Bücherberg
Erleben wir gerade den Anbruch der postschriftlichen Gesellschaft? / picture alliance / blickwinkel/McPHOTO/BilderBox | McPHOTO/BilderBox

Anbruch einer postschriftlichen Gesellschaft - Die schweigende Mehrheit liest nicht mehr

Durch die sozialen Medien hat sich die kulturelle Infrastruktur der Öffentlichkeit grundlegend verschoben. Gelesen werden nur noch Tweets, Posts und Kommentare. Damit verändert sich auch die Art, wie demokratische Gesellschaften denken und streiten.

Autoreninfo

Shantanu Patni studiert Osteuropa-Studien an der Freien Universität Berlin. 

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Mit Sendungen wie dem „Literarischen Quartett“, in denen Lesen zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung gemacht wurde; mit der Frankfurter Buchmesse, dem größten Treffpunkt des internationalen Buchhandels; mit einer Verlagslandschaft, die als Weltmaßstab gilt; und mit einem Feuilleton, das das Nachdenken über Literatur, Philosophie und Gesellschaft im Alltag fördert – erhebt die Bundesrepublik womöglich noch den Anspruch, eine Lesegesellschaft zu sein.

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Markus Michaelis | Di., 28. Juli 2026 - 11:53

Ja, einen Rückgang des "langsamen Lesens" gibt es wahrscheinlich und das hat auch Aspekte wie hier geschildert. Allerdings kann auch eine Flut von Kurzmeldungen eine Ergänzung sein. Auch ein Thomas Mann lebte letztlich in seiner, im Weltmaßstab begrenzten Gedankenwelt. Eine Flut von Statements auf X aus allen Weltteilen hätte glaube ich auch einen Thomas Mann dazu bewogen mehr darüber nachzudenken, dass man die Welt auch ganz anders sehen kann als im deutsch-europäischen Bildungsbürgertum.

Zum Teil geht es auch darum, mit oder ohne langsamem Lesen die prinzipiell begrenzte Auffassung von Menschen zu erkennen. Politik und Demokratie müssen auch dies irgendwie berücksichtigen.

In der anderen Richtung kommt eine zu stark reduzierte Komplexität auch aus dem Vorbild in Politik und staatstragenden Kreisen statt komplexe, widersprüchliche Abwägungen Politik immer mehr als Moral, Wahrheit, klar richtig und falsch, also eher simpel, verkauft zu haben.

Das Problem scheint mir nicht die "begrenzte Auffassung von Menschen", solange man noch andere an/erkennen will und kann.
Ein Problem ist evtl. das "Starre", das "Aussitzen", "Kleben an",
Es kann in Unverständnis münden?
Begrenzung der Wählbarkeit in hohe Ämter auf zwei Amts-Perioden.
Es gibt immer einen Weg vor uns, so wackelig der auch sein mag.
War das Emily Dickinson, die mit den Füßen voran zu ihrem Grab gefahren werden wollte, jedenfalls nach vorne im Schreiten der Pferde?
Ich finde das Gedicht jetzt nicht so schnell.
Empfehle die Dichterin sehr.
Es gibt ein Video der Bach-Arie "Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust", in dem man, evtl. mit Zug, durch eine bäuerliche Landschaft fährt.
Das habe ich gerne gesehen, als England Abschied nahm von Queen Elizabeth II.
Sie wurde durchs Land gefahren.
Möge diese Ruhe des Abschieds England Kraft geben, Herausforderungen zu meistern.
Ein paar Dinge können Adlige ganz gut?

Dorothee Sehrt-Irrek | Di., 28. Juli 2026 - 12:12

nachdem ich mich über Jahre... bemüht habe, Zeitungsartikel zu lesen und deren Kommentare, zwischen 1000 und 2000 Zeichen, sowie auf besagter Länge zu antworten....
Einen großen Vorteil zeigt der Artikel nicht auf, der aber eventuell gerade Politiker betrifft:
Die sozialen Medien, bzw. Artikellektüre ermöglichen eine ungeheure Geschwindigkeit der Aufnahme und Urteilsbildung, wenn man das denn vorher gelernt hat.
Man kann wirklich auf die Idee kommen, die Welt "vom Schreibtisch aus zu regieren".
Genau das geht eben nicht, bzw. nicht auf Dauer gut.
Es braucht auch Erfahrung.
Die evtl. etwas älteren Leser z.B. des Cicero machen mir da weniger Sorgen.
So problematisch ich manchmal Äußerungen empfinde, sie sind doch meist das Ergebnis jahrzehntelanger Beobachtungen und Erfahrungen.
Manche Leser muss man direkt anstubsen, um einmal eine Reaktion von ihnen zu bekommen.
Deshalb sehe ich auch von jeglichem "Leserbashing" ab.
Um einer KI zu gefallen, ist deren Stil evtl. aber zu persönlich?

Heidemarie Heim | Di., 28. Juli 2026 - 13:53

Denn vor Ihnen steht die stolze Preisträgerin eines in grauer Vorzeit an der Hauptschule,in noch früheren Zeiten hieß es "Volksschule" abgehaltenen "Lesewettbewerbs" geehrter Herr Patni mit dem schönen Vornamen "der welcher Glück oder Frieden bringt";). Mein Preis, das mit Widmung versehene Buch "Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv". In dessen Inhaltf sich viel um den sogenannten "Großmummerich;)" dreht, um den sich "Kämpfe" zwischen den Weissen und Roten Rosen entfachen.Was wäre die Kinderlesewelt ohne Astrid Lindgren?Das "Mein Schatz!" um es mit den Worten Gollums zu sagen etwas zerfleddert aber immer noch kostbar das Bücherregal ziert,Ehrensache;). Anspruchsvollere Literaturklassiker außer den mir aufs Auge gedrückten schwer verdaulichen "Nobelpreisträger der Literatur-Bände", deren ich mich entledigte bei Umzug 7 von 10 hatten dagegen nicht so viel Glück;)Dafür blicke ich aber tgl. auf eine im Bad hängende Plastiktüte mit Föhn u. dem Aufdruck: "Lesen gefährdet die Dummheit!" MfG

Ja, dann bin ich wohl auch so ein Relikt, liebe Frau Heim. Umgeben von Büchern, Magazinen und Zeitungen fühle ich mich am wohlsten. Als ich zuletzt an der Ostsee Urlaub gemacht habe, gab es im Hotel tatsächlich so etwas wie eine alte ehrwürdige Bibliothek, herrlich. Bei schlechtem Wetter habe ich mich stundenlang dorthin zurück gezogen....ich war die Einzige, und das Hotel war ausgebucht.
Wie dem auch sei, für mich gibt es kaum etwas schöneres, als in einem neuen Schmöker zu versinken, wobei die Vorfreude auf all die Geheimnisse und dunklen Pfade, die sich hinter dem Einband verbergen einen großen Teil dieser Freude ausmacht. Ein Buch ist wie ein Versprechen. Das Versprechen, dich in eine andere Welt zu entführen und dir Geschichten zu erzählen, dass du mit den Figuren eins wirst u. dem Alltag entfliehst. Nicht umsonst hatte ich als Kind schon den Spitznamen "Lemmi und die Schmöker" weg, eine Kindersendung im Fernsehen, die heutzutage ihresgleichen sucht, ein Juwel eigentlich..;-)

Heidemarie Heim | Mi., 29. Juli 2026 - 10:50

Antwort auf von Sabine Lehmann

In z.B. die Fantasiewelt von Nalini Singh zu Erzengeln,Vampiren,Medialen oder Gestaltwandlern;).Weiter weg geht nicht.Auch nicht vom Cicero und sehr wahrscheinlich meinen lieben Mitlesern des hiesigen Forums was deren Literaturgeschmack angeht.Bei unserem letzten Hotelaufenthalt wurde mir meine Neugier bzw. die Suche nach lesbarem fast zum Verhängnis;)Denn die Bibliothek bestand aus einer neben der Rezeption platzierten riesenhaften spanischen Vollholztruhe mit einem so schweren Deckel,dass man sich das Hanteltraining sparen konnte.Der nach dem Kraftakt des Öffnens über keinerlei Sicherungsvorrichtung verfügte für den Fall sich dieser selbstständig zu machen gedenkt während Tollkühne wie ich im Inhalt wühlen.Der Rest ist Geschichte.Nur so viel,meine Reflexe funktionieren noch erstaunlich gut für mein Alter;-)"Lesen gefährdet u.U. die Gesundheit!" LG

Walter Bühler | Di., 28. Juli 2026 - 14:34

... unsere Kultur der Aufklärung droht, größer und aktueller als die Klimakatastrophe.

Jede menschliche Kultur kann viel schneller zugrunde gehen als die irdische Natur, auch die unsrige. Bei uns stehen heute nicht nur Kirchen und Tempel leer, sondern auch wissenschaftliche Bibliotheken.

Fast alles Wissen, das wir brauchen, können wir heute im Internet mit ungeheurer Geschwindigkeit finden und für uns aktivieren, d. h. zu unserer individuellen Auswertung bereit stellen. Mühsames Suchen und "Forschen" scheint verschwunden zu sein. KI-Programme können uns sogar in vielen Fällen auch noch die Mühe der Auswertung und Anwendung abnehmen.

Aber jedes Wissen muss dennoch von Menschen angeeignet oder begriffen werden. Wenn alle faul werden, wenn niemand mehr zur individuellen Aneignung fähig ist, dann kann auch niemand mehr den Realitätsgehalt garantieren. Daher dürfen wir die mühsame Aneignung von Wissen nicht verlernen.

Bildung darf nicht zur bloßen Einbildung denaturieren.

Aber das ist sie doch längst, lieber Herr Bühler! Wenn heute fast 50% aller Jugendlichen Abitur machen u. 30% davon ein Abitur mit einer "Eins" vor dem Komma, dann sagt das doch alles. Auf der anderen Seite stehen fast 10% Jugendliche, die keinen Schulabschluß erreichen, wobei der größte Anteil aus Leuten mit Migrationshintergrund besteht.
Das heißt: Nur noch 40% der deutschen Schüler gehören zu den ganz "normalen" Durchschnittsschülern, welche an Real- und Hauptschulen bzw. Gesamtschulen ihren Abschluß machen.
Eine GRUND - BILDUNG (= solide Kenntnisse in Deutsch, Mathematik, Geschichte u. Naturwissenschaften) im eigentlichen Sinn. wie sie in Deutschland zu meiner Zeit u. noch bis in die 80er-Jahre des verg. Jhdts. bis auf Wenige alle jungen Leute erhielten, kann heute nicht einmal mehr jeder Abiturient aufweisen.
So sieht die traurige Bilanz aus.
Aber bei den Abschlußfeiern tragen dafür alle jungen Leute heute Ballkleider u.
Anzüge!
So viel zum Thema "Bildung u. Einbildung"!

Sebastian Habel | Di., 28. Juli 2026 - 15:50

Gesetze sind doch schon immer so geschrieben, dass sie niemand ohne zweites juristisches Staatsexamen versteht. Vor allem in Deutschland. Sie bestehen aus Schachtelsätzen mit doppelter Verneinung und ganze Zeilen ausfüllenden Kofferwörtern. Dazu kommen gerne Querverweise zu Dokumenten, die man als Leser zufällig gerade nicht vorliegen hat. Weil woher auch?

Es soll im Leser das Gefühl wecken, er sei zu blöd für den Kram. Irgendwann gibt man ent- oder genervt auf.

Und dann soll sich nochmal einer beschweren, dass die Leute zu den sog. Populisten laufen. Oft werden in diesem Zusammenhang einfache Lösungen mit einfacher Sprache Verwechselt. Und mit einfacher Sprache meine ich nicht "Tagesschau in einfacher Sprache", die, man verzeihe mir den aus dem Englischen entliehenen Ausdruck, heruntergedummt ist bis zum Gehtnichtmer, sodass sie für den Zuschauer eine Beleidigung seiner Intelligenz ist.
BILD und NIUS schreiben in einfacher Sprache.
Gesetze sollten genau so verständlich sein.

Jens Böhme | Di., 28. Juli 2026 - 17:40

Es gibt weitaus mehr Menschen, die im Laufe der Lebensjahre bis Fünfzig Lesen, Rechnen und Schreiben verlernen. In höheren Lebensalter (nach Fünfzig) kommen dann noch Schwerhörigkeit und nachlassende Sehkraft hinzu. Allein ein A5-Blatt mit Kuli oder Tinte zu beschreiben wird zu einem Krickelkrackeldesaster. Und ich spreche hier noch nicht von Altersrentnern.

Rolf | Di., 28. Juli 2026 - 20:34

Am Anfang steht für mich das sokratische „Scio me nihil scire“ – das Bewusstsein der eigenen Unwissenheit. Gute Bücher sind faszinierende Fenster in die Gedankenwelt anderer, egal ob es sich um Literatur wie „Der Herr der Fliegen“ oder politische Philosophie wie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ handelt. Sie fordern uns auf, tief zu reflektieren und zu verstehen, statt nur Informationen anzuhäufen.

Das Problem unserer Zeit – und zwar über alle Gruppen hinweg – scheint mir zu sein, dass bloßes Halbwissen oder das Konsumieren vorgefertigter Meinungen mit echtem Verstehen verwechselt wird. Wissen ohne Vernunft und Einordnung ist jedoch nutzlos, wenn nicht gar gefährlich. Es erzeugt jene unreflektierte Schwarz-Weiß-Malerei, die den gesellschaftlichen Diskurs zunehmend vergiftet: Man bildet sich ein, Bescheid zu wissen, und verlernt dabei das Verstehen – was letztlich auch die Qualität der aktuellen Politik und ihrer angeblichen „Lösungen“ erklärt.

Rolf Schmidt