Politiker - Psychogramme der Macht

Was die Schreibtische über unsere Politiker verraten. Ein voyeuristischer Spaziergang durch die Arbeitszimmer der Berliner Republik gewährt Einblicke in die alltägliche Selbstdarstellung der Macht.

Wer heute mächtig sein will, umgibt sich mit moderner Technik, moderner Kunst und Arbeitsutensilien – Managerqualitäten sind gefragt an der Spitze der Bundesrepublik.
Bloß nicht zu luxuriös ausgestattet sein, zu abgehoben wirken. Der Brioni-Vorwurf käme schnell. Whisky, Rotwein, Zigarren – durchaus elementare Utensilien des Politikeralltags – sie dürften niemals in der Nähe des Schreibtisches stehen. Aber auch das kleinbürgerlich-kontemplative Aquarium an der Seite des Bonner Regierungschefs Helmut Kohl wäre heute undenkbar als Kanzlerinventar. Sachlichkeit scheint gefragt im Schröderschen Kanzleramt, das sich darum bemüht, der oft sprunghaften Politik eine Aura seriös durchdachter Langfristigkeit zu verleihen.
Neuerdings schreibt die so genannte „clean desk“-Politik in vielen Unternehmen vor, dass Familienfotos nicht an den Arbeitsplatz gehören, genauso wenig wie der Bonsai, bunte Glücksbringer aller Art oder Duftkerzen. Das stört das neutrale Firmenimage oder gar das Corporate Design – und die Arbeitnehmer sollen in der Arbeit an ebendiese denken, nicht an das Privatleben. Nur Gerhard Schröder hat das keiner gesagt. Und Joschka Fischer würde fristlos gekündigt in einem solchen Unternehmen. Aber in der Politik ist alles anders.
Der deutsche Bundeskanzler schaut am Schreibtisch auf ein Starfoto seiner Ehefrau, in dessen Rahmen er noch ein weiters Bild gesteckt hat: Ein schwarz-weißes Foto, leicht vergilbt, von seinem Vater mit Soldatenhelm – einem Mann, den er nie persönlich gekannt hat. Bei Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) stehen die Familienporträts zu seiner Rechten an der Seite auf einem kleinen Extratisch. Eine alte Tradition: Kaiser Wilhelm der Große schaute auf ein ganzes Arsenal von Aufnahmen an seinem kleinen Sekretär, selbst die früh verstorbene Liebe seines Lebens, Prinzessin Elisa Radziwill, hatte dort neben der Ehefrau ihren angestammten Platz, bis zum Ende seines Lebens.
Arbeitspsychologen schließen gerne vom Schreibtisch auf den Charakter. Weil wir so viel Zeit im Büro verbringen, wird der Schreibtisch oft zur Ausweitung der Persönlichkeit oder gar zum kleinen Wohnzimmer für die Seele. Bei Politikern funktioniert dieser Rückschluss nur bedingt. Es ist ja bereits fraglich, ob sie überhaupt einen Schreibtisch brauchen. Regiert wird anderswo, an den Schreibtischen der Referenten, am Rednerpult, am Kabinettstisch, in der Morgenlage. Politiker arbeiten auf verschiedenen Bühnen – in der Öffentlichkeit, im Fernsehen, bei Parteitagen und Konferenzen mit Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft, aber selten an ihrem Schreibtisch. Sie lassen lesen, und selbst ihre Reden werden an anderen Tischen ausgeklügelt.
Ihr Schreibtisch hat daher vor allem einen Ausstellungscharakter. Wer sieht ihn? Fotografen, hochrangige Besucher – und Journalisten. Politiker-Schreibtische sind weniger Arbeitsplatz als nur ein weiteres Schaufenster auf dem großen Boulevard der Politik. Und jeder nützt ihn auf seine Weise, um bewusst oder unbewusst ein bestimmtes Image seiner Person in die Welt zu bringen. Klaus Harpprecht, Redenschreiber von Willy Brandt, drängte einst seinen Vorgesetzten dazu, den Adenauer-Schreibtisch aus dem Fundus des Kanzleramtes wieder ins Büro zu holen – mächtiger kann die Symbolik nicht sein. Brandt sollte sich deutlich von den Vorgängern Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger absetzen.
Der Schreibtisch zeigt, wie man gerne dargestellt sein möchte, wie man gesehen werden will. Im Zweifel also nicht unbedingt, wie man wirklich ist. Sonst wäre Roland Koch ein Schöngeist, bei der vielen Kunst, mit der er sich umgibt. „Genau das ist er nicht“, sagt sein Biograf Hajo Schumacher, der ihn auf der Kunstschau Documenta in Kassel erlebte, durch die Koch ging wie einst Kohl bei einer Betriebsbesichtigung, ohne einen Künstlernamen zu kennen. Aber vielleicht hat Roland Koch die Hoffnung, dass wenigstens die Lokalblätter mal über seine fröhlich bunte Kunst am Arbeitsplatz berichten, um die zarte, sanftmütige Seite des Ministerpräsidenten hervorzukehren, der ansonsten eher als politischer Hardliner bekannt ist.
Ganz anders Edmund Stoiber, der bayerische Ministerpräsident, dem ein einziges Buch auszureichen scheint. Er gilt ja auch als Aktenfresser – und das ist ihm, der gerne der Aufräumer des Amigo-Systems in der CSU sein will, sehr recht. Peter Struck hingegen hat sich ein Schachspiel in die Nähe geholt, der Verteidigungsminister als kühler Stratege, das Image möchte er gerne transportieren.
Man darf nur nicht darauf hereinfallen. Würde man die Politiker nach ihren Schreibtischen beurteilen, gäbe es drei Parteien: die Schausteller, die Schöngeister und die Gruppe der sachlich Fleißigen. Koch gehört dann zur selben Partei wie Schröder. Doch man sollte von der Ausstattung nicht direkt auf die Politik schließen. Denn erstaunlicherweise würden auch Joschka Fischer und Helmut Kohl als Persönlichkeiten große Ähnlichkeit aufweisen. Beide haben Souvenirs aller Art auf ihren Tischen versammelt. Einer Besucherin am Tag der offenen Tür im Auswärtigen Amt kamen bei dem Anblick von Fischers Tisch sogar Zweifel an seiner Arbeitsmoral.
Dabei hat auch Fischer damit eine ihm nützlich erscheinende Botschaft, die eindeutiger nicht sein kann, sagt der Arbeitspsychologe: Er will nicht als Akten lesender Bürokrat gelten, sondern sagen: „Schaut her, liebe Leute, wie weit ich gereist bin, wer mich alles schätzt und beschenkt. Ich bin ein Weltbürger in eurem Dienst. Das soll mir erst mal einer nachmachen.“ Abgeschaut hat er sich das bei Helmut Kohl, der mit Münzsammlung und Mineralien aller Art seine Weltläufigkeit zur Schau stellte. Er nimmt damit jedoch in Kauf, in seinem eigenen Büro eher wie ein Museumsdirektor zu wirken. „Für mich war mein Leben immer ein offenes Abenteuer, und das wird es auch bis zum Schluss bleiben“, sagt Joschka Fischer über sich. Politik als Abenteuer, als großes Staatstheater – zu dieser Begrifflichkeit passt Fischers Sammelsurium.
Finanzminister Hans Eichel treibt die Schaustellerei auf die Spitze: Seine auch von Beraterseite immer wieder erwünschte Botschaft ist klar die des Sparministers, des staatlichen Sparschweins. Der Schreibtisch als Werbeprospekt. Was von der Sparpolitik in der Realität übrig bleibt, ist mehr als offen. Doch den Besucher empfängt eine ständig wachsende Zahl von Sparschweinen auf dem Schreibtisch, sie schauen dem Besucher ins Gesicht und wenden dem Minister ihr Hinterteil zu – fraglich, wie man sich an einem solcherart dekorierten Schreibmöbel wirklich konzentrieren kann.
Franz Müntefering und Angela Merkel, beide Partei- und Fraktionschefs der Volksparteien, gehören im Parlament der Schreibtischtäter zur selben Fraktion: Nüchtern geht es auf diesen Tischen zu, Arbeitsgerät ist zu sehen, bei Müntefering macht die helle, dünne Platte einen geradezu proletarisch sparsamen Eindruck. Bei Angela Merkel stört den Arbeitspsychologen der Locher, der prominent auf dem Tisch steht. Der müsse beim nächsten Fototermin schnell verschwinden, denn Locher stehen für niedrige Verwaltungsarbeiten wie Stempeln, Lochen, Abheften. Das sollten Führungskräfte in der Politik anderen überlassen.
Was die Modernität angeht, schlägt die Union die SPD. Bei Müntefering gibt es noch nicht mal einen Computer, der bei Merkel ganz selbstverständlich integriert ist, bei Merkel-Widersacher Roland Koch sammelt sich modernste Technik in sämtlichen Variationen auf seiner Arbeitsplatte. Da ist er wieder, der moderne Managertyp der Politik. Vorbei scheinen die gemütlichen Studier-, Denk- und Schmökerstuben, wie es sie noch zu Zeiten Helmut Schmidts im Kanzleramt gab. Die Politiker der Berliner Republik lassen sich auch weniger in die Karten schauen, auf welche geistig-philosophische Person oder Denkrichtung sie sich berufen. Eine Ausnahme ist hier Angela Merkel, die sich mit einem Adenauer-Porträt von Oskar Kokoschka schmückt – und sich ganz in der Tradition Willy Brandts auf den ersten Kanzler der Republik beruft. Doch als Frau setzt sie auch noch ein weiteres Signal: Achtung, ich will mich mit den Männern messen lassen, ich bin dieser Männerwelt gewachsen. Dabei ist es umso praktischer, eine verstorbene politische Größe heranzuziehen – bei lebenden bestünde die Gefahr, dass man denkt, sie fühlt sich ihrer Aufgabe doch noch nicht ganz gewachsen. Von Merkel führt der Pfad zu Stoiber, der sich Franz Josef Strauß als Übervater ausgewählt hat, vielleicht auch dem bayerischen Größenwahn erliegend, dass Strauß zu den ganz Großen der Bundesrepublik in einer Reihe mit Adenauer gehöre. Oder wollte Stoiber im Grunde seines Herzens doch nicht Bundeskanzler werden?

Corinna Emundts schreibt als politische Korrespondentin unter anderem für die Frankfurter Rundschau. Sie ist Trägerin des Theodor-Wolff-Preises

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