- Warum die Rechte nicht woke wird
Der Begriff „woke“ wird oft inflationär genutzt. Unser Gastautor argumentiert, warum rechte Identitätspolitik zwar ähnliche rhetorische Formen nutzt, aber nicht zur ideologischen Familie von Woke gehört. Eine Replik auf Jan Uphoff.
Wer heute über „Woke“ schreibt, bewegt sich in einem schwierigen Feld: Der Begriff steht einerseits für ein komplexes, historisch gewachsenes Kulturphänomen des Westens, andererseits wird er zunehmend als flexible Chiffre für „alles, was mir an der Gegenwart gegen den Strich geht“ verwendet.
Jan Uphoffs Text „Wenn die Rechte ‚woke‘ wird“ – kürzlich auf cicero.de erschienen – nimmt diese Spannung auf und beschreibt, wie Teile der amerikanischen Rechten inzwischen mit Emotionen, Moral, Identität und Opferstatus arbeiten. Diese Beobachtung ist wichtig und richtig. Mein Eindruck ist allerdings, dass die Rede von einer „woken Rechten“ an einer entscheidenden Stelle zu kurz greift: Sie orientiert sich stark an Ähnlichkeiten im Stil und verliert darüber hinweg den ideologischen und institutionellen Kern von Woke.
Eine politische Temperamentsbezeichnung
Uphoff beginnt mit einer historischen Skizze, die im Kern zutrifft: „Woke“ als Selbstbeschreibung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, später von progressiven Milieus übernommen, die ihre Sensibilität für strukturelle Ungerechtigkeiten, Rassismus und Diskriminierung signalisieren wollten. Dann fällt der entscheidende Satz: Wokeness sei „eigentlich keine politische Kategorie im klassischen Sinne“. Spätestens damit ist der Weg frei, den Begriff aus seiner ideengeschichtlichen und institutionellen Verankerung zu lösen und zu einem reinen Stilwort umzubauen – zu einer Art politischen Temperamentsbezeichnung.
In der Folge wird Woke dann genau so behandelt: als Mischung aus Empörung, Moralismus, Identität und Opferstatus. Wer so argumentiert, beschreibt nur die Oberfläche des Phänomens und erklärt seinen Motor nicht. Woke reduziert sich in dieser Lesart auf Affekt und Pose. Was dabei verloren geht, ist der ideologische und institutionelle Kern.
Woke als (post)liberales Gleichheitsprojekt
Denn Woke ist nicht einfach „Identität plus Empörung“. Es ist ein ideologisches Paket, das soziale Ungleichheiten nicht primär als Ergebnis von Fehlentscheidungen oder schlechten Politiken liest, sondern grundsätzlich als Ausdruck struktureller Unterdrückungsverhältnisse. Es verteilt moralische Legitimität nicht mehr entlang universalistischer Maßstäbe, sondern entlang von Gruppenzugehörigkeit und historischer Opfer- beziehungsweise Täterrolle. Und es leitet aus dieser Diagnose den Anspruch ab, Institutionen, Sprache und Normen identitätssensibel umzubauen: durch Quoten, Trainings, Codes of Conduct, DEI-Bürokratien, Safe Spaces und eine verwaltungsförmige Regulierung von Zugehörigkeit und Rede.
Man muss dieses Projekt nicht teilen, um anzuerkennen, dass es mehr ist als ein Stil. Es handelt sich um eine (post)liberale Transformation der Gleichheitsidee: weg von formaler Gleichheit vor allgemeinen Regeln, hin zu „Equity“, also gruppenspezifischer Gerechtigkeit. Das „post“ in Klammern soll andeuten, dass Woke zwar aus einem bestimmten Strang des modernen Linksliberalismus hervorgeht – aus dessen humanitärem Gleichheits- und Minderheitenschutzimpuls –, sich zugleich aber an nicht-liberalen Strömungen wie den amerikanisierten kritischen Theorien, postmarxistischer Identitätspolitik und dekolonialen Ansätzen orientiert und das Gleichheitsversprechen so weit treibt, dass der universalistische Kern des Liberalismus größtenteils hinter sich gelassen wird. Wer Woke auf „Emotionen, Moral, Identität, Opferstatus“ eindampft, beschreibt lediglich den Erregungsstil, aber nicht die dahinterliegende Struktur.
Recht(sradikal)e Empörung ist keine Wokeness
Vor diesem Hintergrund ist die zentrale These des Artikels – die Rechte werde nun selbst „woke“ – analytisch irreführend. Ja, es gibt offenkundig eine rechte Opfer-Rhetorik: die Inszenierung als „unterdrückte Mehrheit“, die sich gegen Eliten, Medien, Universitäten und „Globalisten“ zur Wehr setzen müsse; ein identitäres Selbstbild als bedrohte weiße, christliche oder nationale Gemeinschaft; Empörungskaskaden in sozialen Medien. Aber das ist weder neu noch spezifisch „woke“: faschistische, ethnonationalistische und fundamentalistische Bewegungen haben seit über einem Jahrhundert mit Opfermythen, moralischer Aufladung und Identitätspolitik gearbeitet.
Dass sich formale Elemente ähneln, heißt nicht, dass es sich um dasselbe Phänomen handelt. Die woke Linke begründet ihren Anspruch mit einem egalitären, anti-hierarchischen Selbstbild: Sie will Unterdrückte befreien, Machtverhältnisse abbauen, Benachteiligte anheben – so versteht sie sich jedenfalls. Die radikale Rechte begründet ihren Anspruch mit einem partikularistischen Selbstbild: Sie will eine als ursprünglich gedachte Ordnung, ethnische oder religiöse Homogenität, traditionelle Rangordnungen schützen oder wiederherstellen. Beide Lager können sich als Opfer inszenieren, aber wofür sie Opfer zu sein beanspruchen und welche Ordnung sie herstellen wollen, unterscheidet sich fundamental.
Wenn der Artikel von einer „woken Empörungskultur von rechts“ spricht, verwechselt er deshalb Form und Struktur. Rechte Identitätspolitik ist nicht die Verwirklichung von Woke, sondern dessen Spiegelung. Sie ist das Gegenbild im selben moralischen Spiegelkabinett, aber kein Ableger derselben ideologischen Tradition. Zu behaupten, die Rechte werde nun „woke“, nur weil sie ebenfalls mit Identität, Moral und Opferstatus arbeitet, ist ungefähr so präzise, wie Kommunismus und Nationalsozialismus pauschal als „Gewerkschaftsbewegungen“ zu bezeichnen, weil bei beiden Arbeiter vorkommen. Der Politikwissenschaftler Eric Kaufmann hat das einmal zugespitzt mit dem Satz: „Bats are not birds.“ Fledermäuse fliegen, aber sie sind keine Vögel – und die „neue“ identitäre Rechte mag sich ähnlicher Stilmittel bedienen, sie gehört doch in eine andere ideologische Familie als Woke.
Nick Fuentes – alte Struktur, neue Ästhetik
Besonders deutlich wird die begriffliche Schieflage beim Beispiel Nick Fuentes. Der Artikel schildert ihn zu Recht als eine Figur, die klassischen rechtsextremen Antisemitismus mit Internet-Ironie, Meme-Kultur und jugendlicher Aggression verbindet. Doch anstatt daraus eine sorgfältige Analyse einer neuen radikalen Rechten zu entwickeln, wird das Ganze unter die Formel einer „woken Empörungskultur von rechts“ gestellt: jung, verletzlich, identitätspolitisch, moralisch aufgeladen – mit nationalem Vorzeichen. Genau damit verschwimmen entscheidende Grenzen. Fuentes’ Antisemitismus speist sich aus vertrauten rechtsextremen Narrativen: von einer „globalen jüdischen Elite“, von kulturellem Niedergang, von überproportionalem Einfluss. Die Ästhetik mag neu sein, die Struktur ist alt.
Wer solche Phänomene unter dem Label „woke von rechts“ verbucht, verwischt die Grenze zwischen klassischem Rechtsextremismus und (post)liberaler Identitätspolitik. Man sieht nur noch die Pose und verliert die unterschiedlichen Traditionslinien aus dem Blick, aus denen diese Bewegungen tatsächlich stammen. Das Ergebnis ist keine Klärung, sondern ein undifferenziertes Sammelbecken: alles, was identitär, moralisch aufgeladen und radikal auftritt, wird „woke“ genannt – egal, ob es aus einer egalitären oder aus einer hierarchischen Normvorstellung kommt.
Wechselseitige Radikalisierung – verschiedene Koordinatensysteme
Der Artikel hat recht, wenn er auf eine wechselseitige Radikalisierung hinweist. Junge Menschen wachsen in einer politisch-kulturellen Umgebung auf, in der identitätspolitische Codes und moralische Großnarrative ständig präsent sind. Linke Milieus betonen strukturelle Schuldverhältnisse, kollektive Verantwortung, demografische Verschiebungen; rechte Milieus reagieren mit ihren eigenen Geschichten von „demographischer Verdrängung“, kultureller Bedrohung und Verrat durch Eliten. Wer Woke nicht kennt, kann die Rechte von heute nicht verstehen – das stimmt. Aber daraus folgt nicht, dass Rechte „woke“ werden, sondern dass sie innerhalb eines durch Woke bereits veränderten Diskursraums reagieren.
Gerade deshalb wäre begriffliche Präzision so wichtig. Auf der linken Seite entsteht eine (post)liberale Gleichheitsideologie, die universalistische Maßstäbe systematisch unter Verdacht stellt. Auf der rechten Seite entsteht eine reaktionäre Identitätspolitik, die Gleichheit und Pluralismus als Bedrohung partikularer Ordnung begreift. Beide bewegen sich von liberalen Normen weg, aber in entgegengesetzte Richtungen. Sie in derselben Kategorie „woke“ zusammenzufassen, bloß weil sich ihre Erregungsrhythmen ähneln, suggeriert eine Symmetrie, wo in Wahrheit zwei sehr unterschiedliche Projekte am Werk sind.
Begriffsverwilderung statt Aufklärung
Besonders irritierend ist vor diesem Hintergrund der letzte Satz des Artikels. Dort heißt es, sollte der Faschismus eines Tages zurückkehren, dann vielleicht nicht trotz, sondern „gerade wegen jener progressiven Linken, die ihn überall zu erkennen glaubte – und damit die heftige Gegenreaktion erst formte, die sie selbst am meisten fürchtet“. Auch das ist eingängig, aber aus meiner Sicht argumentativ verkürzt. Progressive Identitätspolitik kann Radikalisierungsprozesse verstärken, ja. Sie kann Polarisierung verschärfen, sie kann identitäre Gegenmobilisierung provozieren. Daraus aber eine Art indirekte Kausalhaftung zu konstruieren – „am Ende seid ihr selbst schuld, wenn der Faschismus kommt“ – trägt eher den Charakter einer polemischen Zuspitzung als einer tragfähigen politischen Diagnose.
Eine solche Verschiebung läuft auf eine definitorische Umdeutung hinaus: Woke wird nicht mehr als spezifisches egalitäres Identitätsprojekt verstanden, sondern faktisch mit „extremistisch und identitär“ gleichgesetzt. In dem Moment lässt sich der Begriff auf fast alles anwenden, was radikal auftritt und Identität mobilisiert – auf linke Campusbewegungen ebenso wie auf rechtsextreme Influencer, islamistische Bewegungen oder christlichen Fundamentalismus. Damit verliert Woke jedoch jede analytische Schärfe. Der Begriff gerät vom Instrument, ein bestimmtes Phänomen zu beschreiben, zum allgemeinen politischen Etikett, das man überall aufkleben kann, wo einen etwas beunruhigt. In dieser Verwendung trägt er eher zur Begriffsverwilderung bei, als dass er etwas klärt.
Wenn der Begriff „woke“ schließlich alles bezeichnen soll, was identitär auftritt und Empörung mobilisiert, ist sein eigentlicher Gegenstand nicht mehr erkennbar. Für eine aufgeklärte demokratische Öffentlichkeit ist es jedoch zentral, zwischen unterschiedlichen Formen identitärer Politik unterscheiden zu können – gerade dort, wo sie sich im Ton ähneln.
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Der Beitrag blendet aus, wie es der 10%-Partei DIE GRÜNEN gelingen konnte, über viele Jahre die öffentliche Meinung in Deutschland zu beherrschen. Musterbeispiel für die rein ideologische Ausrichtung dieser Partei war die Abschaltung der drei letzten AKK. Die Auseinandersetzung mit anderen Politikansätzen wurde mit der "Brandmauer " verhindert. Wenn nun der Versuch eines Wirtschaftsverbands, sich inhaltlich mit den wirtschaftspolitischen Vorstellungen der AfD auseinanderzusetzen, als antidemokratisch diffamiert wird, ist dies ein weiterer Schritt zur Ausblendung der Mehrheitsmeinung in der öffentlichen Diskussion. "Achtsamkeit" geht anders.
Die Gedanken des Artikels finde ich gut. Zur Welterklärung fassen Menschen Dinge zusammen. So, wie heute oft alles Schlechte als Rechts zusammengefasst wird. Das kann mal helfen, oft aber nicht.
In den heutigen Umbruchszeiten würde ich sagen, dass wir wieder mehr Unterschiede sehen sollten, bevor wir uns irgendwann wieder auf gemeinsame Sichtweisen einigen.
Eine für mich spannungsgeladene Sache bei "Woke" ist es, einerseits nur den global-ewig-einheitlichen Menschen zu akzeptieren, alle anderen Details wie deutsch, Muslim etc. sind letztlich nachrangige "Hobbies". Andererseits sollen diese Zugehörigkeiten durchgreifend festlegend für die konkrete Rolle und Rechte in der Gesellschaft sein. Die normative Gleichheit liegt dann in einem fiktiven Endzustand.
Das hat Charme solange man mehr Rechte erlangen will, aber was kommt, wenn man sie hat? Wie schafft man es dauerhaft Gruppenzugehörigkeiten zu unterbinden, die mehr sind als Hobbies? Will man das?
Wo der Autor glaubt differenzieren zu dürfen, versemmelt er die historischen Zusammenhänge. Das 'best be woke' von Huddie Leadbetter hatte zwar sehr viel mit Malcolm X's Tort gegenüber Martin Luther King zu tun, aber NICHTS mit der Usurpation durch weiße Identitätspolitik und BLM 40 Jahre später. Da war die inhaltliche Entkernung längst vollzogen. All die positiven Attribute, die der Autor den DEI-Dogmen anzudichten sucht, sind WIRKLICH nur Fassade. Links-woke ist von Haus genauso faschistoid wie Nick Fuentes. Der Autor geht einer linken Lüge auf den Leim, wenn er meint, da noch groß differenzieren zu müssen.
Um das im Detail zu erhellen, kann ich nur auf das Buch 'Die Rassisimus-Falle' verweisen. Das räumt das Missverständnis aus, dass 'woke' in irgendeiner Form emanzipatorisch gedacht ist. War es nie. Insofern sollte und muss man Fuentes als seitenverkehrtes Spiegelbild verstehen.
