Elend des spätmodernen Theaters - Alles erlaubt, nichts begriffen

Das Theater hat die Stücke und mit ihnen die Menschen abgeschafft. Projekte regieren, Ideologie herrscht. Welch ein Ärgernis!

Illustration Theater
„Die aktuelle Devise lautet heute: Solange der Gender-Gap richtig sitzt, wird noch der größte Müll brav abgenickt“ / Kati Szilagyi

Autoreninfo

Irene Bazinger ist Theaterjournalistin und lebt in Berlin. Zuletzt gab sie das Buch „Regie: Ruth Berghaus“ heraus (Rotbuch-Verlag)

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Neulich im Theater: Mein Sitznachbar, ein gestandener dramaturgischer Profi, bestens bekannt mit allen, die in der Branche etwas zu sagen haben, erzählt mir, der Intendant eines großen Hauses habe ihn gefragt, ob er nicht eine Regisseurin oder einen Regisseur kenne, die oder der sich für Stücke interessiere. Ich reagierte erstaunt – womit beschäftigen sich Regieleute denn sonst? „Na, die meisten interessieren sich heute ausschließlich für Projekte“, antwortete er, „und zwar für nichts anderes als Projekte.“ Und besagter Intendant am Rande der Verzweiflung würde sich deshalb über Rat und Empfehlungen freuen.

Wir schreiben das Jahr 2018 und können feststellen: Das deutsche Stadttheater lebt – aber offenbar, ohne dass sich noch jemand für die Werke interessiert, die es ermöglicht haben. Das Auswärtige Amt muss sich beeilen, um die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft als „immaterielles Kulturerbe“ von der Unesco anerkennen zu lassen, wie es das gerade versucht – sonst wird eine „Theaterlandschaft“ geschützt, die man eigentlich „Projektlandschaft“ nennen müsste. Sponsorengelder könnte die Baumarktkette Hornbach zuschießen, denn ihr aktueller Werbeslogan – „Sag nicht Projekt, wenn du nicht Hornbach meinst“ – ließe sich unkompliziert auf Plakaten, in Programmheften und auch in den Texten, die auf der Bühne zu hören sind, zitieren und als Beweis kultureller Selbstironie gewinnbringend einsetzen. Wen würde es schon stören, wenn das kaum in den Zusammenhang der Aufführung passt, denn da ist sowieso alles erlaubt. Wer würde es auch überhaupt bemerken, denn Texte, die man nachlesen kann, gibt es normalerweise auch nicht. Und wer würde es eigentlich hören, denn so etwas wie Sprachkultur wird inzwischen auch schon als ziemlich gestrig abgetan.

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Volker Leyendecker | Fr, 15. Juni 2018 - 19:25

Die Theaterlandschaft lebt doch nur weil es üppige Zuschüsse gibt. Die Intendanten sind doch auf das normale Publikum nicht angewiesen. Wenn ein Künstler nur mit eigenen Geld seine Vorstellungen machen müsste würden viele Künstler verhungern und schnell wieder auf den Boden der Tatsachen kommen. Fazit für die Künstler : Verzichtet auf die Förderung der Steuerzahler und Arbeitet mal für euer Wohlergehen.

Maria Fischer | Sa, 16. Juni 2018 - 09:11

Großartig beschrieben. Genauso ist es.

Alexander Mazurek | Sa, 16. Juni 2018 - 23:52

… haben wir -immerhin- den Begriff der Person zu verdanken, mit "per sonare" war früher nur ein "Durchklingen" gemeint, die Rolle des Schauspielers. Erst mit dem Christentum gewann es eine neue Bedeutung. Dem Theater haben wir aber auch den Anspruch des Absoluten zu verdanken, z.B. in Antigone, wie durch Sokrates das Gewissen, "...ich bin Euch, Brüder Athener zugetan und Freund, dem Gotte werde ich aber immer mehr gehorchen als Euch..." Wie tief sind wir nunmehr seit der "Reformation" und der "Aufklärung" gesunken?! Tiefer geht's nimmer, oder doch, "wir schaffen das", "yes, we can" - "en marche"?

Christoph Rist | Mo, 18. Juni 2018 - 14:23

Irgendwer spielt überzeugend irgendwen in einer guten Inszenierung von Irgendwem. Das Publikum schaut zu und ist trotz gewisser Distanz ins Geschehen involviert. Geistig, mitunter auch emotional. Das ist Sinn, Zweck und Ziel. Alles andere bekommt man nämlich auch vor der Glotze. Und billiger. Der Vergleich des heutigen Theaters mit einem "kreativ-innovativen" Projektmanagement trifft ganz bestimmt zu. Das allein ist zwar schon Frevel genug, doch das wirklich Schlimme ist die durch und durch aktivistische Attitüde des modernen Theaters. Da wird selbst klassischer Stoff so dermaßen verbogen, dass alle Balken brechen. Was für ein Nonsens, was für ein Müll wird an den deutschen Theatern in der Mehrzahl aufgeführt? Wenn ich Theater sehen will, gehe ich überall hin (Arbeit, Öffentliche Verkehrsmittel, größere Familienzusammenkünfte) aber ganz bestimmt nicht in ein deutsches Theater. Es darf eben nicht Besserungsanstalt/Umerziehungslager/Mitmach-Adventure sein, nicht dem Mainstream huldigen..

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