Theater
Gemälde eines Mannes, der einen Theatervorhang lüftet / picture alliance / dieKLEINERT.de / Ann-Kathrin Bus | Ann-Kathrin Busse

Quoten-Debatte im Kulturbetrieb - Das Theater ist blind im eigenen Moralkosmos

Moral statt Kunst. Das Berliner Theatertreffen führte eine Quote für Regisseurinnen ein – obwohl 75 Prozent der Inszenierungen bereits von Frauen stammen. Als die neue Jury die Quote abschaffte, protestierte die alte. Ein System, das sich selbst bestätigt und jeden Widerspruch ausgrenzt.

Bernd Stegemann

Autoreninfo

Bernd Stegemann ist Dramaturg und Professor an der Hochschule für Schauspielkunst (HfS) Ernst Busch. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Was vom Glauben bleibt. Wege aus der atheistischen Apokalypse“ bei Klett-Cotta (2024) und „In falschen Händen. Wie grüne Eliten eine ökologische Politik verhindern“ bei Westend (2025).

So erreichen Sie Bernd Stegemann:

Theater ist ein Spiegel der Gegenwart. So zumindest wollen Theaterleute es gerne die Welt glauben machen, und in manchen Epochen kam das Theater diesem hochgesteckten Ziel sehr nahe. Die Dramen Shakespeares oder die Tragödien der Antike können bis heute helfen, die ferne Zeit besser zu verstehen. Das Theater der Gegenwart ist dabei, wieder zum Spiegel unserer Zeit zu werden. Dieser Spiegel funktioniert jedoch gänzlich anders als die dramatische Darstellung vergangener Jahrhunderte. Im Theater unserer Zeit findet die Spiegelung der Gegenwart nicht auf der Bühne statt, sondern in der aktivistischen Attitüde der Theatermacher. Wie reflexhaft unfrei dieses Milieu reagiert, zeigte es jüngst, als es gegen eine Entscheidung des Berliner Theatertreffens protestierte.

Cicero Plus

Ohne Abo Lesen

Mit tiun erhalten Sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Cicero Plus Inhalte. Dabei zahlen Sie nur so lange Sie lesen – ganz ohne Abo.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Walter Bühler | Di., 28. Juli 2026 - 07:54

Seit Jahrzehnten gibt es deutlich mehr Lehrerinnen als Lehrer in Berlin. Trotzdem gibt es immer noch Frauen- oder Gleichstellungs-Beauftragte.

Warum? Die Frauenbeuftragten sind idR Funktionärinnen der GEW u.ä. Wie die Personalräte wird ihr reales Arbeitspensum in der realen Schule reduziert.

Für das gleiche Gehalt muss eine Beauftragte weniger konkrete Arbeit leisten und so dem (schweren) Schulalltag auf bequeme Weise entkommen.

Da die Gewerkschaften längst auch die Schulverwaltung dominieren und gleichzeitig in den regierungsnahen Parteien vertreten sind, wird dieses Privileg der Gewerkschaftsfunktionärinnen, als "Beuaftragte" aus dem harten Schulalltag flüchten zu können, rigoros verteidigt, auch wenn es natürlich schon längst jeden Sinn verloren hat.

wird feststellen, dass die Regie seit Jahren skurrile Blüten der "Selbstverwirklichung" treibt, und das nicht nur in Bayreuth, sondern in nahezu allen Staatstheatern, z.B. Wiesbaden, das ich aus eigener Erfahrung kenne. Die Regisseurinnen (?) schrecken nicht einmal mehr davor zurück, die Handlung eines Stückes zu verändern, sondern verzerren die Aktionen, wie z.B. den "Freischütz" in Sträflingskleidung und geändertem Schluss. Das entspricht nicht mehr der Intention der Urheber, und schon gar nicht dem Anspruch junger Zuschauer, die m.E. ein Recht darauf haben, ein Stück in der Originalfassung zu erleben.

... die Einführung des Schulfaches "Theater" bzw. "Darstellendes Spiel" ganz ungewollte Folgen hatte.

Auch in diesem Schulfach gibt es Streber*innen, die - mit der Note 1 im Abitur geschmückt - leider auch glauben, sie wüssten sehr gut, wie man Stücke zu inszenieren habe. Und wenn sie dann noch das Theater als den Ort ihrer Berufung wählen, dann reproduzieren sie immer weiter das Schultheater, in dem sie selbst erzogen sind.

Infantile Verwurstung der literarischen Vorlage und aufdringlich pädagogisch-ideologische Normierung ersetzen dann schnell Werkverständnis und echte Kreativität.

---

Das ist nur ein Alptraum von mir, Herr Koester.

In Wahrheit befürworte ich das Schulfach Theater, das im Konzert der Schulfächer so wichtig ist.
---
Aber woher kommt dann die miserable Lage bei den Regisseur*innen?

Danke für Ihren guten Kommentar.
Ich glaube, es liegt an der Verquickung politischer Propaganda und bewilligten Fördermitteln. Dazu kommen ein woker Zeitgeist, der die einst literarisch hochwertigen Inhalte und Formen glaubt, einer Anpassung an den Zeitgeist unterziehen zu müssen. „Fuck ju Göthe“.

Friedrich Gelbhof | Di., 28. Juli 2026 - 12:06

Wenn Theater nur noch für die eigene Blase gemacht wird um sich gegenseitig seiner moralischen Überlegenheit zu versichern, verliert es seine Relevanz. Was man an den sinkenden Zuschauerzahlen verfolgen kann. Es wäre eine Überlegung wert, Kulturförderung angesichts der klammen Kassen zu überdenken und weitgehend abzuschaffen. Dann wird es hoffentlich wieder Inszenierungen geben, die sich nicht an nur Färderrichtlinien orientieren, sondern an dem, was dem breiteren Theaterpublikum gefällt.

Klaus Funke | Di., 28. Juli 2026 - 14:31

Warum? Mir missfällt das sogenannte Regietheater, wo Regisseure ihre eigene verschrobene Weltsicht als Botschaft eines Stückes oder einer Oper verkaufen. Was da für Frevel und Schindluder am kulturellen Erbe getrieben wird, ist unermesslich. Die meisten Stückeschreiber oder Opernkomponisten würden sich im Grabe herumdrehen. Angefangen hat es mit Regisseuren wie Rainer-Werner Fassbaender, Peter Konwitschny und dem glücklicherweise früh verstorbenen Christof Schlingensief, aber es geht bis heute munter weiter, besonders auch auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Am Antisemiten Richard Wagner arbeiten sich alle ab und bedenken nicht, welches fatale Erbe da wiederbelebt wird. Schon lange warte ich auf ein Buch, welches Bayreuth aufs Korn nimmt. Aber es kommt nicht. Und alle Jahre pilgern sie hin, die großen und kleinen Politiker und die Kulturschaffenden aller Genres. Ich könnte speien...

... und nicht nur im Theaterbetrieb tummeln sich mittlerweile mehrheitlich Frauen in den leitenden Stellen.
In meiner Geburts- und Langzeitheimatstadt, dem seit Jahrzehnten rotgrün regierten München, verfolgte ich als Objekt- und Installationskünstler über 30 Jahre das Phänomen, dass es teilweise reichte, weiblich zu sein, (übertrieben) einen Pinsel halten zu können und im Kulturreferat vorstellig zu werden. Dann war die (wenn auch eher kärgliche) Existenz samt Ausstellungsmöglichkeiten gesichert.
Und schauen Sie sich mal Kultursendungen an: Fast nur Museumsleiterinnen, Kuratorinnen und Galeristinnen.
Und nicht falsch verstehen: ich gönn´s den Frauen grundsätzlich sehr - die Jahrhunderte der absoluten Männerdominanz auf ALLEN lukrativen Gebieten sind sinnvollerweise zumindest in Mitteleuropa eher Geschichte. Aber aus einer GLEICHberechtigung ist DA mittlerweile m.M.n. die entgegengesetzte Ungleichberechtigung geworden, wobei EIN Hauptgrund ganz sicher ist: Frauen sind meist billiger!

Hans Süßenguth-Großmann | Di., 28. Juli 2026 - 21:36

in einer Blase, die sich als "moralische Anstalt" versteht. In Jena als Studentenstadt werden den Studenten 2 € als Kulturbeitrag beim Semesterticket abgeknöpft und damit können sie jederzeit ins Theater gehen. Damit ist das Publikum gesichert. Wenn das Theater auf das "normale" Publikum angewiesen wäre, hätten sie Schwierigkeiten das zu bedienen, da es nur Schauspiel bietet und kein Spartentheater ist.