Rapper droht Journalist - Machos ohne Manieren

Der Rapper Fler droht einem Journalisten, weil der eine Glosse geschrieben hat. Sogar einen Hausbesuch soll es gegeben haben

Der deutsche Rapper Fler posiert
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Teure Klamotten, scharfe Mädels, Geld ohne Ende und immer einen zur Hand, den zu dissen sich lohnt: So sieht das handelsübliche Weltbild des sogenannten „Gangster-Raps“ aus, auch bekannt als „Gangsta-Rap“. Jungs sind es in sehr weiten Hosen, die sich Mut zusingen, wenn es auf die Piste geht, wenn sie die Nacht checken, wenn sie laut und deutlich ansagen, was abgeht, wie die „Bunnies“ zu laufen haben und was die „Crowd“ tun soll. Es ist ein sehr manichäisches, sehr machohaftes Weltbild: Ich King, du nix.

In dieser Weltsicht, die auch ein Berliner Rapper mit dem Künstlernamen Fler befeuert, muss es immer einen Feind geben. Denn, wie Fler in dem Song „Spiegelbild“ hin und her rappt: Der andere ist der Clown, der Penner, „dein Rumgetanze ging nach hinten los“, und „deine Freunde sind wie kleine Hunde, sie machen alle Platz“ – kuschen vor dem Fler-Ich, denn „ich kann machen, was ich will, das ist mein Club“, „diese Jacke war nicht billig“. Im Video tanzen junge Frauen in Miniröcken, mal gespreizten, mal geschlossenen Beins, während 500-Euro-Scheine die Tapete abgeben.

Nicht vorgesehen in dieser überschaubaren Weltsicht ist vor allem eins: Armut. Denn das hieße ja, man könnte sich die so monoton ausgestellte Großkotzigkeit gar nicht leisten, man wäre nur, als was man erschiene, ein Clown mit Statusproblemen. Insofern hat der Journalist Frédéric Schwilden, der auch für den Cicero schreibt, sich mit einer Glosse über die Einkünfte Flers am Allerheiligsten des „Gangsta-Raps“ versündigt – an der sorgsam genährten Illusion, hier rede und singe das Aufsteigerkind mit prekärer Vergangenheit. Und darum sorgt sich der Journalist jetzt um Leib und Leben. Flers Crowd hat Schwilden nämlich zur Fahndung ausgeschrieben, seine Wohnung ausfindig gemacht, Fler selbst wendet sich bei Twitter an Schwilden: „Hab ich mal deine Frau gebangt? Warum so sauer? Ich geh jetzt Steak essen, du Pleitegeier! Hahahahahaha“

Der ungelenke Abwehrkampf gewaltaffiner Machos
 

Für Schwildens Sündenfall, die Glosse, lieferte Fler selbst das Material. Er veröffentlichte sein polizeiliches Führungszeugnis, dem die Tagessätze einer Geldstrafe wegen Körperverletzung, Beleidigung und uneidlicher Falschaussage zu entnehmen sind. Schwilden rechnete hoch, und siehe da, der Rapper müsste demnach von 1200 Euro leben. Böse schob Schwilden nach: „An ein eigenes Auto ist mit 1200 Euro monatlich kaum zu denken.“ In der unmittelbaren Nachbarschaft von Flers Wohnung befinde sich aber ein Discounter, „so kann er den harten Arbeitstag mit einer Dose der Hausmarke ‚Alki‘ hinunterspülen.“ Nett ist das nicht und zeigt doch, dass Schwilden in der harten Schule des Dissens bestenfalls zum Sextaner taugt.

Nun aber brachen alle Wetter los: Ein besonders hartnäckiger Fler-Fan, aber auch Fler selbst twitterte Fotos von Schwildens Wohnung, der Fan schrieb, er sei „Auf der Jag(d) nach Frédéric Schwilden! Entweder entschuldigst du dich bei Fler oder kassierst Stich!“ Ob die angedrohte Körperverletzung das branchenübliche Großmäulertum ist? Wer weiß das schon. Justiziabel und intolerabel ist es. „Du dreckiger Hurensohn“, schrieb ein zweiter Fler-ianer, ein dritter hingegen: „Freu dich schon mal auf die Suppe aus der Schnabeltasse“. Und abends klingelte Fler plötzlich an Schwildens Wohnungstür. Keine Frage: Die Jungs machen mobil. Fler, der eigentlich auf den Namen Patrick Losensky hört, verweist derweil auf sein neues Album, „Keiner kommt klar mit mir“, das einen zusätzlichen Track enthalten werde, „Fick die Welt“.

Es ist eine traurige Geschichte, die sich da vor unser aller Augen vollzieht. Manierenlose Jungmänner drohen dem Dresche an, der sie nicht ganz so furchtbar ernst nimmt wie sie sich selbst. Eingeschüchtert werden sollen stellvertretend alle jene, die es wagen, lächerliche Posen als lächerlich vorzuführen. Letztlich zielt der ungelenke Abwehrkampf gewaltaffiner Machos auf das Herzstück demokratischen Zusammenlebens, auf die Freiheit, von der sie selbst am meisten profitieren, die Freiheit des eigenen Weltbilds. Dieses darf ganz aus Materialismus, Großspurigkeit und Verachtung gezimmert sein, aber eben auch aus Humor, Satire und Gegenmeinung. Eine solche Lektion drang noch nicht durch zu den peinlichen Poseuren. Aber die „Toleranzwoche“ endet ja auch heute.

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