Postscriptum - Wahl

Wer die Wahl hat, hat die Qual: über die "Tyrannei der Freiheit" und alternativlosen Regierungsstil

Illustration von Alexander Marguier.
Illustration: Anja Stiehler

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Alexander Marguier

Vor ein paar Jahren hat die slowenische Philosophin Renata Salecl ihren Frust über „Die Tyrannei der Freiheit“ (so ­der Titel eines ihrer Bücher) mit einem Beispiel aus der Fastfood-Branche illustriert. Es ging um die Imbissläden der Firma „Subway“, in denen sich die Gäste ein Sandwich nach eigenen Vorgaben belegen lassen können und dafür die Auswahl haben zwischen etlichen Brot-, Wurst-, Käse- und Saucenvarianten. Dieses vom Grundgedanken her durchaus kundenorientierte Procedere stößt bei Renata Salecl deshalb auf Missfallen, weil sie sich unter permanenten Entscheidungsdruck gesetzt fühlt: Cheese-Oregano-Brötchen oder Vollkorn? Cheddar oder Frischkäse? Thunfisch oder Truthahn? Gewürzgurken oder rote Zwiebeln? Und dann noch die Frage, ob das Sandwich 30 oder nur 15 Zentimeter lang werden soll. Es ist wirklich zum Verzweifeln.

Die Deutschen befinden sich bekanntlich in einem „Superwahljahr“ mit drei Landtagswahlen und einer Bundestagswahl. Also eine echte Zumutung. Nun gilt in der Demokratie zwar nicht das Subway-Prinzip, weil die Parteien schon vorab festgelegt haben, mit welchen programmatischen Zutaten sie ihre politischen Sandwiches belegen. Aber das macht die ganze Sache auch nur unwesentlich einfacher: Wahl bleibt Wahl, und wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Tyrannei der Freiheit fordert ihren Tribut. Man stelle sich nur vor, wir Bürger hätten (wie in Frankreich oder den Vereinigten Staaten) auch noch in Vorwahlen über die jeweiligen Spitzenkandidaten entscheiden müssen! Da greift man doch lieber zum Stern und liest nach, wen der SPD-Chef zu seinem Nachfolger und Kanzleramtsaspiranten erkoren hat. Merkels alternativloser Regierungsstil dürfte ohnehin ganz im Sinne einer Renata Salecl gewesen sein.

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