Priester lehnt Zölibat ab - „Ich will kein Doppelleben führen“

In einem offenen Brief hat sich der oberfränkische Priester Stefan Hartmann an Papst Franziskus gewandt. Darin bittet der Vater einer Tochter um die Befreiung vom Zölibat

Für Priester Stefan Hartmann hat der Zölibat mit dem Glauben wenig zu tun
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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Herr Hartmann, Sie haben einen offenen Brief an den Papst geschrieben – mit der Bitte um Befreiung vom Zölibat. Warum dieser offene Weg?
Zunächst bat ich den Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick, mein Anliegen diskret weiterzuleiten. Der Bischof aber war dazu nicht bereit. Er erwartete von mir, dass ich einen Laisierungsantrag stelle. Genau das wollte ich eben nicht. Ich wollte nicht laisiert werden, also aufhören müssen. So, wie evangelische oder anglikanische Pfarrer, die zum katholischen Glauben konvertieren, auch weiterhin in der Ehe leben dürfen, so möchte ich, dass diese Möglichkeit auch katholischen Pfarrern zusteht. Die Konvertiten bekommen eine Dispens und werden „nachgeweiht“. Um meinem Anliegen den entsprechenden Nachdruck zu verleihen, blieb mir letztlich nur der Weg über die Öffentlichkeit.

Warum rütteln Sie an den Urfesten des Katholizismus? Es zwingt Sie doch niemand, zölibatär zu leben und Katholik zu sein.
Richtig, das stimmt. Ich bin da etwas voreilig gewesen. Ich habe mich selber dazu gezwungen und dann erkannt, dass das doch nicht der Weg ist, den ich durchhalten kann. Für manche ist der Zölibat eine Art Alleinstellungsmerkmal des Katholischen. Aber theologisch, dogmatisch und auch pastoral gibt es keinen Grund, warum Priester ehelos leben müssen. Der Zölibat ist mit dem Kern des Glaubens überhaupt nicht verbunden. Außerdem gibt es verheiratete Priester in griechisch-katholischen Kirchen oder die Konvertiten.

Warum lassen Sie der katholischen Kirche nicht ihre Dogmen und treten einfach aus?
Eventuell muss ich den Austritt erwägen. Ich lasse der Kirche alle Dogmen, die Dreifaltigkeit oder die Eucharistie. Der Zölibat aber ist kein Dogma. Wenn er sich nicht ändert, muss ich sehen, welche Konsequenz ich ziehe. Für mich ist klar: Ich möchte kein Doppelleben führen, ich möchte nicht so nebenher eine Freundin haben. Dagegen würde niemand was sagen, viele machen das nämlich so.

Ist das so?
Ja, natürlich, viele haben Freundinnen nebenher oder sind homosexuell und haben dann wiederum mit ganz anderen Widrigkeiten zu kämpfen. Das ist natürlich nach wie vor ein Tabuthema. Einige leben mit ihren Haushälterinnen. Ich bin kein Freund dieser Mauschelverhältnisse. Ich möchte klare Verhältnisse. Der Psychotherapeut Wunibald Müller hat unzählige Priester begleitet und auch vor Weihnachten in einem offenen Brief Papst Franziskus um Freistellung des Zölibates gebeten.

Sie schreiben in Ihrem Brief, dass der priesterliche Pflichtzölibat nicht mehr als der Wille des Herrn angesehen werden kann.
Ja, es gibt den „Glaubenssinn“ des Gottesvolkes. Was wir glauben, ist nicht nur das von oben Vorgegebene, von der Hierarchie, von Päpsten und Bischöfen, sondern auch das vom glaubenden Volk Kommende. Und dort gibt es eine Mehrheit, die nicht mehr einsieht, warum Ehelosigkeit mit dem Priestertum verbunden ist. Ich denke, da muss auch Vox populi vox Dei (Volkes Stimme ist Gottes Stimme) gelten. Die Leute haben ein Recht auf Seelsorge, auf Betreuung, Gottesdienste, Taufen und so weiter. Dafür bezahlen sie schließlich auch Kirchensteuer.

Sie berufen sich auf ein Menschenrecht auf Partnerschaft, Ehe und Familiengründung.
Ja, das ist vielleicht ein bisschen frech. Aber immer mit der Einschränkung, dass man darauf natürlich freiwillig verzichten kann. Dennoch ist es im Grunde etwas, was einer einem anderen nicht verbieten darf. Wenn ich jetzt heiraten würde, würde ich sofort entlassen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie den Zölibat nicht leben können?
1989 wurde ich Vater einer Tochter. Zu der Zeit habe ich schon sehr geschwankt, habe dann aber noch einmal versucht, zölibatär zu leben. In dieser Zeit war ich sehr von Karol Wojtyła, dem damaligen Papst Johannes Paul II., geprägt. 2007 kam für mich dann die endgültige Wende. Ich habe gemerkt, dass es nicht mein Weg ist. Das fällt in die Zeit von Joseph Ratzinger. Anfangs habe ich ihn noch begrüßt. Eine Zeit lang war ich selber eine Art Hardliner. 2007 hat er dann aber mit Rücksicht auf die fundamentalistische Piusbruderschaft erklärt, dass die evangelische Religion keine Kirche sei oder dass die Liturgie zwei Formen hat. Bei mir hatte endgültig ein Umdenken stattgefunden. Ich wurde Realist, sah die Dinge gelassener und war schließlich kurz davor, evangelisch zu werden.

Tatsächlich?
Ja. 2012. Aus Gewissensgründen, weil Ratzinger in der Moral derart harte Vorgaben machte, dass ich das nicht mehr mit meinen Gewissen vereinbaren konnte. Weil ich glaubte, gegen meinen Amtseid zu verstoßen, wenn ich solche moralischen Forderungen vertrete: wiederverheiratet Geschiedenen und homosexuellen Paaren keine Kommunion zu geben, das war alles beeidet unter Ratzinger. Jetzt haben wir einen neuen Papst, einen neuen Geist, und ich hoffe, dass sich was tut. Ich hoffe, dass ich das noch erleben kann.

Das heißt, Sie hätten unter Ratzinger keinen Brief verschickt?
Nein, das hätte keinen Sinn gehabt. Der hatte eine Priesterideologie aufgebauscht. Das war pures 19. Jahrhundert. Unter Ratzinger wurden ganz engführende, weltfremde, superfromme Ideale hochgehalten, die mit der Realität der Seelsorge überhaupt nichts mehr zu tun haben.

Sie sprechen in Ihrem Brief von einem großen Akt der Barmherzigkeit und Güte, sofern der Papst Ihr Gesuch annehmen würde.
Richtig. Ich appelliere an seine Barmherzigkeit. Ich fordere ja nicht, den Zölibat abzuschaffen, sondern erbitte eine Ausnahme. Ich versuche es taktisch so zu machen, dass ich jetzt nicht nur als der kämpferische Rebell gelte, ich fordere kein Recht, weil auf das Recht habe ich ja selber verzichtet. Ich bitte darum, davon, was ich selber versprochen habe, dispensiert zu werden. Weil ich weiterhin gerne Pfarrer bleiben möchte.

Wie sind die bisherigen Reaktionen ausgefallen?
Es gibt geteilte Reaktionen. Die Kritiker auf der konservativen Seite sagen, jetzt fängt der Hartmann schon wieder an, du hattest doch schon die Aufmerksamkeit, als du dich zu deiner Tochter bekanntest. Andere sagen, du hast angefangen, jetzt musst du es auch bis zum Ende durchziehen. Die überwiegenden Reaktionen sind sehr positiv.

Gibt es schon eine Reaktion aus dem Vatikan?
Nein. Gottes Mühlen mahlen langsam.

Das Interview führte Timo Stein

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