Kachelmann und Türck - Resozialisierung im TV

Nach acht Jahren ist Andreas Türck als TV-Moderator zurück – doch kaum einer will ihn sehen. Dabei konnte er, anders als Jörg Kachelmann, von einem Opfer-Bonus zehren. Eine kleine Geschichte der medialen Vorverurteilung

Andreas Türck, Kachelmann, Abenteuer Leben
(picture alliance (Montage)) Andreas Türck (rechts) moderiert mittlerweile wieder. Jörg Kachelmanns TV-Comback steht noch in den Sternen

Plötzlich war er wieder da, und es war, als wäre er nie weggewesen. Dasselbe verknautschte Grinsen. Dieselben unbefangenen Fragen. Sogar thematisch hat er sich kaum vom Fleck bewegt. Sein Comeback im Fernsehen, es beginnt mit einer Hitparade der „dümmsten Verbrecher der Welt.“

Bei jedem anderen Moderator hätte man achselzuckend gesagt, okay, so ist es nun mal, das „Abenteuer Leben“, dieses trashige Magazin von kabel eins, das, oops, Pannen-Shows als Wissen verkauft. Privatfernsehen as usual.

Aber dieser Moderator ist nicht irgendein Moderator. Er war acht Jahre lang vom Bildschirm verschwunden, weil ihn sein Arbeitgeber, der Fernseh-Sender ProSieben vorverurteilt und gefeuert hatte.

Er sagt: „So, da bin ich wieder. Lang ist‘s her – für die, die mich noch nicht kennen: Ich bin Andreas Türck.“

Der Name ging 2005 in die Annalen der Justiz ein. Bis zu diesem Zeitpunkt galt auch für Prominente vor Gericht die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils. Im Fall Türck hebelten die Medien dieses Recht einfach aus. Der Boulevard stellte den Moderator schon an den Pranger, bevor das Urteil gesprochen war. 

Das ist jetzt sieben Jahre her. Türck stand wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht. Eine hässliche Geschichte.

Eine 26-Jährige Bankkauffrau hatte den Moderator beschuldigt, er hätte sie zuvor nach dem Besuch einer Bar unter Gewalt gezwungen, ihn oral zu befriedigen. Die Begegnung lag zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre zurück. Die Polizei stieß durch Zufall auf die Story, als sie einen Bekannten der Frau abhörte, der wegen ganz anderer Delikte abgehört wurde. Türck selber glaubte an einen Irrtum. Als Ermittler Monate später bei ihm vor der Tür standen, um sein Haus zu durchsuchen, fragte er: „Wollt Ihr mich verarschen?“

Im Verfahren gab es keine Beweise, nur Augenzeugen, die nichts von einer Vergewaltigung bemerkt haben wollen. Der Angeklagte selber schwieg. Am Ende fiel die Anklage wie ein Soufflé in sich zusammen. Psychologische Gutachten stellten die Glaubhaftigkeit der Nebenklägerin erheblich in Frage.

Andreas Türck verließ den Gerichtssaal als Gewinner, doch faktisch hatte er alles verloren. Seinen Job bei ProSieben und die Option auf eine steile Karriere beim Fernsehen. Schuld daran war die Berichterstattung des Boulevards. Vor Gericht stand ein Mann, den viele als Krawalltalker aus dem Fernsehen kannten, ein Frauenschwarm, den die Amica zu Deutschlands erotischstem TV-Mann gewählt hatte.

Seine Geschichte hatte also alles, was ein Fortsetzungs-Drama braucht. Sex, Lügen und einen Angeklagten, der halbwegs prominent war, das war wichtig, wegen der Fallhöhe. Bereitwillig nutzte die Bild die Gelegenheit, um jedes noch so pikante Detail aus dem Prozess auf ihrer Seite eins zu verbreiten – auch aus dem Teil, der eigentlich nicht-öffentlich sein sollte. Die Nebenklägerin hatte den Journalisten den Zutritt ausdrücklich gestattet. Es hieß, ihre Therapeuten hätten ihr dazu geraten. Wenn es ein Versuch gewesen sein sollte, sich an Türck zu rächen, dann ging der Schuss nach hinten los. Das Blatt stellte beide bloß, sie und ihn. „Willst Du mal Türck schmecken?“, titelte das Blatt. „Wollte SIE Türck aufreißen?“, ein anderes Mal. Oder: „Wird er böse, wenn Frauen nicht wollen?“

Danach war der geschasste Moderator vom Radar der Medien verschwunden. Von einem Albtraum sprach er später in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, von einer menschlichen Katastrophe, die er bis heute nicht überstanden habe.

Trotzdem gelang es ihm irgendwie, sich wieder aufzurappeln. Türck ist heute Gesellschafter einer Firma in Hamburg, die Anwendungen für Web-TV entwickelt. Es ist ein florierendes Unternehmen, vier Büros in Deutschland, 200 Angestellte. Türck reloaded. Angebote  für ein Comeback im Fernsehen hat er schon mehrere bekommen. Seriöse seien allerdings nicht darunter gewesen, hat er einmal gesagt. „Die Vorverurteilung, mit der ich zu kämpfen hatte, war mit meinem Freispruch noch lange nicht erledigt. Viele Menschen haben mich behandelt, als wäre ich verurteilt worden.“

Dabei war die Erinnerung an den Fall Türck nach acht Jahren immerhin schon so weit verblasst, dass der zur ProSiebenSat.1-Gruppe gehörende Sender kabel eins keine kritischen Nachfragen zu befürchten brauchte, als er Anfang Oktober verkündete, Türck komme zurück ins Fernsehen, er werde sich als Moderator ins „Abenteuer Leben“ stürzen.

Seite 2: Jörg Kachelmann stilisierte sich als Opfer einer korrupten Justiz

Ausgerechnet „Abenteuer Leben“. „Ich möchte weg vom Trash – und hin zur Qualität“, hatte Andreas Türck in dem Interview mit der SZ gesagt. Dieses Format kann er damit nicht gemeint haben. Die dümmsten Verbrecher. Die größten Männerphantasien. Die ungewöhnlichsten Sex-Orte.

Das sind so Themen, mit denen der Sender auf Quotenfang geht. Bei seiner Premiere am Sonntag beschäftigte sich Türck auch mit den geplanten Änderungen im Mietrecht. Er klebte nicht an seinem Studiosessel. Er besuchte Immobilienhaie und Anwälte. So hatte man ihn in Erinnerung, immer in Bewegung. Er versprach: „Ich bleibe für Sie dran.“ 

War das schon alles? Oder läuft sich da jemand auf einem kleinen Sender als Verbraucher-Anwalt für das Hauptprogramm warm? Wäre das der längst überfällige Akt der Wiedergutmachung?

So interpretierte es ein Mann, der sich mit Andreas Türck eng verbunden fühlt, weil er wegen desselben Vorwurfs in die Mühlen der Justiz geraten ist: Jörg Kachelmann. „Hurra, Opfer von Falschbeschuldigungen bekommen nur ein Berufsverbot von acht Jahren. Ich werde 2019 zurück an Deck sein!“, frohlockte der geschasste ARD-Wettermann, als kabeleins die Nachricht von der Rückkehr Türcks vermeldete.

Die Chancen auf ein Comeback schätzen PR-Experten in seinem Fall jedoch mehr als gering ein. Zwar wurde auch Kachelmann mangels Beweisen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, in einem noch aufsehenerregenderen Prozess, neun Monate, 43 Verhandlungstage, zehn Gutachter, mehrere Ex-Freundinnen als Zeugen. 

Die Fallhöhe war noch größer als im Fall Türck. Ein lustiger Zausel, der in der ARD den „Blumenkohlwolken-Onkel“ spielte, der privat aber mehrere Handys unterhielt, um sein Privatleben besser zu koordinieren, dass seine zahlreichen Freundinnen nichts voneinander erfuhren.

Das war Stoff, nach dem nicht nur der Boulevard gierte. Um den Prozess entbrannte eine beispiellose Medienschlacht, in der sowohl die Bild als auch der Spiegel und die Zeit die Deutungshoheit für sich reklamierten. Dass mal die eine, mal die andere Seite über streng vertrauliche Papiere verfügte, befeuerte zwar das voyeuristische Interesse der Öffentlichkeit, stand der Wahrheitsfindung aber eher im Wege. Völlig ad absurdum hatte sich der Prozess geführt, als sich die Gerichtsreporter mangels neuer Erkenntnisse gegenseitig interviewten. 

Im Gegensatz zu Andreas Türck, so schien es, hatte der Protagonist dieses Prozesses aber ab einem gewissen Punkt nichts mehr gegen den Medienrummel einzuwenden. Anders ist kaum zu erklären, warum er nach dem Freispruch gar nicht daran dachte, sich aus dem Rampenlicht zu entfernen.

Er stilisierte sich als Opfer einer korrupten Justiz, verallgemeinerte seine Erfahrungen und schrieb ein Buch darüber: „Recht und Gerechtigkeit – Ein Märchen aus der Provinz.“ Und er tingelte damit durch die Medien, Hand in Hand mit seiner 28 Jahre jüngeren Co-Autorin, die er bei dieser Gelegenheit auch gleich als seine frisch angetraute Ehefrau vorstellte. Die Buchvorstellung als Seifenoper – Happy End inklusive.

Sogar seine ehemalige Arbeitgeberin, die ARD, räumte ihm dafür kostenlose Sendezeit ein. In der Talkshow von Günther Jauch durfte Kachelmann seine Rolle als personifizierte Unschuld am 14. Oktober weiterspielen. Titel der Sendung: „Wie viel ist ein Freispruch wert?“

PR-Experten können diese Frage klar beantworten. Mit seinem Sympathie-Bonus habe Kachelmann auch die Chance auf ein Comeback im Fernsehen verspielt, sagt etwa Frank Wilmes, Inhaber einer  Agentur für „Reputationsmanagement“ in Düsseldorf.

Er hätte Kachelmann Demut verordnet. Er sagt, statt mit dem Finger auf die Justiz zu zeigen, hätte sich der Wettermann auch fragen können, ob sein Verhalten gegenüber den Frauen immer fair gewesen sei – Freispruch hin, Gerechtigkeit her. So aber bleibe das Bild eines gekränkten Narziss, der sich den letzten Rest Würde selber geraubt habe, indem er die Geduld der Zuschauer bis zur Schmerzgrenze mit seinen Geständnissen strapaziert habe. „Wer will den in acht Jahren noch im Fernsehen sehen?“

Und was ist mit Andreas Türck? Dem hätten Imageberater empfohlen, zum Start seiner neuen Sendung wenigstens ein großes Interview zu geben, um reinen Tisch zu machen. „Besser, er beantwortet die Fragen an ihn einmal selber, bevor das wieder andere für ihn tun“, sagt Frank Behrendt, als PR-Vorstand der bundesweiten Werbe-Agentur Fischer & Appelt auch für Krisen-PR zuständig. 

Nicht auszuschließen, dass Andreas Türck genau das geplant hatte. Schließlich hatte kabeleins noch Anfang Oktober Interviews zu seinem Comeback in Aussicht gestellt. Doch nach der bizarren Kachelmann-Show bei Günther Jauch hieß es plötzlich, Herr Türck wünsche keinen „Presse-Aufschlag“.

PR-technisch war das ein Fehler. Seinen ersten Auftritt bei kabeleins wollten am Sonntag gerade mal 460.000 Zuschauer sehen. Mit einem Marktanteil von 4,3 Prozent lag die Sendung deutlich unter dem Senderschnitt (6,1 Prozent).

Doch immerhin ersparte er sich so die Frage, ob und wie ihm ausgerechnet die dümmsten Verbrecher der Welt dabei helfen können, seinen Frieden mit sich und dem Medium zu schließen. Es soll Menschen geben, die abhängig sind von der Droge Aufmerksamkeit. Das Fernsehen ist für sie die beste Therapie.

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