500 wichtigste Intellektuelle - „Peter Sloterdijk ist ein Influencer alter Schule“

Peter Sloterdijk ist Deutschlands wichtigster Intellektueller. Das hat das neue Ranking des Cicero ergeben. In seiner Heimatstadt Karlsruhe ist man stolz auf den großen „Universalgeist“. Welchen Anteil hat die Stadt an seinem Erfolg? Fragen an Oberbürgermeister Frank Mentrup

Baden-Württemberg, Karlsruhe: Das Karlsruher Schloss spiegelt sich in einer Glaskugel wider, die im Vordergrund auf der Wasserfläche einer Grünanlage liegt.
Ein gutes Pflaster, um seinen eigenen Weg zu finden: Karlsruhe, die Heimatstadt von Peter Sloterdijk / picture alliance

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Herr Mentrup, warum gehört Peter Sloterdijk für Sie zu den wichtigsten Intellektuellen? Ist er verdient auf Platz eins?
Ich gratuliere ihm dazu sehr herzlich und auch ganz persönlich! Peter Sloterdijk ist ein markanter Denker, der Position bezieht und den Widerspruch nicht scheut. Sowohl seine Inhalte, die Art, wie er sie als Person vertritt, ja geradezu verkörpert, und nicht zuletzt seine schonungslosen Formulierungen in den gesellschaftspolitischen Analysen machen ihn für die Medien und die Öffentlichkeit hoch interessant. Peter Sloterdijk nimmt in der Liste den Rang ein, der ihm gebührt. Wenn Sie so wollen, ist er ein Influencer alter Schule – aber eben nicht, um sich ihm massenkonform anzuschließen, sondern um die eigene Hirngrütze zum Schwingen zu bringen.

Was fasziniert Sie an seinen geäußerten Gedanken besonders?
Peter Sloterdijk ist als Philosoph ein Universalgeist: Sein Wissen über die Geistes- und Kulturgeschichte und seine Fähigkeit zum Überblick über die Komplexität der Gegenwart sind einzigartig. Er bewegt sich auf dem Gebiet historischer Fragen mit der gleichen Sicherheit wie im aktuellen Politikgeschehen, in der gesellschaftlichen Analyse ebenso wie im weiten Feld der Wissenschaften. Und alles verbindet er mit einem philosophischen Netz, das sich dann an der Aktualität der Lebensumstände und Ereignisse orientiert. Sein Denken findet nicht in einem philosophischen Wolkenkuckucksheim statt, sondern als lebensbezogenes Sezieren, Durchdenken und Durchdringen der Verhältnisse.

Was mich beeindruckt, ist seine Fähigkeit, die Erkenntnisse auf wenige Aussagen zu reduzieren, die, oft eine ungewohnte bis unerwartete Perspektive einnehmend, in sprachlicher Auskleidung und Zuspitzung gegen den (Sprach-)Strom das zeitgeistliche Denken erschüttern oder gar sprengen – und gleichzeitig bietet er eine Conclusio an, die alle an der Diskussion Beteiligten zu einer neuen Ausrichtung einlädt. Allerdings auf höherem Niveau und ohne eine erleichternde Schwarz-Weiß-Simplifizierung. 

Treffen Sie sich denn ab und an mit ihm, um ein bisschen zu philosophieren? Worum geht es dann?
Aus Anlass seines 70. Geburtstags haben wir in Karlsruhe ein großes Symposium ausgerichtet, zu dem viele seiner wissenschaftlichen Weggefährten eingeladen waren. Die haben gut gemeinsam philosophiert, und mich als Zeitzeugen hat es erfreut und bereichert. An ihn kam aber niemand heran, und so konnte er sich umso leichter erstmals öffentlich auch von einer emotional gerührten Seite zeigen. Im Übrigen ist es nicht einfach, ihn in Karlsruhe zu treffen, Peter Sloterdijk ist viel in der Welt unterwegs. 

Inwieweit hat Karlsruhe vielleicht Einfluss auf ihn genommen?
Sicherlich nimmt jeder Ort des Geborenwerdens, Aufwachsens, Reifens und Lebens auf die Entwicklung eines Menschen Einfluss – so auch Karlsruhe auf die Menschwerdung Peter Sloterdijks. Er selbst könnte dazu sicherlich selbst mehr sagen, prägt doch auch die Zeitgeschichte der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts den biographischen Hintergrund dieses Karlsruhers. Der Philosoph und Freigeist Sloterdijk ist von Karlsruhe allerdings nicht in einer Richtung geleitet worden.

Denn Karlsruhe ist geprägt von badischer Lebensart und Gelassenheit und damit vor allem von einem Lebensgefühl, das keinen Wettbewerb anheizt und gleichzeitig ein Lebensumfeld schafft, das sehr offen und neugierig auf neue Gedanken und Ideen reagiert. Die Kreativität entsteht hier nicht im hektischen Wettbewerb gleichartig Kreativer um den aktuellen Champion, sondern im unaufgeregten Sicheinlassenkönnen auf neue Ideen. In Karlsruhe lässt es sich ohne Leistungszwang denken und entwickeln. Und in Karlsruhe bleibt jeder weiterhin in diesem Lebensgefühl geerdet, auch wenn er mit seiner Idee Weltspitze ist. Peter Sloterdijk bleibt in seiner Geburtsstadt immer in erster Linie Karlsruher Bürger.

Frank Mentrup
Frank Mentrup / picture alliance

Ist Karlsruhe demnach so etwas wie das badische Königsberg, wo der Philosoph Immanuel Kant einst wirkte?
Solche Vergleiche hinken immer, würden sie doch den zeithistorischen Bezug negieren. Aber es fällt schon auf, welche Dichte an herausragenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Musik, Justiz und Wirtschaft sich in Karlsruhe entwickelt hat. Der in der Cicero-Rangliste aufgeführte Peter Weibel als Kopf des Zentrums für Kunst und Medien lebt hier und hat von hier aus seine Weltbedeutung erlangt. Die ebenfalls gelistete Sasha Waltz stammt von hier, sowie Wolfgang Rihm als bedeutendster deutscher Komponist der Gegenwart. In der Vergangenheit hat Karlsruhe Erfinderpersönlichkeiten wie Carl Benz und Karl Freiherr von Drais geprägt. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass Heinrich Hertz die elektromagnetischen Wellen gerade hier nachweisen konnte. Freiräume zu nutzen in einer jungen Stadt, die immer schon die Lösungen im morgen und übermorgen gesucht hat, das schafft eine inspirierende Atmosphäre für Neues. Mit Weimar sind wir schon verglichen worden, mit Athen, jetzt mit Königsberg – das passt letztlich und wieder nicht. Dazu ist jede dieser Stätten in ihrer Zeit zu einzigartig und unvergleichlich.

Peter Sloterdijk gilt auch als Non-Konformist. Lernt man das ausgerechnet in Karlsruhe?
Ausgerechnet in Karlsruhe? Die Frage unterstellt, dass eine solche Entwicklung in Karlsruhe nicht zu erwarten ist. Hier muss ich dann doch vehement widersprechen. Um es, kurz zusammengefasst, zu wiederholen: Karlsruhe ist offenbar ein gutes Pflaster, den eigenen Weg zu finden und in ihm zu wachsen.

Wo trifft man Peter Sloterdijk in Karlsruhe denn besonders häufig an?
Er war immer wieder in einem bestimmten italienischen Restaurant anzutreffen, in der Regel in einer Tischrunde mit seinen Freunden Wolfgang Rihm und Peter Weibel. Gelegentlich traf man den leidenschaftlichen Radfahrer auch auf seinem Fahrrad an. Zu seinen Hochschulzeiten war er bei seinen in der Stadt sehr beliebten öffentlichen Vorlesungen zu erleben. 

Haben Sie noch Pläne mit Peter Sloterdijk – oder er mit Ihnen?
Karlsruhe schätzt sich glücklich, dass er zu Karlsruhe gehört. Konkrete Pläne aber haben wir gerade nicht miteinander, er weiß aber, dass diese Stadt und ihr Oberbürgermeister immer offen für neue Ideen sind. Wir hatten dazu vor einigen Jahren auch schon einen intensiven Austausch. 

Karlsruhe ist allerdings eben geprägt von einem „leben und leben lassen“ – das macht ja unseren Charme und die Chancen bei uns aus. Und wir dürfen diese Freiräume nie einengen oder uns etwa in unserem Selbstverständnis auf einen großen Sohn reduzieren lassen. Wir neigen eben nicht zur Heldenverehrung, wir schauen schon wieder neugierig nach vorne. Der nächste Sloterdijk, der nächste Rihm, der nächste Benz oder die nächste Waltz wachsen sicherlich schon heran, wir kennen sie vielleicht schon, ohne es zu wissen.
 

Ernst-Günther Konrad | Mi, 20. Februar 2019 - 17:04

Ja, ich mag ihn, ja er regt zum Denken an, ja er ist verdient auf Platz 1. Leider gehört er nicht zum Pflichtkurs unserer politisch Verantwortlichen. Es würde der Gesellschaft gut tun, sich mit seiner Art des Denkens und des Verknüpfens auseinanderzusetzen und zu versuchen, ihn vollumfänglich zu verstehen. Aber viele sind so sehr mit ihrem eigenen EGO beschäftigt, dass ihnen der größere Weitblick verborgen bleibt. Ich persönlich würde mir wieder eine Philosphenrunde wenigstens einmal im Monat wünschen. So freigeistig wie er argumentiert, sollte es mich nicht wundern, wenn die Politik bei mancher Aussage von ihm eine ablehnende Haltung einnehmen wird. Das Interview war sehr informativ. Nur die Welt wird leider nicht viel lernen oder ihn erst zitieren, wenn er der Vergangenheit angehört, weil einige ihn eben auch nicht verstehen wollen oder können.

Hallo Herr Gimmler, ich gebe Ihnen da durchaus recht. Als dieses Ranking angekündigt wurde, war ich ähnlich skeptisch wie Sie und habe das auch hier kommentiert. Nur, wenn sich Cicero darauf einläßt, kann man das Ergebnis dennoch gut finden, auch wenn ich die Art und Weise nicht gut finde und auch die Gründe skeptisch sehe. Aber das ist für mich Freiheit und Demokratie. Jeder darf für oder gegen etwas sein, einen Teil gelungen oder weniger gelungen finden. Hoffentlich dürfen wir noch ganz lange hier störungsfrei kommentieren, ohne das einer von uns beiden Repräsalien fürchten muss.

gabriele bondzio | Do, 21. Februar 2019 - 10:03

Sloterdijk sehe ich in jeder Denkerrunde vertreten, mit pointierten Gedanken, spitz zugefeilten Fragen. Mit seiner umfänglich- untersetzten Kritik an der Flüchtlingspolitik von Merkel, entfachte er heftige Debatten.
Mit seinem Gedanken: "Philosophen sind heute nicht mehr die zurückgezogenen, vor sich hin denkenden Schreibenden, sondern so jemand wie Sie, der mit seinen Thesen, seinen Meinungen zu Politik und Gentechnologie an die Öffentlichkeit geht und dadurch wahrgenommen wird." Aber er steht mit seinen scharfen gesellsch. Analysen (gemeinsam mit Safranski) sehr einsam da. Denkarbeit an vorhandenen Konflikten ist nur in eine Richtung erlaubt. Er sagt ja auch:"Anstatt sich an den Denkmustern und Werten der Eltern zu orientieren, folgten die "Kinder der Neuzeit" Moden und flüchtigen Trends. Das wir wir in einem von der Realwirtschaft fast abgekoppelten und von Logik weitgehend befreiten Finanzsystem leben, dass Politik mehr repariert denn gestaltet." Wie wahr!

Alexander Mazurek | Do, 21. Februar 2019 - 21:07

Für mich ist Peter Sloterdijk nur ein zeitgeistkonformer Philosophant.

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