet. Ein Recht auf Abtreibung, wie es die Frauen 1971 fordern, gibt es bis heute nicht. Zwar ist ein Abbruch innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate straffrei. Rechtswidrig ist er dennoch. Nicole Alexander ist freie Journalistin. Sie lebt in Berlin Anita Albus „Die heutige Bedenkenlosigkeit ist problematisch“ Ich habe die Selbstanzeige „Ich habe abgetrieben“ 1971 unterschrieben, obwohl ich nie abgetrieben hatte. Ich war und bin der Meinung, dass Kinder gewollt sein sollen und Abtreibungen nicht strafbar. Dennoch würde ich eine solche Aktion heute nicht mehr unterstützen, weil mir die Bedenkenlosigkeit, mit der heute abgetrieben wird, problematisch erscheint. Es hat alles seinen Preis. In Sachen Abtreibung heißt das: Man kommt zwar nicht mehr vor Gericht, aber man richtet sich selbst. Eine Freundin von mir träumte nach einem Schwangerschaftsabbruch neun Monate lang von dem Kind, das sie sich eben doch gewünscht hatte. Zu spät kam ihr zu Bewusstsein, dass eine Schwangerschaft eigentlich ein Geschenk, ein Wunder ist. Deshalb fand ich die frühere Regelung sehr sinnvoll, nach der Frauen, die abtreiben wollten, an einem Beratungsgespräch teilnehmen mussten.Dass in holländischen Abtreibungskliniken wie am Fließband Schwangerschaften abgebrochen werden, ist eine trostlose Errungenschaft unserer Zeit. Anita Albus ist Malerin und Schriftstellerin Christa Alger „Die Abtreibung war schrecklich und demütigend“ 1958 war ich zum Studium nach München gegangen und hatte mich aus Einsamkeit auf einen Jura-Studenten eingelassen, von dem ich sofort schwanger wurde. Ich weiß noch, wie er geflucht und nur daran gedacht hat, dass meine Schwangerschaft seine Karriere zerstören könnte.Ein mir bekannter Arzt in Berlin gab mir die Adresse eines Kollegen, der Abtreibungen vornahm. Das Ganze fand dann in einem Hinterzimmer statt, in dem noch drei andere Frauen hinter Vorhängen lagen. Ich hatte schreckliche Schmerzen. Meine Mutter durfte von der Abtreibung nichts wissen. Deshalb habe ich mich in einer Pension einquartiert, wo ich eine Woche mit starken Blutungen lag. Der Jura-Student hatte mich nach dem Eingriff nicht einmal besucht. Ich habe ihn danach nie wieder gesehen.Weil die ganze Situation damals so demütigend und schrecklich für mich war, habe ich keine Sekunde gezögert, 1971 bei der Unterschriftenaktion des Stern mitzumachen. Inzwischen war ich 34, verheiratet und hatte drei Kinder. Hin und wieder denke ich an das Kind, das ich damals abgetrieben habe. Aber ich glaube nicht, dass ich ein Trauma zurückbehalten habe.Ich kenne allerdings durch meine Tätigkeit als Psychotherapeutin Frauen, die abgetrieben und danach auch keine Kinder bekommen haben. Diese Frauen leiden oft jahrelang unter dem Schwangerschaftsabbruch und auch an Schuldgefühlen. Dennoch bin ich damals wie heute der Ansicht, dass es für jede Frau wichtig ist, selbst zu entscheiden, ob sie das Kind bekommt oder nicht. Christa Alger ist Psychotherapeutin in Berlin Eleonore Möding „Ich bekam Post vom Staatsanwalt“ Ich hatte zum Zeitpunkt der Aktion noch nicht abgetrieben. Unterschrieben habe ich trotzdem. Denn ich fand es wichtig, dass Frauen, die ungewollt schwanger sind, selber entscheiden können, ob sie das Kind bekommen oder nicht.Als Beruf habe ich „Hausfrau“ angegeben. Das stimmte zwar nicht. Ich habe damals Politologie an der Freien Universität Berlin studiert. Aber damit nicht nur Studentinnen auf der Unterschriftenliste standen, habe ich mich eben als Hausfrau bezeichnet.Mein Vater fand es falsch, dass ich bei der Aktion im Stern mitgemacht habe. Er hielt viel von dem Paragrafen 218, also dem generellen Verbot von Abtreibung. Meine Mutter war liberaler. Sie hatte – eine Ausnahme für eine Frau ihrer Generation – Medizin studiert. Ich glaube, schlimmer als mein Bekenntnis, abgetrieben zu haben, fand sie, dass ich als Hausfrau auf der Liste der Unterzeichnerinnen stand.Nachdem der Stern mit dem Titel „Ich habe abgetrieben“ erschienen war, bekamen alle Frauen, die unterzeichnet hatten, ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft. Darin wurden wir gefragt, ob wir unsere „Leibesfrucht“ selber abgetrieben oder ob andere dazu Beihilfe geleistet hätten. Wir haben darauf gar nicht geantwortet. Die Staatsanwaltschaft hat dann nichts weiter unternommen. Sie war überfordert, weil sich einfach zu viele Frauen selbst bezichtigt hatten, eine Schwangerschaft abgebrochen zu haben. Eleonore Möding ist selbstständige Unternehmensberaterin Hilde von Balluseck „Abtreiben bedeutet, ein Leben zu töten“ Ich hatte gar keine Abtreibung hinter mir. Warum ich trotzdem unterschrieben habe? Weil ich es verantwortungslos fand, dass der Gesetzgeber den Schwangerschafts-Abbruch in die Illegalität verbannt hatte. Das hatte zu Krankheit und Tod vieler Frauen geführt.Später habe ich ein Kind bekommen. Die Schwangerschaft hat meine Haltung zur Abtreibung verändert. Bei einer der ersten Ultraschalluntersuchungen habe ich gesehen, wie sich mein Kind in meinem Bauch bewegte. Da erst wurde mir bewusst, dass ein Embryo von Anfang an ein lebendiger, werdender Mensch ist. Aber genau darüber wurde damals nicht geredet. Es gab eine gewisse Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Thema Abtreibung. Damals begannen die Frauen, das Recht auf ihren Körper zu proklamieren. Die Rechte des Kindes kamen erst später an die Reihe. Heute bin ich zwar nicht grundsätzlich gegen einen Schwangerschafts-Abbruch. Daher stehe ich zu meiner Unterschrift von 1971. Doch ich finde, man sollte sich die Entscheidung abzutreiben so schwer wie möglich machen. Denn abzutreiben bedeutet, ein Leben zu töten. Hilde von Balluseck ist Hochschullehrerin an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin Carola Heldt „Der Artikel schlug ein wie eine Bombe“ Ich bin mit einer körperbehinderten Mutter groß geworden. Als junge Frau hat sie eine Abtreibung machen lassen und ist auf dem Küchentisch eines Kurpfuschers gelandet. Sie bekam eine schlimme Blutvergiftung, die Ärzte wollten ihr ein Bein amputieren. Das hat sie abgelehnt. Das Bein konnte gerettet werden, doch ist es immer steif geblieben. Seit ich die Geschichte meiner Mutter kenne, setze ich mich dafür ein, dass Frauen eine Abtreibung so leicht und so gut wie möglich gemacht wird. Eines Tages erzählte mir Alice Schwarzer, dass sich in Frankreich Frauen, die abgetrieben hatten, selbst angezeigt hatten. Sie schlug vor, eine solche Unterschriften-Aktion auch im Stern zu machen. Ich war begeistert. Der Artikel hat dann wie eine Bombe eingeschlagen. Meine Einstellung zur Abtreibung hat sich nicht verändert. Ich empfinde es immer noch als Hybris, wenn sich Frauen wegen eines Abtreibungswunsches vor irgendjemandem rechtfertigen müssen. Carola Heldt ist Journalistin und war 1971 Leiterin des Ressorts „Familie“ beim Stern Carola Stern „Keiner wagte, mich darauf anzusprechen“ Eines Tages kam Alice Schwarzer zu mir und bat mich, eine von ihr verfasste Selbstbezichtigung „Ich habe abgetrieben“ für den Stern zu unterschreiben. Ich fragte, wie viele Frauen sich denn an der Aktion beteiligen sollten; wären es nur vier oder fünf, könnte das für jede zu juristischen und womöglich auch beruflichen Konsequenzen führen. Eine nicht ungefährliche Sache! Doch Frau Schwarzer beruhigte mich sogleich: Dreihundert Unterschriften wolle sie, die Initiatorin, sammeln. Ich unterschrieb sofort und meine Sekretärin tat das auch. Einigen Kollegen im WDR stand das Entsetzen in den Augen, als sie den Stern dann in den Händen hielten, aber keiner wagte, mich darauf anzusprechen. Anders war das bei meiner Sekretärin. Ihre Mutter arbeitet als Verkäuferin in einem Warenhaus, und deren Kolleginnen fragten ganz entsetzt: Ist das etwa Ihre Tochter, die da unterschrieben hat? Ich halte es noch heute für richtig und wichtig, mich an dieser Aktion beteiligt zu haben. Sie hat zweifellos zur Reform des Paragrafen 218 beigetragen, und das war damals eine längst überfällige, notwendige Entscheidung. Carola Stern ist Schriftstellerin

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