Regisseur Paul Thomas Anderson: - „Tarantino ist ein Spinner“

Als Student brach er die Filmakademie ab, heute lässt sich Quentin Tarantino von ihm inspirieren: Der Regisseur Paul Thomas Anderson gilt in der Filmwelt als Genie. Am Donnerstag kommt sein neuer Kinofilm „Inherent Vice“ (u.a. Joaquin Phoenix, Reese Witherspoon) in die Kinos. Ein Gespräch über Vorbilder, Irrwege und Pornos als Inspirationsquelle

Paul Thomas Anderson über seinen neuen Film „Inherent Vice“: „Wie bei einem gewaltigen Kater“
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Autoreninfo

Claas Relotius ist freier Journalist und schreibt u.a. für den Cicero, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und The Guardian. Er lebt in Hamburg.

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Normalerweise führt Paul Thomas Anderson bei seinen Werken nicht nur Regie, er verfasst auch die Drehbücher selbst. Für seinen neuen Film „Inherent Vice“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Pynchon, machte er eine Ausnahme und adaptierte literarischen Stoff, den viele in Hollywood für unverfilmbar hielten. Es ist die Geschichte eines kiffenden Privatdetektivs, wahrlich rauschhaft gespielt von Joaquin Phoenix, der sich im Los Angeles der Siebziger Jahre auf die abenteuerliche Suche nach einem Immobilienhai und der verflossenen Liebe zu seiner Ex-Freundin begibt. Angelehnt an Klassiker wie „The Big Lebowsky“ von den Coen-Brüdern und Robert Altmanns „The Long Goodbye“, ist es vielleicht Andersons humorvollster Film. An einem Januarabend in Paris, kurz nach der europäischen Premiere, wartet der 44-jährige Kaliforner so unauffällig in der Lobby des Hotels am Champs-Elysée, dass man ihn beinahe übersieht. Er trägt Drei-Tage-Bart, ein ungebügeltes Hemd und ein etwas zu kurzes Jackett. Viele US-Magazine bezeichnen Anderson als den momentan besten Filmemacher der Welt. Im Interview gibt er sich als bodenständiger Künstler ohne Allüren.

 

Mr. Anderson, „Inherent Vice“ spielt im Jahr 1970, demselben Jahr, in dem Sie geboren sind. Woher stammt Ihr Gefühl für diese Zeit?
Vor allem von meinen Eltern. In meiner Kindheit wurde streng darauf bestanden, dass sich die ganze Familie jeden Abend an den Tisch setzt und gemeinsam isst. Während des Essens haben mein Vater und meine Mutter so gut wie immer über gesellschaftliche Ereignisse gesprochen, über die Politik von Reagan genauso wie über den Siegeszug des Kokains, es gab keine Tabus. Natürlich habe ich als Junge bei Weitem nicht alles verstanden, aber je älter ich wurde, desto besser konnte ich mir ausmalen, warum das Jahr meiner Geburt für viele Amerikaner einen gewaltigen Bruch markierte.

[[{"fid":"64743","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":467,"width":345,"style":"height: 203px; width: 150px; margin: 3px 5px; float: left;","class":"media-element file-copyright"}}]]Mit der Reagan-Ära, dem Ende der Hippie-Bewegung und den Morden der Manson-Family ist damals in den USA eine diffuse Paranoia eingekehrt, von der auch ihr Film erzählt.
Kennedy durch Reagan zu ersetzen, war ein heftiger Einschnitt. Vieles aus den Sechzigern wurde zu Beginn der Siebziger ins Gegenteil verkehrt: Bürgerbewegungen und politischer Aktivismus wurde durch staatliche Repression ausgemerzt. Die wiederaufgekommene Naturverbundenheit wurde industrialisiert. Sogar die Drogenkultur ging den Bach herunter. Plötzlich waren da nicht mehr kiffende Hippies, sondern skrupellose Kartelle, die anfingen, weißen Stoff aus Mexiko zu importieren.

Thomas Pynchon, der die Romanvorlage zu Ihrem Film schrieb, bezeichnet die Sechziger als Jahrzehnt der Erleuchtung, für das in den Siebzigern der Preis gezahlt wurde.
Es muss sich angefühlt haben wie bei einem gewaltigen Kater, dabei war es nur eine Phase des Umbruchs. Der Film soll keine Erklärungen liefern. Er ist nur so etwas wie die Blaupause einer Zeit, in der viele Leute durchgedreht sind.

Sie sind in dieser Zeit in San Fernando Valley aufgewachsen, am Fuße der Hollywood-Hills also. Wie alt waren Sie, als Sie Ihre erste Kamera in die Hand bekamen?
Ich war elf oder zwölf. Mein Vater kam eines Abends nach Hause und hatte dieses funkelnde Gerät in der Hand, ich habe es natürlich sofort in Beschlag genommen. Im Valley aufzuwachsen, bedeutet aber nicht, dass man zwangsläufig diesen Weg einschlagen und ein Filmfreak werden muss. Meine drei Geschwister sind alle Musiker geworden und interessieren sich überhaupt nicht für das, was ich mache.

Ihre Familie hatte zumindest einen Bezug zum Filmgeschäft. Ihr Vater Ernie arbeitete als Synchronsprecher.
Nicht nur das, er war auch ein ziemlich bekannter Ansager beim Fernsehen. Bei ABC TV war er in den Sechzigern berühmt geworden mit dem wöchentlichen Jingle „On the Loooove Boat...“. Ich bin als Junge oft mitgekommen, habe ihm beim Aufnehmen zugesehen und mit großen Augen die Technik bestaunt. Vielleicht waren das meine ersten Schritte in diese  Welt.

Das Motiv des väterlichen Mentors durchzieht ihre Filme mehr als deutlich. Hat Ihr Vater Sie unterstützt, Regisseur zu werden?
Mein Vater war schon 47, als ich geboren wurde. Er hatte als junger Mann im Zweiten Weltkrieg kämpfen müssen, ich lief im gleichen Alter mit einer Videokamera durch die Gegend und wollte Filme drehen. Für einen Mann wie ihn war das nicht einfach zu verstehen, aber er war ein offener Mensch und hat nie versucht, mir etwas auszureden. Als ich ihm eines Tages am Telefon erzählte, dass ich auf die Filmakademie gehen will, sagte er nur: „Mach, was Du willst, Junge, aber geh aus der Leitung, sonst wird die Rechnung zu teuer!“ Das war sein trockener Humor und das war auch seine Art, mich zu unterstützen.

Sie beschreiben ein harmonisches Verhältnis. In Ihren Filmen schneiden die Väter aber immer als herrschsüchtige, kaltherzige oder zumindest eigensinnige Figuren ab.
Das hat nichts mit meinem eigenen Vater zu tun, ich hatte wirklich eine tolle Kindheit. Ein tyrannischer Mentor liefert eben häufig Stoff für spannende Konflikte und Erzählungen.

Sie sind für das Filmstudium nach New York gegangen. Allerdings nur für zwei Tage, dann haben sie das Studium geschmissen. Was ist dort schiefgelaufen?
Kurz gesagt: Einfach alles. Einerseits kam ich mir unterfordert vor, da die anderen Studenten Filme nicht kannten, die ich schon mit zwölf gesehen hatte. Andererseits war mir vieles zu blasiert und abgehoben. Ich bin damals in den Hörsaal gekommen und habe einen Drehbuch-Dozenten sagen gehört, dass jeder Student, der vorhabe, einen Film wie „Terminator 2“ zu schreiben, gleich wieder gehen könne. Ich habe das sehr wörtlich genommen, denn „Terminator 2“ war in meinen Augen ein fantastischer Film. Das einzig gute an Filmhochschulen ist, dass man sein Geld zurückbekommt, wenn man schnell genug wieder aussteigt.

Stört es Sie heute, wenn Fans und Kritiker Ihre Filme intellektualisieren?
Es amüsiert mich häufig.

Wann zum Beispiel?
Als „There Will Be Blood“ ins Kino kam, haben sich Kritiker monatelang darin überboten, den Film als Parabel auf alles Mögliche zu betrachten. Am Ende wurde mir unterstellt, ich wolle den Kapitalismus gegen die Religion ausspielen oder umgekehrt, dabei war es einfach nur eine Geschichte über einen ehrgeizigen Öl-Tycoon, der sich zur Gründerzeit mit einem fanatischen Prediger bekriegt. Für mich also in erster Linie ein klassischer Kampf Mann gegen Mann. Dass auch viele Metaphern dahinter stehen, ist mir klar, aber manchmal habe ich das Gefühl, Kritiker suchen so sehr nach Verweisen, dass sie das Gefühl für eine Geschichte aus den Augen verlieren. Dabei sollen meine Filme unterhalten und keine Hausaufgaben sein.

Quentin Tarantino, mit dem Sie eng befreundet sind, sagt, dass er Ihre Film liebt, aber auch, dass er sich diese immer erst drei oder vier Mal ansehen muss, um ein Gefühl dafür zu bekommen.
Das geht mir ähnlich. (lacht)

Verstehen Sie das als Kompliment?
(überlegt lange) Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, ja. Bei Musikplatten, die mir am meisten bedeuten, ist es mir häufig ähnlich ergangen. Sie haben Ihre Kraft erst mit der Zeit entwickelt und ich kann sie heute immer noch hören. Trotzdem hätte ich es als Regisseur natürlich gerne, dass mein Film den Zuschauer und vor allem Quentin sofort aus dem Sessel haut.

Tarantino sagt auch, dass das Niveau seiner Filme essenziell von Ihnen und Ihrer Arbeit abhängt.
Was soll das heißen?

Dass sein Film „Inglorious Basterds“ nicht der gleiche geworden wäre, wenn Sie nicht „There Will Be Blood“ vorgelegt hätten.
Das hat er nicht wirklich gesagt?

Doch, erst kürzlich.
Er ist ein Spinner. Ich wehre mich nicht gegen solche Komplimente, aber es ist klar, dass Quentin meine Arbeit nicht nötig hat. Ich kenne keinen anderen Regisseur, der so viel Inspiration aus sich selbst schöpft.

Wo nehmen Sie Ihre Inspirationen her?
Hin und wieder stolpere ich über etwas, das mir dann nicht mehr aus dem Kopf geht. Das können Bücher wie die von Salinger sein oder Songzeilen der Beach Boys und manchmal sogar Pornos.

Was inspiriert Sie an Pornos?
Ach, das ist lange her. Ich war glaube ich erst 10, als ich die Pornos meines Vaters entdeckt habe. Das waren keine Hefte, sondern Videokassetten, die er in seinem Arbeitsschrank versteckte. Auf einem Band stand „Misty Beethoven“, ein genialer Name, oder? Jedenfalls habe ich mir diese Streifen als interessierter Junge selbstverständlich sehr genau angeguckt und in diesem Film ging es um ein dralles Mädchen mit blonden Locken, das auf Rollschuhen durch eine Vorstadtsiedlung fuhr, um verheiratete Männer zu beglücken. Das muss mich ziemlich traumatisiert und beeindruckt haben, denn fünfzehn Jahre später wurde diese Figur zur Vorlage für Heather Grahams Rolle als Rollergirl in „Boogie Nights“.

Einer Ihrer ersten Kurzfilme, „The Dirk Diggler Story“, handelt vom Aufstieg und Fall eines Pornodarsteller. Hatten Sie diese Idee auch dem Fundus Ihres Vaters zu verdanken?
(lacht) Meine Vater besaß wirklich eine vielseitige Auswahl. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Ähnlich wie bei Tarantinos „Pulp Fiction“ ist „Inherent Vice“ wie ein rastloser Trip, in dem man ständig nach Orientierung sucht. Ist es Ihnen lieber, dass der Zuschauer für zwanzig Minuten nicht folgen kann, als dass er Ihrer Geschichte auch nur 10 Sekunden voraus ist?
Das ist immer ein riskantes Spiel, aber im Zweifel wäre mir ersteres lieber, übrigens auch dann, wenn ich selbst Zuschauer bin. Ich kann ruhig mal den Faden verlieren, aber sobald ich im Kino das Gefühl habe, da baut jemand mühsam etwas auf, was ich schon lange vorher ahne, steige ich sofort aus. Man darf den Leute schon etwas zumuten. Bei Detektiv-Filmen gibt es eigentlich sowieso nur eine goldene Regel: Der Protagonist sollte mindestens alle fünf Minuten in einem Auto mit offenen Fenstern durch die Stadt fahren und mit einer hübschen Frau flirten.

Es heißt, Ihnen wäre die Handlung eines Films nicht so wichtig. Das klingt ziemlich kokett, da Ihre Filme immer große, vielschichtige Erzählungen sind und Sie dazu auch noch die Drehbücher selbst schreiben.
Für mich ist das kein Widerspruch. Natürlich lege ich beim Schreiben Wert auf eine kohärente Erzählung, auf eine kluge Geschichte, aber am Ende des Tages ist das nicht entscheidend. Wenn ich mir die Filme anderer Leute anschaue, habe ich die genaue Handlung meist schon am nächsten Morgen wieder vergessen. An was ich mich dann noch erinnere, ist nur das Gefühl oder es sind bestimmte Bilder, die sich dann in meinen Kopf eingefräst haben. Hitchcock hat diese Haltung mal sehr humorvoll in „Der unsichtbare Dritte“ zum Ausdruck gebracht: Die komplizierte Handlung des Films wird da ausgerechnet in einer Szene am Flughafen aufgelöst, während der Lärm der Maschinen jeden zweiten Satz überdeckt. Es ist als würde Hitchcock sagen: „Vergesst die Handlung, Leute. Darauf kommt es nicht an.“

Haben Sie sich das Filmemachen selbst beigebracht, nachdem Sie die Filmakademie geschmissen hatten?
Ja und nein. Ich war auf keiner Schule, aber natürlich hatte ich viele gute Lehrer – sie wussten nur nichts von mir. Meine Bildung in Sachen Film bestand in erster Linie darin,  herauszufinden, welche Filme meine Vorbilder mögen, und mir diese dann anzusehen.

An wem haben Sie sich orientiert?
Ich bin mit „Der Weiße Hai“ und „Rocky“ groß geworden. Als ich als Teenager dabei war, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, haben mich vor allem die Filme von Scorcese, John Ford und Max Ophüls begeistert. Mein größtes Vorbild war Robert Altmann. „The Long Goodbye“ habe ich mindestens drei Dutzend Mal gesehen und mir dazu wieder und wieder den Audio-Kommentar des Regisseurs angehört. Das klingt ein bisschen autistisch, ich weiß, aber es hat locker zehn bis zwanzig Jahre Filmakademie ersetzt. Solche Schulen zu besuchen, ist wirklich Zeitverschwendung. Alles, was man zum Filmemachen wissen muss, ist irgendwo da draußen, man muss es nur suchen. Im Hörsaal lernt man vielleicht, formal korrekt zu sein, aber etwas wirklich Neues zu schaffen, die Leinwand auf den Kopf zu stellen – das lernt man dort nicht.

Das Interview führte Claas Relotius.

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Paul Thomas Anderson wurde 1970 in Studio City, Kalifornien, geboren. Er wuchs in San Fernando Valley, einem Stadtteil von Los Angeles, auf und übernahm schon als Jugendlicher Aushilfsjobs beim Fernsehen. Anderson studierte Englische Literatur am Emerson College in Boston und schrieb mit Anfang zwanzig eigene Drehbücher. Nach seinem ersten Kinofilm „Last Exit Reno“ (1996) gelang ihm der Durchbruch in Hollywood mit „Boogie Nights“ (1997), einer Oscar-prämierten Erzählung über die Pornobranche der späten siebziger Jahre.  Zu seinen weiteren Werken zählen „Magnolia“ (1999) und „The Master“ (2012). Das Gründerzeit-Epos „There Will Be Blood“ (2007) gilt als einer der besten Filme der Kinogeschichte. Anderson ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern noch heute in seinem Heimatort San Fernando Valley.

 

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