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Mathias Vietmeier

Richard Gutjahr - Der Netzapostel

Richard Gutjahr hat der ARD und dem BR das Internet erklärt. An Journalistenschulen bringt er jungen Menschen bei, wie sie sich selbst zur Marke machen. Er will seiner Zeit voraus sein und verwischt die Grenzen zwischen Journalismus und Bloggertum

Autoreninfo

Timo Steppat hat Politikwissenschaft, Soziologie und Medienwissenschaft in Düsseldorf und Prag studiert. Er schreibt für Cicero Online.

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Die Geschichte von Richard Gutjahr beginnt mit einem dreifachen Nein.

Januar 2010. Apple hat ein revolutionäres neues Gerät angekündigt: ein tragbarer Computer mit berührbarem Bildschirm, dünner als jeder Laptop, zum Surfen, Spielen, Streicheln. Das erste iPad kommt in die Läden. Der Journalist Gutjahr will für den Bayerischen Rundfunk berichten, mit wie viel Euphorie das wahrscheinlich nächste große Ding der Digital-Branche erwartet wird. Er bietet das Thema der Wirtschafts-Redaktion des Senders an, dem Technik-Ressort und den Onlinern. Alle drei Abteilungen lehnen ab. Wen interessiert schon der Verkaufsstart eines bisher unbekannten Produkts irgendwo in den USA?

Richard Gutjahr fährt trotzdem nach New York. Er bastelt sich kurzerhand einen Blog, packt Kamera und Mikrofon ein. „Wenn ich schon kein Geld dabei verdiene, wollte ich wenigstens Spaß haben“, erzählt er später.

Das ist der Moment, in dem er aus der Rolle des klassischen Journalisten ausbricht: In Videos und Blogbeiträgen thematisiert er auch seine eigene Aufregung. Er stellt sich in die Warteschlange, drängelt, bis er mit einem anderen Kunden ganz vorne angekommen ist. „Hättest du dir jemals vorstellen können, dass wir einmal hier stehen würden?“, fragt ihn der andere.

Der Mann mit dem ersten iPad


Gutjahr schreitet an den Apple-Mitarbeitern vorbei, klatscht nacheinander ihre Hände ab. Er jubelt. Die Bilder könnten auch aus einem Werbespot sein. Kurz darauf gibt er unzählige Interviews, internationale Medien reichen ihn herum. Er gewinnt einige Tausend Twitter-Follower hinzu. Eigentlich stand er bloß in einer Schlange ziemlich weit vorne, für die Suchmaschine Google ist er aber bis heute „the guy who got the first iPad.“

Vier Jahre sind seitdem vergangen. Der Fernsehjournalist ist in dieser Zeit zu einem der bekanntesten Blogger der Republik geworden. Als Vordenker für den Medienwandel erklärt der 41-Jährige der ARD und dem BR das Internet.

Februar im München, ein Seminar der Deutschen Journalistenschule. Gutjahr präsentiert seine Utensilien wie ein Staubsaugervertreter: seine Kameraausrüstung, ein Stativ und natürlich sein iPhone. Mit wenig Technik macht er große Schlagzeilen. Er lächelt, berichtet stolz von seinen Abenteuergeschichten. Wie er 2011 einfach so nach Kairo fuhr, um in seinem Blog über die Proteste auf dem Tahrir-Platz zu berichten. Wie er eines Nachts beschloss, mit Freunden den Einfluss von Lobbyisten auf das EU-Parlament aufzudecken und LobbyPlag gründete.

Prototyp des Journalisten der Zukunft


Gutjahr ist zwar Journalist, aber er handelt häufig ohne Auftrag, ohne, dass ihn ein Medium dafür bezahlt. In den sozialen Netzwerken wird er dafür respektiert. Er selbst sieht sich als Prototyp des Journalisten der Zukunft.

Am Ende seiner Rede kommt die Frage, die Gutjahr schon kennt, jedes Mal wird sie als erstes gestellt. „Schön, dass es den Journalismus weiterhin geben wird“, sagt einer der Reporterschüler, „aber wie sollen wir davon leben?“

Die jungen Journalisten fürchten die Zukunft, in der Medien sparen und immer mehr Redakteure entlassen. „Es wird zu viel über das Bezahlen und Geldverdienen gesprochen und zu wenig über Inhalte“, sagt Gutjahr später. Die Geld-Frage ist aus seiner Sicht symptomatisch für die Angst in der Branche. Er hat eine sehr einfache Lösung: Gutes tun, darüber reden und dann lässt sich davon auch leben. So sagt er es den Nachwuchsjournalisten. „Wenn ihr erst mal bekannt seid, ein gewisses Renommee besitzt, dann reißen sich die großen Medien um euch.“

Richard Gutjahr hat zwei Seiten. Auf der einen Seite ist er der Moderator der Rundschau, eines etwas biederen Nachrichtenformats des Bayerischen Rundfunks. Mit ernster Miene und meist im schwarzen Anzug trägt er das vor, was sich im Freistaat und der Welt abgespielt hat. Und es gibt den Blogger, den Netzapostel. In seinem Blog gutjahr.biz prangt sein Logo: Ein großes G mit einem Ausrufungszeichen. Es ist laut und schrill und das genaue Gegenteil vom Rundschau-Mann, der seine Seriosität wie eine Monstranz vor sich herträgt. Beim Bayerischen Rundfunk verdient er sein Geld. Im Netz tobt er sich aus. Er nennt es selbst sein berufliches Spielbein.

Bevor Richard Gutjahr sich das iPad kaufte, war er ein passiver Internet-Nutzer. Kein visionärer Vordenker. „Ich habe gut kopiert“, sagt er heute. Natürlich ist das kalkuliertes Understatement. Er hat ein Gespür für das Internet, für Entwicklungen.

So wie an jenem Sonntag im Januar 2011. In Ägypten wankt das Mubarak-Regime. Der Arabische Frühling erreicht Kairo. Gutjahr ist bei seiner Familie in Israel, er blickt abwechselnd auf Fernseher und Smartphone. Das Bild, das die deutschen Korrespondenten liefern, will einfach nicht zusammenpassen mit dem, was er bei Twitter liest. Im ZDF ist von blutiger Gewalt die Rede, beim Kurznachrichtendienst von friedlichen Protesten. „Ich wusste, da geschieht etwas Großes.“ Auf der Rückbank des Taxis twittert Gutjahr noch: „Auf dem Weg nach Kairo.“ Zwei Stunden später sitzt er im Flugzeug.

Er gehört zu den wenigen Journalisten, die vor Ort sind. Doch er kommt nicht als Reporter, er kommt als Blogger. „Ich wollte einfach Augenzeuge sein.“ Er ist kein Außenpolitik-Experte und kein Kenner der Maghreb-Staaten. Aber für wenige Tage wird er zum Korrespondenten des Social Web auf dem Tahrir Platz. Was früher vielleicht als Krisentourismus galt, interessiert bald auch das Fernsehen. Ist das nicht einer von uns, fragen sie sich bei der ARD. In den Nachrichtensendungen wird Gutjahr zugeschaltet, ebenso in vielen Radiosendern. Er gibt keine Einordnung, keinen Ausblick, was als nächstes geschieht. Er beschreibt einfach, was er sieht.

„Mach dich im Netz zur Marke“


Der Ausflug hat sich gelohnt: Der Bayerische Rundfunk beförderte ihn in die Chefredaktion. Dort gestaltete er zuletzt die Verknüpfung zwischen Radio, Fernsehen und Internet. In einer ARD-Wahlsendung war er Experte für Social Media. Trotzdem lässt sich das Verhältnis, das der Sender zu ihm hat, wenigstens als kompliziert beschreiben. Mit seinem Ausflug auf den Tahrir Platz brüskierte er die altgedienten Korrespondenten. Bei öffentlich-rechtlichen Sendern sind Etikette und Hierarchien wichtig. Im Bayerischen Rundfunk hat er deshalb einige Feinde. Zu arrogant, zu selbstherrlich ist er ihnen. Gutjahr schert sich nicht darum. Es sind zwei Welten, die aufeinander prallen. Das Bewahren gegen das Neue. Der Grund, warum der BR ihn hielt, lautet vielleicht, dass sie ihn brauchen. Sie ertragen das Laute, das Schrille, um ein bisschen das Gefühl zu haben, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.

Die Zukunft des Journalismus – das ist Gutjahrs Lieblingsthema. Wenn er über die Medienkrise spricht, sagt er Sätze wie: „Die Zeit der Mittelmäßigkeit ist vorbei. Wir müssen Scheitern lernen.“ Er klingt dann wie die vielen Kai Diekmanns, die gerade aus dem Silicon Valley zurückkehren. Etwas pathetisch, etwas aufgesetzt, etwas erzwungen bedeutungsschwanger.

Richard Gutjahr gibt seine Regeln an den Nachwuchs weiter, auch in München an der DJS: Journalisten müssen bei Twitter sein, sie müssen das Internet stärker nutzen. Wer das nicht tut, bleibt zurück. Eine andere ist: Mach dich als Journalist im Netz selbst zur Marke. Gutjahr hat sich schließlich selbst einen Namen gemacht – weniger als Journalist, sondern als Blogger und Netzphänomen.

Beim Bayerischen Rundfunk sieht Gutjahr trotzdem keine Zukunft mehr. Vor kurzem hat er sein Büro in der Chefredaktion geräumt, ganz freiwillig. Er will sich auf seinen Blog und die Arbeit als Netzjournalist konzentrieren. Wenige Tage später berichten Mediendienste: Richard Gutjahr fängt beim WDR an. Dort soll er neue Webformate im Fernsehen entwickeln. Diese Aufgabe wird ihm gefallen. Dem Bayerischen Rundfunk bleibt er aber als freier Mitarbeiter und Moderator erhalten.

Hinweis: In einer früheren Version hieß es, Gutjahr habe seinen Job beim BR gekündigt. Tatsächlich bleibt er dem BR aber verbunden.

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