Papst Benedikt wird 86 Jahre alt - Avantgardist der Stille

Sein Leben lang spürte Josef Ratzinger der Stille nach. In einer Welt der Alphatiere, des pausenlosen Geredes und der Bilderfluten - auch seinen 86. Geburtstag wird er in diesem Sinne verbringen.

Papst Benedikt, Josef Ratzinger, einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn.
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Ganz in der Stille feiert der Mensch, der einmal Papst Benedikt XVI. gewesen ist, heute seinen 86. Geburtstag. Kein Bild wird er uns liefern, kein einziges Wort. Joseph Ratzingers vorletzte Etappe hat ihn in jenes Reich der Stille geführt, dem er ein Leben lang nachspürte. Vielleicht wird es einst nicht die Versöhnung von Vernunft und Religion sein, mit der man dieses Pontifikat verbindet, vielleicht nicht der Ruf nach einer Entweltlichung der Kirche oder die Warnung vor einer Diktatur des Relativismus. Vielleicht wird man dieser radikalen Selbstverpuppung des Menschen Joseph Ratzinger den größten Respekt zollen. Denn kaum etwas muss heute stärker erkämpft werden als das Recht auf Stille und Rückzug. Lärm versteht sich von selbst.

Wir leben in einer Welt der Alphatiere, des pausenlosen Geredes und der Bilderfluten. Nicht mitzumachen, ist verboten. Auch Benedikts Nachfolger kennt die Gefahren des Betriebs, die, ins Theologische gewendet, Versuchungen sind. Papst Franziskus nannte das Geschwätz vor wenigen Tagen eine „Versuchung des Teufels“. Das Geschwätz sei der größte Feind der Sanftmut. Auch in dem soeben auf Deutsch erschienenen Gesprächsband „Mein Leben, mein Weg“ kritisiert Jorge Maria Bergoglio scharf die überflüssigen Worte, die allein der „Oberflächlichkeit, Banalität, Zeitverschwendung“ dienten. „Könnten wir“, fragt er, „aufmerksamer sein, was wir sagen oder nicht sagen – insbesondere wir, deren Mission es ist, zu lehren, zu sprechen, zu kommunizieren?“ [[nid:54195]]

Joseph Ratzinger versteht diese Frage sehr gut. Schon als Erzbischof von München und Freising geißelte er die „geistige Umweltverschmutzung“ der Plapperer und der Dauerengagierten. Ihr gelte es entgegen zu wirken durch den „Mut zum Ungetanen“, zum bewussten Nicht-Tun, wo alle Welt Aktion und Dynamik verlangt. Wer auf Gott höre, halte die Wurzeln seines Seins „in die fruchtbare Stille Gottes hinein.“ Gerade wenn etwas keinen Aufschub zu vertragen scheint, zeichne sich die richtige Lösung in der Pause ab, im Schweigen. Aktionismus hilft nie weiter, nicht in der Kirche und erst recht nicht in der Welt.

Der emeritierte Pontifex lebt heute in Castelgandolfo, schwach und schwächer werdend, aber freiwillig in einer Atmosphäre, die er oft so sehnsuchtsvoll ausdrückte, am schönsten in der Kartause Serra San Bruno in Kalabrien. Dort, bei den schweigenden Mönchen des heiligen Bruno, schwärmte der Papst des Wortes im Oktober 2011 von der Stille: „Wenn sich der Mensch in die Stille und Einsamkeit zurückzieht, setzt er sich in seiner Nacktheit sozusagen der Wirklichkeit (…) aus, um die Anwesenheit Gottes, die Fülle der realsten Wirklichkeit, die es geben kann und die jede sinnlich wahrnehmbare Dimension übersteigt, zu erleben. Eine Anwesenheit, die in jedem Geschöpf wahrnehmbar ist: in der Luft, die wir einatmen, im Licht, das wir sehen und das uns wärmt, im Gras, in den Steinen…“ Benedikt wusste: Alles Große wird in der Stille geboren.

Im Leitwort zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel 2011 forderte er, was nun auch Papst Franziskus umtreibt, ein „Ökosystem, das Stille, Wort, Bilder und Töne ins Gleichgewicht zu bringen weiß“. Die Stille sei kostbar, „um das nötige Unterscheidungsvermögen zu fördern im Hinblick auf die vielen Umweltreize und die vielen Antworten, die wir erhalten“. Der Mensch werde von zahllosen „Antworten auf Fragen bombardiert, die er sich nie gestellt hat, und auf Bedürfnisse, die er nicht empfindet“. Innehalten im Angesicht der Zerstreuungsindustrie sei das Gebot der Stunde. Ist es nicht in der Tat befremdlich, dass selbst mancher Umweltschützer von lautstarker Hysterie getrieben ist?

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Das ganzheitliche Ökosystem hingegen, das Benedikt XVI. vorschwebte, soll eine „Erziehung zur Stille und zur Innerlichkeit“ umfassen. Die Stille ist auch jener Ort, an dem die knappste Ressource unserer Zeit wachsen kann, die Hoffnung. Die Abkehr vom allzu leicht hoffnungs- und atemlosen, gehetzten Blick auf die Welt verlangt den Mut, Stille zuzulassen, Stille auszuhalten, die Stille zu suchen und so den inneren Menschen wachsen zu lassen. Die Stille kann den Suchenden dann mit einer Zuversicht belohnen, wie sie Benedikt einst formulierte: „Das Gute siegt. Auch wenn es manchmal von Unterdrückung und Schläue besiegt zu sein scheint, wirkt es in Wahrheit dennoch im Stillen und Verborgenen weiter und trägt auf lange Sicht Früchte.“

Zudem ist dieser päpstliche Rückzug - mehr Stille wagen! - ein flammendes Plädoyer für die Gleichberechtigung des introvertierten Lebensstils. Heute, hat unlängst Susan H. Cain in ihrem Buch „Still“ dargelegt, leben wir in einem „Wertesystem, das vom Ideal der Extraversion geprägt ist“. Der archetypische Extravertierte handele lieber als nachzudenken, sei eher risikofreudig als fürsorglich und ziehe Gewissheit dem Zweifel vor. Das Gegenbild, die Introversion, gelte „zusammen mit ihren Attributen der Empfindsamkeit, Ernsthaftigkeit und Schüchternheit als Persönlichkeitsmerkmal zweiter Klasse, das irgendwo zwischen enttäuschenden und pathologischen Merkmalen angesiedelt ist.“ Mehr noch, „heutzutage glauben wir, extravertierter zu werden mache uns nicht nur erfolgreicher– es mache uns auch zu besseren Menschen“. Wer schweigt, gilt als bockig, wer keine Witze macht, muss sich rechtfertigen. Bedächtigkeit wird zur Charakterschwäche.[[nid:54195]]

Benedikt XVI. glaubte all das nicht. Er, der introvertierte Denker, gab nichts auf Applaus und Rampenlicht. Er zog den guten Gedanken der guten Laune vor, sah Heil oder Unheil, Gewinn oder Verlust ausschließlich im inneren Menschen verbürgt. Die Welt, ahnte er, wird nie ein besserer Ort, wenn wir nicht alle inwendig bessere Menschen werden. Und Gerechtigkeit, ahnte er ebenfalls, stellt sich nicht dann ein, wenn der Staat soziale Gerechtigkeit zuteilt, sondern wenn es auf der Welt mehr Gerechte gibt.

Vielleicht liegt darin der größte Freiheitsdienst dieses Pontifikats: Benedikt XVI. zeigte, dass es ein Menschenrecht auf Stille gibt, auf das eigene Tempo und auf das eigene Gewissen. Die Masse verstand ihn nicht, sie eilte, hetzte weiter.

 

Von Alexander Kissler ist soeben erschienen: „Papst im Widerspruch. Benedikt XVI. und seine Kirche 2005-2013“ (Pattloch).

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