Die Machtergreifung - Religion der Brutalität

Vor 80 Jahren verspielte Deutschland seine Demokratie – das sollte uns daran erinnern, wie wenig Mühe wir uns geben, die Gegenwart strukturell zu begreifen. Erste Folge einer Serie

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Blom, Philipp

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„Es ist so weit. Wir sitzen in der Wilhelmstraße. Hitler ist Reichskanzler. Wie im Märchen. Gestern mittag Kaiserhof: wir warten alle. Endlich kommt er. Ergebnis: Er Reichskanzler. Der Alte (Reichspräsident Hindenburg) hat nachgegeben … Uns allen stehen die Tränen in den Augen. Wir drücken Hitler die Hand. Er hat’s verdient. Großer Jubel. Unten randaliert das Volk. Gleich an die Arbeit. Reichstag wird aufgelöst.“
Joseph Goebbels: Tagebücher, 31. Januar 1933

So einfach, wie von Goebbels dargestellt, verlief die „Machtergreifung“ 1933 nicht, oder, um genau zu sein: Die eigentliche Machtergreifung fand erst im Laufe des Jahres statt. Was im Januar geschah, war völlig demokratisch und gehorchte der Weimarer Verfassung, die von Juristen in der ganzen Welt als besonders fortschrittlich bewundert wurde. Der Reichspräsident übertrug dem Fraktionsführer der stärksten parlamentarischen Partei den Auftrag, eine Regierung zu bilden, nachdem andere Versuche, Koalitionen zu finden, gescheitert waren.

Der Termin zur Ernennung war für den 30. Januar 1933, 11 Uhr angesetzt. In Hindenburgs Arbeitszimmer legte Hitler seinen Amtseid ab. Deutschland hatte einen neuen Reichskanzler, dessen Partei zwar nach eigenem Bekunden auf dem Boden der Verfassung stand, dessen Schlägertrupps auf den Straßen aber rücksichtslos auf alle Gegner eindroschen und auch vor Morden nicht zurückschreckten; Hitler selbst machte keinen Hehl aus seinen totalitären Ambitionen. Viele Deutsche schien das nicht besonders anzufechten. Mehr als ein Drittel von ihnen hatte NSDAP gewählt. Am Abend veranstaltete die Partei einen triumphalen Fackelzug durch Berlin. Die Leute mochten das. Es gab wieder etwas zu jubeln.

Stimmzettel von 1933 mit Adolf Hitler als Kandidat (Foto: picture alliance)

Der Prozess der Erosion
Vor genau 80 Jahren verlor Deutschland seine Demokratie – nein, es verlor sie nicht: Es verspielte sie, es warf sie weg. Die Erosion der Institutionen und Rechte erfolgte rasch. Gegen Ende des Jahres war Deutschland ein totalitärer Staat mit Diktator und einem Einparteiensystem.

Der weitere Verlauf der Ereignisse 1933 ist elementares Schulwissen. Warum aber wurde die Abschaffung der Demokratie damals so hingenommen? Könnte sie etwa wieder hingenommen werden? „Rien n’est jamais acquis“, heißt es in Frankreich, nichts wird jemals endgültig errungen. In Russland vollzieht sich heute ein ähnlicher Prozess, indem bürgerliche Rechte und zivilgesellschaftliche Strukturen von einem allmächtigen Staat immer weiter beschnitten werden.

Viele Menschen sind bereit, um ihrer Bequemlichkeit willen auf Rechte zu verzichten. Das war 1933 so, als man die Gleichschaltung der Presse und politische Verfolgung als bedauerliche Nebeneffekte des Neuanfangs in Kauf nahm. Das ist heute nicht ganz anders, wenn wir im Internet surfen, ohne zu wissen, was mit unserer Datenspur geschieht und wem wir Einsicht in unser privates Leben gewähren.

Seite 2: Viele Menschen sind bereit, die Unterdrückung anderer zu ignorieren, wenn es ihrem Vorteil dient – damals wie heute

Viele Menschen sind bereit, die Unterdrückung anderer zu ignorieren, wenn es ihrem Vorteil dient. Das taten die Menschen damals, als sie das Verschwinden des Nachbarn mit Schweigen übergingen. Und wir tun es heute, wenn wir hinnehmen, dass unsere billigen Konsumgüter in Südostasien von modernen Sklaven produziert werden. Solange die hässlichen Realitäten einem nicht ins Gesicht starren, muss man sie nicht zur Kenntnis nehmen – und wenn sie es einmal tun, ist es ohnehin schon zu spät, um etwas dagegen zu unternehmen.

Wenn man verstehen will, was passiert ist, muss man zuerst Horizont und Lebensgefühl der damaligen Generation verstehen. Man darf diese Periode nicht retrospektiv, nicht mit dem Wissen der deutschen Katastrophe, von Vernichtungslagern, Judenmorden, Bombenkrieg und Massentod betrachten. Man muss sich vor Augen halten, wie flüssig und immer wieder in neuen Verwerfungen unsere eigenen Analysen der Gegenwart sind, wie viele unterschiedliche Faktoren auch immer das Gegenteil plausibel erscheinen lassen, wie wenig die Gegenwart strukturell begriffen wird.

Kriegszitterer
Gerade nach dem verlorenen Krieg spielten psychologische Faktoren eine große Rolle beim Überlebenskampf der Weimarer Republik. Zur „Hintergrundstrahlung“ der zwanziger und dreißiger Jahre ein kurzer Vergleich: Heute, 2013, versucht laut Pentagon alle 80 Minuten ein US-Veteran Selbstmord zu begehen. Posttraumatischer Stress und die Schwierigkeit, sich wieder in ein ziviles Leben einzugliedern, werden als Faktoren angegeben. Die Zahl der amerikanischen Soldaten, die durch die eigene Hand sterben, ist um ein Vielfaches höher als die der im Kampf getöteten. Viele andere Veteranen bekommen keinen Job und landen auf der Straße.

Am Ende des Ersten Weltkriegs mussten allein in Deutschland 2,5 Millionen aktive Soldaten und weitere 4,2 Millionen Verwundete und Verstümmelte, etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung, nach ihrem Kriegsdienst wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Man muss davon ausgehen, dass diese Veteranen nach Monaten unter Dauerbeschuss in den Schützengräben mehrheitlich schwer traumatisiert waren. Sie hatten an der Front die industrielle Vernichtung von Menschen mitansehen müssen. Einige von ihnen, die sogenannten Kriegszitterer, zeigten Symptome einer massiven traumatischen Verletzung. Sie konnten nicht mehr sprechen, viele konnten ihre Gliedmaßen nicht mehr gebrauchen, alle zeigten Anzeichen schwerer neurotischer Störungen. Ein ehemaliger Scharfschütze konnte seinen rechten Zeigefinger nicht mehr krümmen und nicht mehr mit dem rechten Auge sehen, ein anderer Soldat sprang panisch unter sein Bett, wenn jemand das Wort „Bombe“ gebrauchte.

Die Kriegszitterer waren nur ein relativ kleiner Teil der Heimkehrenden, und die meisten von ihnen erholten sich nach einiger Zeit – aber jede Familie war vom Schicksal der Kriegsheimkehrer berührt. Diese psychologische Dimension der Nachkriegszeit wurde eigentlich nur in der Kunst thematisiert: Die Kriegsversehrten, die auf den Bildern von Otto Dix und George Grosz zu sehen sind, der verkrüppelt scheinende Nosferatu in dem gleichnamigen Horrorfilm von 1922, Romane wie Remarques „Im Westen nichts Neues“ und Döblins „Berlin Alexanderplatz“ – sie alle beschreiben die schleichende Brutalisierung, die Erosion von moralischen Richtwerten, die Konfrontation mit der Monstrosität des Krieges und das Desinteresse der Gesellschaft.

Seite 3: Wären heute ähnliche Prozesse denkbar?

Der friedlose Frieden
Um sich in den Kopf der Wählerinnen und Wähler von 1933 hineinzuversetzen, hilft es auch, sich an die Hysterie und die staatlichen Gewaltzuckungen während der Baader-Meinhof-Zeit zu erinnern. In der damaligen Notstandssituation waren deutsche Bürgerinnen und Bürger bereit, Regierung und Exekutive mit enormen, oft verfassungswidrigen Vollmachten auszustatten und ein hohes Maß an staatlicher Willkür zu akzeptieren, um eine kleine Gruppe politischer Terroristen zu bekämpfen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf stellen Sie sich vor, Sie würden in einem Land leben, das gerade einen katastrophalen Krieg hinter sich gebracht hat, der nicht nur frühere Handelspartner, sondern auch innerhalb des Landes Anhänger unterschiedlicher Parteien zu erbitterten Feinden gemacht hat.

Bitterkeit und Feindschaft werden bis ins Parlament getragen und lähmen die Regierungsgeschäfte. Gleichzeitig brechen sie immer wieder aus in blutigen Straßenkämpfen zwischen Nazis und Kommunisten, Aufständischen und der Polizei: Novemberrevolution 1918 (150 Tote), Spartakusaufstand (1200 Tote), die Niederschlagung der Münchener Räterepublik (600 Tote) und der Bremer Räterepublik (60 Tote), der Kapp-Putsch, der Ruhraufstand 1920 (circa 2300 Tote), die Märzkämpfe 1922 in Mitteldeutschland (180 Tote). Das ist der Anfang der Friedenszeit in Deutschland.

Im Januar 1923 folgt der französische Einmarsch ins Rheinland, offiziell, um die Reparationszahlungen zu sichern. Damit beginnt eine Kampagne des zivilen Ungehorsams, der „Bummelstreik“ der dortigen Industriebetriebe, der Deutschland in die Hyperinflation kippen lässt, weil die Regierung in Berlin nicht nur weiterhin Gehälter und Kosten übernimmt, sondern auch durch die gefallene Produktion auf erhebliche Steuereinnahmen verzichten muss und die Gelddruckmaschinen ankurbelt. In der folgenden Hyperinflation werden alle Ersparnisse zu Klopapier. Auch die Werte des Mittelstands werden vernichtet – materiell und ideell. Im selben Jahr versucht sich ein ehrgeiziger Politiker namens Hitler in München an die Macht zu putschen. Er scheitert kläglich.

Zu dieser Bilanz der ersten fünf Republikjahre kommen die politischen Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Matthias Erzberger, Walther Rathenau und eine Serie von Regierungen, die es nicht schafften, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Insgesamt gab es 20 Kabinettswechsel innerhalb von 14 Jahren. Unter den bis zu 17 Parteien im Reichstag waren mehrere explizite Verfassungsfeinde.

Gegen Ende der zwanziger Jahre hat sich die Situation etwas stabilisiert. Es geht bergauf, deutsche Exporte sind gefragt, die Menschen fassen Hoffnung. Dann kommt die Weltwirtschaftskrise 1929. Amerikanische Kreditgeber ziehen ihr Geld aus Deutschland ab und gewähren keine neuen Kredite, protektionistische Maßnahmen in den USA schließen auf dem Weltmarkt viele wichtige Türen. Zu Hause spart Reichskanzler Brüning das Land in Grund und Boden. Staatliche Investitionen sind auf ein Minimum reduziert, Steuern werden angehoben, Sozialabgaben gekürzt, Gehälter gesenkt – Brüning will den Alliierten klarmachen, dass Deutschland die Reparationszahlungen nicht aufbringen kann. Tatsächlich aber destabilisiert er die letzten Fixpunkte der Gesellschaft.

Seite 4: Das totalitäre Programm war im Kern religiös

Für unzählige Menschen ist die Situation verzweifelt. Viele haben in der Inflation alles verloren, jetzt verlieren Millionen ihren Arbeitsplatz. Hunderttausende von Arbeitslosen leben mit ihren Familien in kleinen Holzhütten in Laubenkolonien am Stadtrand, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Im Juni 1932 sind 5,6 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, wahrscheinlich sind es tatsächlich sieben Millionen (heute sind es 2,7 Millionen). Dem stehen nur zwölf Millionen gegenüber, die einen regulären Job haben, auch wenn ihre Gehälter stetig sinken. In Deutschland wandern 400 000 Obdachlose durch das Land und suchen Arbeit.

Neue Religionen
Für viele Historiker ist der Kollaps eines traditionellen und bürgerlichen Wertekanons nach 1918 instrumental für den Aufstieg der Nationalsozialisten und der Kommunisten. Das ist richtig, aber die Antwort auf die Orientierungslosigkeit, auf den Hunger und auf die Sinnkrise in der Nachkriegszeit war im Kern religiös.

Viele Zeitgenossen sahen in einem totalitären Programm die einzige Antwort auf die brennenden Probleme der Zeit, die sie oft in einer anonymisierten, vom (angeblich „jüdischen“) Kapital beherrschten Gesellschaft verorteten. Sie glaubten nicht mehr an die Werte der Vorkriegswelt, und nach 1929 schien auch der freie Markt diskreditiert. Kapitalismus und Liberalismus, Individualismus und das parlamentarische System galten als Symptome einer dekadenten Zivilisation, wie sie Oswald Spengler in seinem enorm einflussreichen „Untergang des Abendlandes“ beschrieben hatte. In dieser Analyse waren sich faschistische und kommunistische Ideologen einig. Der einzig markante Unterschied zwischen ihnen war, ob sie das Volk oder die Klasse in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellten.

In ihrer grundlegenden Anatomie, ihren Träumen und auch in ihren Konsequenzen waren die Totalitarismen einander sehr verwandt – von der Ästhetik und der Organisation der Massen in Aufmärschen und Kollektiven, ihrem klassenkämpferischen Gestus, der revolutionären Rhetorik und der Endzeithoffnung, die sie weckten, in ihrem Gebrauch messianischer Figuren (Hitler, Stalin), ihren Riten und Gründungsmythen, ihren Versprechungen und ihrer Unterdrückung. Vor allem waren sie ein Glaubensbekenntnis. Nationalsozialisten und Kommunisten bekämpften einander auch deswegen so erbittert, weil sie einen Bruderkrieg führten.

Machtergreifung
Im Schatten der Wirtschaftskrise schien Deutschland wieder auf einen Bürgerkrieg zuzuschlingern. 1932 hatte die Weimarer Republik ihren blutigsten Wahltag erlebt, als SA und Kommunisten sich mit Attentaten und Straßenschlachten bekämpften. Allein im Juni starben 68 Menschen bei politischen Auseinandersetzungen: 30 Kommunisten und 38 Nationalsozialisten. Am 17. Juli wurden beim „Altonaer Blutsonntag“ während einer Straßenschlacht zwischen Nazis und Kommunisten und der Polizei 18 unbeteiligte Passanten tödlich von Querschlägern getroffen.

Bei den Reichstagswahlen am 31. Juli schnitt die NSDAP mit 37,4 Prozent als stärkste Partei ab. Die Gewalt ging weiter. Das parlamentarische System war blockiert, hinter den Kulissen betrieb Hitler seine Ernennung zum Reichskanzler mit aller Macht; sein einziges Hindernis war jetzt Reichspräsident Hindenburg. Joseph Goebbels wetzte seine Feder, seine Parteikollegen wetzten ihre Messer.

Ein Jahr lang zeichnet Historiker Philipp Blom in monatlichen Beiträgen Deutschlands Weg in die Diktatur von 1933 nach. In der Serie sind bisher erschienen:

Die Machtergreifung: Religion der Brutalität

Der Reichstagsbrand: Republik unter Feuer

Das Ermächtigungsgesetz: Als Deutschland die Demokratie verlor

Die Bücherverbrennung: Das Ende des Landes der Dichter und Denker

Die Volkszählung 1933: Die statistische Grundlage für den Holocaust

Das Reichskonkordat: Fauler Handel mit der Kirche

Der Volksempfänger: Das Propagandawerkzeug der Nazis

DIe Reichskulturkammer: Die Gunst war wichtiger als die Kunst

Der Völkerbund: Deutschlands Austritt ebnete den Weg in den Krieg

 

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