Péter Esterházy: „Esti” - Im Labyrinth der Literatur

Péter Esterházy lässt die Postmoderne ziemlich lustig noch einmal aufleben

Ein intellektuelles Vexierspiel, ein großes Lesevergnügen, ein literarisches Labyrinth: „Esti” von Esterházy.
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Doering, Sabine

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Dieses Buch, so scheint es zunächst, ist eine Frechheit, eine Zumutung für seine Leser. Péter Esterházy, der große ungarische Fabulierer, entwirft hier ein komplexes literarisches Verwirrspiel, vor dem man entweder hilflos kapitulieren muss – oder das man neugierig wie ein Labyrinth erkunden kann. Dann freilich gelangt man auf verschlungenen Wegen zu manchen Überraschungen. Die Verwirrung beginnt schon auf dem Buchumschlag. Der schlichte Titel dieses Nicht-Romans, „Esti“, klingt nach einer liebevollen Verballhornung des Verfassernamens. Doch die Verhältnisse sind komplizierter, Kornél Esti ist nämlich kein Unbekannter in der ungarischen Literatur. Der Dichter Dezső Kosztolányi (1885–1936) erfand mit dieser Figur einen liebenswürdigen Bohemien, einen literarischen Vetter von Felix Krull, den er als menschenfreundlichen Flaneur durch das Ungarn und verschiedene europäische Großstädte seiner Zeit führte. Ungarischen Lesern sind die Abenteuer des Kornél Esti noch heute gut bekannt.

Schriftsteller Esterházy (picture alliance)

Nun aber schlüpft der 1950 geborene Péter Esterházy als Erzähler selbst in die Haut dieses literarischen Vorgängers, und das ist sogar ganz wörtlich zu verstehen: „Die Wahrheit ist, dass Kornél Esti im Krankenhaus vertauscht wurde.“ Der Verweis auf die illustre Familiengeschichte der Esterházys legt nahe, dies nicht als Verlust zu betrachten: „Und du hättest auch schlechter abschneiden können, du bist der Erstgeborene in einer First-Class-Hochadelsfamilie, halb Ungarn gehört dir…“ Der aristokratische Großgrundbesitz ist diesem modernen Esti allerdings völlig egal; statt dessen wechselt er wie Proteus immer wieder seine Identität, wird in den zahlreichen, oft sehr kurzen Kapiteln des Buches zum kleinen Kind und dann wieder zum alten Mann, wandelt sich in eine attraktive Studentin, in die eigene Mutter, die Jungfrau Maria oder gar einen Hund, der brutal getötet wird.

Bei so viel Gestaltwandel fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Aber wichtiger als erzählerische Stringenz ist bei diesem Buch ohnehin das fortwährende Spiel mit literarischen Formen, das Péter Esterházy hier noch radikaler vorantreibt als in seinen vorausgehenden Romanen. Das Bekenntnis zum Fragment gehört zu seinen poetologischen Grundaussagen. Als gebildeter Romancier kennt Esterházy natürlich die Theoretiker der Postmoderne und kann klug von ihren Axiomen, dem Ende der großen sinnstiftenden Erzählungen und den Freuden der Intertextualität berichten. Doch was im Munde von Literaturtheoretikern schnell zu gewichtiger und bedrückender Abstraktion anschwellen kann, bekommt hier eine wunderbare Leichtigkeit: Postmoderne als Lesefreude, das hätte man heutzutage, wo allenthalben wieder große historische Romane entstehen, kaum noch erwartet.

Immer wieder bringt Esterházy verschiedene Erzählwelten durcheinander und verzwirbelt nur zu gern das von ihm beschworene „Möbiusband der Moderne“. Mal trifft sein ungarischer Esti auf den von Jorge Luis Borges erfundenen Pierre Menard, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den „Don Quixote“ des Cervantes Wort für Wort, Satz für Satz nachzuschreiben. Dann wieder mutiert er zu einem Nachfahren von Kafkas Gregor Samsa, der sich beim morgendlichen Aufwachen hier nun aber nicht in ein Insekt, sondern in ein Gemälde verwandelt sieht – nur schade, dass er selbst so schlecht erkennen kann, was es darstellt. Schließlich besteht Esti verschiedene Liebesabenteuer, mit Männern, mit Frauen und besonders häufig mit einer etwas anstrengenden „Baroness“. Stets dominiert die Sicht des urbanen Europäers, der sich, in Ungarn lebend, als Teilhaber eines großen Kulturraums versteht.

Péter Esterházy: Esti (Hanser)Die Lust am Erfundenen, an der eigenen und fremden Fiktion ist für Péter Esterházy mehr als eine intellektuelle Fingerübung. Vielmehr beschwört er immer wieder die Schöpfungskraft der Literatur, die in unserer säkularen Welt geradezu metaphysische Qualitäten erhält und, wenn schon keine Erlösung, so doch immerhin eine besondere Form der Unsterblichkeit verleihen kann: „Ich schreibe ein Wort nieder und die Welt verändert sich!“ Der Glaube an die Kraft der Literatur – „Schreiben ist nicht Erinnern an die Welt, sondern selbst die Welt“ – begründet auch den großen Respekt dieses Autors für die Sprache. Sein Loblied auf das Semikolon als das vornehmste, weil literarischste aller Satzzeichen wird zu einer kleinen Stilkunde und bietet sogar die Grundlage für einen Charaktertest: „Ich wäre enttäuscht, würden die Freunde meiner Freunde (…) es nicht verwenden.“

Die Übersetzerin Heike Flemming jedenfalls hält dieser Prüfung mühelos stand; souverän hat sie die verschiedenen Sprach- und Stilebenen des komplexen Werks in ein elegantes Deutsch gebracht. So wird aus der Zumutung dieses auf den ersten Blick chaotischen Buches am Ende dann doch ein großes Lesevergnügen, ein Bekenntnis zur lebensstiftenden, tröstenden Kraft der Literatur.

Péter Esterházy: Esti. Roman. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. Hanser Berlin, München 2013. 365 S., 24,90 €

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