Das Reichskonkordat - Fauler Handel mit der Kirche

Sowohl das Deutsche Reich als auch die katholische Kirche strebten 1933 nach außenpolitischer Akzeptanz. Durch ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl triumphierten die Nationalsozialisten über die Zentrumspartei. Die Kirche wurde dadurch letztlich gleichgeschaltet

Die Haltung Papst Pius' XII gegenüber dem Deutschen Reich ist umstritten
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Blom, Philipp

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Ein halbes Jahr, nachdem er Reichskanzler geworden war, sah sich Hitler mit der Tatsache konfrontiert, dass das Ausland das neue deutsche Regime noch immer mit Skepsis beobachtete. Natürlich: Deutschland war nicht die einzige europäische Diktatur, aber als großer Verlierer des Ersten Weltkriegs und als strategisch unumgänglicher Partner für jede Neuordnung Europas wurde es besonders intensiv beobachtet. Der Führer brauchte einen außenpolitischen Erfolg, der die Kritiker beruhigen konnte.

Nichts war dafür besser geeignet als ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl, der seine eigenen Gründe hatte, außenpolitische Erfolge zu suchen. Als Staat von Mussolini  Gnaden musste er seine völkerrechtliche Stellung absichern und gleichzeitig die Interessen der Kirche fördern. Ein Konkordat mit dem Deutschen Reich würde ihn stärken. Eine Garantie der Nichteinmischung der jungen Diktatur in kirchliche Belange konnte darüber hinaus sicherstellen, dass die Kirche auch weiterhin Konfessionsschulen, Priesterseminare und karitative Einrichtungen führen und so ihre Stellung im Land behaupten konnte.

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Hitler hatte zudem ein innenpolitisches Interesse. Die katholisch dominierte Zentrumspartei, geleitet von Prälat Ludwig Kaas und anderen einflussreichen Priestern, war ihm ein ständiges Hindernis im Parlament. Immerhin waren ein Drittel der Deutschen Katholiken. Wenn die Regierung im Gegenzug für ihre Neutralität in kirchlichen Belangen eine Garantie bekam, dass sich kirchliche Amtsträger nicht mehr politisch engagieren würden, wäre das Zentrum praktisch ausgeschaltet.

Die Verhandlungen über ein Konkordat fanden in Rom statt. Auf kirchlicher Seite verhandelte Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. Noch wenige Monate zuvor hatten die deutschen Bischöfe gemeinsam die Position vertreten, man könne nicht gleichzeitig Katholik und Nazi sein. Jetzt aber, als der Staat immer stärker schien, änderte sich ihre Meinung. Schon im März ließen sie verlauten, sie vertrauten Hitler: „Ohne die in unseren früheren Maßnahmen liegende Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer aufzugeben, glaubt daher der Episkopat das Vertrauen hegen zu können, dass die vorbezeichneten allgemeinen Verbote und Warnungen nicht mehr als notwendig betrachtet werden brauchen.“

 

Lange haben Historikerangenommen, Kardinal Pacelli habe von Rom aus im Hintergrund die Strippen gezogen und die deutsche katholische Kirche verraten, aber tatsächlich war er irritiert über die nationale Linie der meisten deutschen Bischöfe. Der katholische Journalist Walter Dirks erinnerte sich: „Als diese bösen Nazis mit einem Mal legal, wie es schien, an die Macht gekommen waren, entdeckte man plötzlich eine Menge von Übereinstimmungen, ein hierarchisches Denken von oben nach unten, den Antibolschewismus, den Antiliberalismus, der ja beiden konservativen Katholiken immer eine große Rolle gespielt hat.“

Das „nationale Erwachen“ Deutschlands begrüßten die Bischöfe und stellten fest: „Ein abwartendes Beiseitestehen oder gar eine Feindseligkeit der Kirche dem Staat gegenüber müsste Kirche und Staat verhängnisvoll treffen.“ Nicht alle Kirchenfürsten waren aber glücklich über diesen neuen, anschmiegsamen Kurs der Kirche. Der Kölner Kardinal Joseph Schulte meinte, mit „einer Diktatur kann man kein Konkordat schließen“, auch Kardinal von Galen in Münster war kritisch, aber ihre Stimmen wurden vom Chor der national
eingestellten Kollegen übertönt.

Pacelli, der lange als päpstlicher Nuntius in Berlin gewesen war, stellte die Staatsräson des Vatikans über die Botschaft der Kirche. Als Papst Pius XI. ihn am 1. April 1933 angesichts des Judenboykotts beauftragte, über Maßnahmen der Kirche nachzudenken, notierte er, „es könnten Tage kommen, in denen man sagen können muss, dass in dieser Sache etwas gemacht worden ist“. Er tat aber nichts.

Im April war das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verabschiedet worden, das es der Berliner Regierung erlaubte, jüdische und politisch missliebige Beamte loszuwerden. Pacelli wies seinen Nuntius an, der Vatikan könne sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einmischen. Stellungnahmen zur „Judenfrage“ seien allein Sache der deutschen Bischöfe. Seine eigene Haltung in diesen Fragen, nachdem er 1939 selbst zum Papst gewählt wurde, ist bis heute umstritten.

 

Das Reichskonkordat wurde am 20. Juli 1933 in Rom feierlich unterzeichnet. Die Glocken des Petersdoms läuteten. Beide Seiten waren hochzufrieden und sahen sich als Gewinner der Verhandlungen. Besonders Hitler kostete seinen Triumph voll aus. Seine Regierung hatte ihren ersten völkerrechtlichen Vertrag abgeschlossen und konnte sich mit dem moralischen Status der Kirche schmücken, die ihm den gewünschten politischen Sieg beschert hatte. Gleichzeitig hatte sich die Zentrumspartei bereits während der Verhandlungen aufgelöst. Jede politische Einmischung vonseiten der deutschen Katholiken war jetzt effektiv unmöglich geworden. Hitler zählte darauf, dass sie sich „von jetzt an rückhaltlos in den Dienst des nationalsozialistischen Staates stellen werden“.

Die katholische Hierarchie bestärkte ihn darin. Der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber schrieb dem Führer: „Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertigbrachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten weltgeschichtlich verwirklicht.“

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Selbstverständlich hielten sich die Nationalsozialisten nicht an ihren Teil des faulen Handels. Die Kirche wurde zusehends gleichgeschaltet. Aller kirchlicher Widerstand und alle Hilfe für Verfolgte waren zur lebensgefährlichen Sache einiger mutiger Priester und Ordensleute geworden, etwa des Berliner Dompropsts Bernhard Lichtenberg. 1942 rang sich Pius dazu durch, in der Weihnachtsansprache
das Schicksal von „Hunderttausenden, die, persönlich schuldlos, bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht (…) sind,“ zu bedauern. Weiter ging er nicht.

Konkordate, die der Heilige Stuhl mit faschistischen Diktatoren abschloss, sind bis heute gültig. Das gilt für Mussolinis Konkordat von 1929 ebenso wie für die 1933 ratifizierten Konkordate mit dem Dollfuß-Regime in Österreich und mit Hitler-Deutschland. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Regelung 1957 bestätigt.

In der Serie „1933 – Unterwegs in die Diktatur“ sind bisher erschienen:

Die Machtergreifung: Religion der Brutalität

Der Reichstagsbrand: Republik unter Feuer

Das Ermächtigungsgesetz: Als Deutschland die Demokratie verlor

Die Bücherverbrennung: Das Ende des Landes der Dichter und Denker

Die Volkszählung 1933: Die statistische Grundlage für den Holocaust

Das Reichskonkordat: Fauler Handel mit der Kirche

Der Volksempfänger: Das Propagandawerkzeug der Nazis

DIe Reichskulturkammer: Die Gunst war wichtiger als die Kunst

Der Völkerbund: Deutschlands Austritt ebnete den Weg in den Krieg

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