Péter Nádas als Fotograf - Die Aura des Gewöhnlichen

Als Reporter begann Péter Nádas seine fotografische Laufbahn. Später verrätselte er die Welt im Lichtbild

Schriftsteller Péter Nádas, Fotojournalist
(Barna Burger) Der Schriftsteller Péter Nádas begann seine Karriere als Fotojournalist

Veranstaltungstip: Péter Nádas im Cicero-Foyergespräch am 18. März 2012

Literatur und Fotografie funktionieren ganz ähnlich: Sie können der Wirklichkeit nahe kommen oder Geheimnisse herstellen, Gegenstände konturieren oder verschleiern. Selten nur sind Schriftsteller aber auch Fotografen. Und wenn sie es sind, dann dient ihnen die Kamera zumeist bloß als Mittel zum Zweck. Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth («Atlas der Stille», Brandstätter 2007) etwa hat stets den beiläufigen und kunstlosen Charakter seiner Fotografie betont.

Er habe fotografiert, um nichts aufschreiben zu müssen und um die «Energie festzuhalten, die mit einer Wahrnehmung verbunden war.» Die Fotografie ist hier eine Vorstufe zur Literatur, so wie die Skizze dem Maler bei der Ausarbeitung eines Gemäldes dient.

Arno Schmidt («Arno Schmidt als Fotograf», Hatje Cantz 2011) fotografierte die Schauplätze geplanter Erzählungen, vor allem aber die unmittelbare Umgebung seines Wohnortes Bargfeld. Auch seine Aufnahmen waren Arbeitsstudien, die erst post mortem zu einer eigenständigen Kunstform erklärt, veröffentlicht und ausgestellt wurden.

[gallery:Das Universum des Péter Nádas]

Der Lyriker Rolf Dieter Brinkmann hat Text-Bild-Collagen zusammengestellt («Erkundungen für die Präzisierung eines Gefühls» oder «Rom, Blicke», beide vergriffen), in denen die eigenen Bilder solchen gegenüberstanden, die der Autor aus Zeitungen herausgerissen hatte – hier spielte allein die Kombination des Materials die Bedeutung des Fotografen Brinkmann herunter.

Péter Nádas gehört nicht in diese Reihe von Autodidakten, denn er hat die Fotografie als Handwerk erlernt und als Bildreporter für ein ungarisches Magazin seinen Lebensunterhalt verdient, noch bevor er in den sechziger Jahren zum Schriftsteller wurde. Der Berufswechsel veränderte den Charakter seiner Fotografie grundlegend. Die Schwarz-Weiß-Bilder, die Nádas als Fotojournalist geschossen hatte, dokumentierten auf kunstvoll komponierte Weise den Alltag im bäuerlichen Ungarn der sechziger Jahre. Wo zuvor Menschen, Tiere und Landschaften gewesen waren, zog sich die Welt für den Schriftsteller aber nun auf seine unmittelbare Umgebung zusammen.

Als er ganze zwei Jahre auf seinem Bett lag, um im Kopf die Bilder zu seinem «Buch der Erinnerungen» zu entwickeln, muss sich der Blick in ungeheurer Intensität in das Nächstliegende gebohrt haben. In seiner Wohnung fotografierte er Schattenspiele auf der Wand, den transparenten Vorhang oder das halb geöffnete Fenster – die Gegenstände verlieren darüber ihre Konturen und gewinnen ein Geheimnis, das durch die nun hinzugekommene Farbe noch verstärkt wird.

Als ihn ein Herzinfarkt vor zwanzig Jahren noch einmal, und nun unfreiwillig, ans Bett fesselte, lichtete Nádas, oft mehrmals an einem Tag, den Baum ab, den er durch sein Fenster sehen konnte – dieser Baum, wurde ihm in seinen kaum merklichen Veränderungen zur Projektionsfläche der Nahtoderfahrung («Der eigene Tod», Steidl 2002). An der Grenze der eigenen Existenz verrätselte sich für Nádas die in Auflösung begriffene Welt. Für solche Aufnahmen gilt wohl, was der Großmeister der ungarischen Fotografie, László Moholy-Nagy, einmal über die Bilder Man Rays gesagt hat: «Ihm lag sichtlich daran, das Rätselhafte, Unheimliche, Unalltägliche des Alltäglichen zu ergründen, für das Gewöhnliche eine Aura zu schaffen, mit dem bisher Unmerkbaren das Unsichtbare ins Bewusstsein zu bringen.»

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