Kurz und Bündig - Raphael Urweider: Alle deine Namen

Vor acht Jahren zu Recht als Hoffnungsträger der Schweizer Lyrik gefeiert, hatte Raphael Urweider bereits nach seinem zweiten Band «Das Gegenteil von Fleisch» (2003) bemerken müssen, dass die Lobeshymnen vereinzelt leiser wurden. «Alle deine Namen», der knapp sechzig Seiten schmale Nachfolger, kann dagegen nun richtiggehend Missmut erregen.

Vor acht Jahren zu Recht als Hoffnungsträger der Schweizer Lyrik gefeiert, hatte Raphael Urweider bereits nach seinem zweiten Band «Das Gegenteil von Fleisch» (2003) bemerken müssen, dass die Lobeshymnen vereinzelt leiser wurden. «Alle deine Namen», der knapp sechzig Seiten schmale Nachfolger, kann dagegen nun richtiggehend Missmut erregen. Der Titel nebst verunglücktem Untertitel ist dem zentralen Zyklus «ein reigen» zu verdanken, für den Urweider von Antonia bis Zoe zu jedem Namen nach dem ABC ein Liebesgedichtchen verfasst hat. Wie Verse aus dem Leierkasten reihen sich da die Gemeinplätze zu einer Art SMS-Poesie, die zum Beispiel so lautet: «ursula welch einem zauber / bin ich jetzt erlegen oder / besser was für einer ist da / in mich gefahren und macht / mich fahrig». Dass Urweider über weite Strecken so ungemein unbehol­fen seine Sätze baut, seine Verse fügt und seine Pointen setzt, wirkt im Kontrast umso erstaunlicher. Denn im Zyklus «acht jahreszeiten» kann er zuweilen überzeugend an die George-hafte Kunst der schwebenden Oberfläche anschließen, die ihm einmal Ruhm ein­brachte. Und auch eine «selbst­versuch» betitelte Gedichtfolge über diverse Spirituosen glänzt mitunter durch groteske Wortkatarakte. Er kann es also noch, doch tut er’s meist nicht mehr: Vom zielsicher verfehlten Kalauer – «du spielst mit dem feuer jana / ich rauche» – bis hin zu blankem Kitsch – «ich bin versucht mich mit // den möwen tragen zu lassen / die luft trägt sie so wie ich dich in mir» – ein ganzer Reigen von Misslichkeiten tanzt durch den Band. Nun soll dies alles ja verspielt sein, leicht, frivol und ironisch. Doch Ironie ist etwas, für das man sich entscheiden muss; sie ist, zumindest handwerklich, ein ernstes Geschäft. Urweider hingegen hat sein Handwerk diesmal allzu leicht genommen. Fahrig kommen seine Verse daher, versuchen mal dies, mal das – und nichts richtig. Das Ergebnis kann man weder ernst nehmen, noch lässt sich da­rüber lächeln; und von einer lustvoll ironischen Leichtigkeit kann leider schon gar nicht die Rede sein.  

 

Raphael Urweider
Alle deine Namen. Gedichte von der Liebe und der Liederlichkeit
DuMont, Köln, 2008. 55 S., 12,90 €

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