Politsatire Eichwald, MdB - „Scheiße über Bande spielen“

Die neue ZDF-Politsatire „Eichwald, MdB“ zeigt einen alternden Bundestagsabgeordneten, der an der schönen neuen digitalen Welt und dem Berliner Politzirkus verzweifelt. Ein Relikt aus Bonner Tagen

Eichwald ist Mitte
Daniela Incoronato fürs ZDF

Autoreninfo

Philipp Daum ist Schüler an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Vorher hat er Politik, Geschichte und Jura in München und Santiago de Compostela studiert. Er schreibt für Cicero Online.

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Im vergangenen August stellte sich Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel neben einen Mitarbeiter im Eisbär-Knut-Kostüm vor die Kamera, um der Welt mitzuteilen, dass er sich nicht mit Eiswasser übergießen lassen werde, um auf die Muskelkrankheit ALS aufmerksam zu machen. Behalten Sie dieses Bild von Gabriel im Hinterkopf. Es ist wichtig, um „Eichwald, MdB“ zu verstehen.

Die neue ZDF-Politsatire erzählt aus dem Leben von Hajo Eichwald (Bernhard Schütz), graue Haare, Plauze, Wahlkreis Bochum II. Ganze 32 Sekunden dauert es, und der Grundkonflikt der Serie ist erzählt, er besteht aus einem Wort: Bornsen. Uwe Bornsen (Robert Schupp), der für einen verstorbenen Kollegen in Eichwalds Wahlkreis nachrückt und zum Hauptkonkurrenten wird. Bornsen ist „jung, dynamisch, mehr als ein Hoffnungsträger“, wie eine einflussreiche Bloggerin schreibt. Eichwald ist alt, abgebrannt und kämpft mit Twitter und der Blogosphäre.

Nicht mit Hajo Eichwald!
 

Aber so leicht lässt sich ein Hajo Eichwald, schon seit Bonner Zeiten im Bundestag, nicht ans Bein pinkeln. Ein Prestigeprojekt muss her – irgendwas mit Gesundheit vielleicht. Hajo entwickelt die Idee, „fette Weiber“ auf Burgerschachteln drucken zu lassen, um vor Fastfood zu warnen. Die Idee floppt. Also dreht der MdB schnell ein Video und deutet das Ganze zum geplanten PR-Stunt um: „Hallo, mein Name ist Hajo Eichwald und ich glaube an Sie, den mündigen Verbraucher…“

Nun könnte man, nach dieser ersten Folge, meinen: Hallo, Klischee! Politiker, die sich in der eigenen Partei in den Rücken fallen. Politiker, die alles machen, um gut auszusehen. Maßlos übertrieben.  

Wäre da nicht die Sache mit Sigmar Gabriel und dem Eisbärenkostüm.

Stefan Stuckmann, Autor der Serie, sagt, er habe sich beim Schreiben eine Frage gestellt: „Wie kommen intelligente Leute an den Punkt, über Eisbärenkostüme nachzudenken?“ Eine Antwort darauf gibt Hajo Eichwald. Denn wer genauer hinschaut, sieht: Eichwald ist nicht einfach nur ein Machtmensch, der Komplotte schmiedet oder ein Macho, der seiner Büroleiterin auf den Hintern klatscht. Eichwald ist ein Getriebener. Schon nach ein paar Minuten steckt er im ersten Shitstorm, in der ersten Viertelstunde war er zweimal beim Diktat bei der strengen Fraktionschefin, bei Minute 19:46 misst er das erste Mal seinen Blutdruck.

Autor Stuckmann wollte eine Umgebung zeigen, „wo überall Druck drauf ist.“ Das ist ihm und Regisseur Fabian Möhrke gelungen; ein einziges Detail schon zeigt es: Hajos Büro steht die ganze Serie über voller Umzugskartons – man weiß ja nie, ob der nächste Skandal der letzte wird.

Regisseur Möhrke sagt: „Es geht darum, Empathie mit Politikern zu erzeugen. Wie soll ein MdB seinen Job anständig machen? Das ist quasi unmöglich.“ Für Bernhard Schütz, der Hajo Eichwald spielt, erzählt die Serie davon, dass „das System stärker ist als man selbst. Eichwald ist kein böser Sadist, er handelt, um zu überleben. Bonn war anders. Bonn war provisorisch. Und Eichwald ist ein Bonner. Hier in Berlin kommt er unter die Räder in dieser Machtmaschine.“

Stromberg im Bundestag
 

Es gibt eine Szene, die das auf den Punkt bringt. Hajo hat gerade erfahren, dass sein Konkurrent Bornsen ins Büro nebenan zieht. Also setzt er sich mit seinem Pressesprecher Sebastian (Leon Ullrich) und seiner Büroleiterin Julia (Lucie Heinze) zusammen, um sich ein fieses Willkommensgeschenk auszudenken.

Hajo: „Du besorgst einen Karton, den größten, den du kriegen kannst und dann kackt jeder von uns rein. Schleife drum, dann kriegt der Bornsen den ins Büro. Als Warnung.“

Sebastian: „Fänd ich ne frische Idee. Hab‘ ich so noch nicht gesehen.“

Julia: „Ich find‘, das ist ne total beknackte Idee. Und nicht nur, weil ich wahrscheinlich den ganzen Tag mit dem Karton hinter euch herrennen muss.“

Sebastian: „Ach Julia, das ist doch schnell gemacht.“

Hajo: „Naja, Julia hat recht. Das ist nicht subtil genug. In Bonn konntest du so etwas noch machen, aber hier in Berlin ist die Kunst, die Scheiße über die Bande zu spielen.“

Politik war schon immer dreckig, aber wenigstens kannte man die Regeln. Und Kartons voller Kacke, das ist immerhin ehrlich, meint Schauspieler Bernhard Schütz. „Exkremente, die Verdauung, das Metabolische – das ist doch großartig, viel näher am Menschen dran. Kacke ist was, was zum Leben gehört. Hier in Berlin wird immer so getan, als ob Ratio unterwegs wäre. Aber ich glaube, dass in einem Haufen von Schwachsinn mehr Wahrheit steckt als in einem Haufen von Wahrheit.“

Wahrheit in einem Haufen von Schwachsinn – das ist es, was „Eichwald, MdB“ in den besten Momenten liefert. In schlechteren Momenten wirkt es wie eine workplace comedy, ein bisschen, als hätte man Stromberg in den Bundestag verlegt: etwa, wenn Pressesprecher Sebastian sein allabendliches Work-out-Programm veranstaltet oder Hajos Referent Berndt (Rainer Reiners) über sein Fantasy-Football-Team spricht.

Aber es gibt sie, diese großartigen kathartischen Momente, wo Satire so bitter wahr wird. Wenn nach einem langen stressigen Tag das Fass überläuft und Bernd Hajo mit der Krawatte an die Gurgel geht. Und dann neben ihnen Julia und Sebastian stehen, ganz ruhig, mit den Smartphones in der Hand – und halten drauf. Filmen mit. Weil man ja nie weiß, wann man so etwas brauchen kann.

Eichwald, MdB. Vierteilige Politsatire. Ab Donnerstag, 16. April, 22:45 Uhr auf ZDFneo und ab Freitag, 29. Mai um 23.00 Uhr im ZDF

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