Pädophilie-Debatte - „In der Gesellschaft herrscht ein Jugendkult“

Die Pädophilie-Debatte geht vor allem mit einer Rückkehr eines falschen Moral-Begriffs einher, ist der Medizinhistoriker Florian Mildenberger überzeugt. Ein Gespräch über den Fall Sebastian Edathy, über politische Doppelmoral und Pornos

Die Pädophilie-Debatte im Zuge der Edathy-Affäre lässt die Moral wieder aufleben
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Autoreninfo

Philipp Rhensius ist Journalist und Soziologe. Er schreibt vor allem über soziologische und politische Themen sowie über Musik, Theater und die Politik des Alltags. Seine Texte erscheinen u.a. in der taz, SPEX und auf Spiegel Online.

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[[{"fid":"61194","view_mode":"full","type":"media","attributes":{"height":345,"width":230,"style":"width: 100px; height: 150px; float: left; margin: 5px 10px;","class":"media-element file-full"}}]]Florian Mildenberger ist deutscher Medizinhistoriker und seit 2011 außerordentlicher Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Neben wissenschafts- und medizinhistorischen Studien veröffentlichte er eine Studie über das Leben des pädosexuellen Aktivisten Peter Schult.

 

 

Cicero Online: Herr Mildenberger, Sie haben ein Buch über Pädophilie im öffentlichen Diskurs geschrieben. Verfolgen Sie die Edathy-Affäre?
Florian Mildenberger: Ja, und dazu fällt mir vor allem eins ein: Herr Edathy hätte es eigentlich einfacher haben können. Anstatt solche Fotos zu bestellen und dafür auch noch Geld auszugeben, hätte er in die Neue Nationalgalerie gehen und sich die Bilder von den ringenden Knaben anschauen können, die dort in zwei mal vier Metern an einer Leinwand hängen.

Nach dem Strafrecht sind Fotos von nackten Kindern erst dann strafbar, wenn sie „geschlechtsbetonte Posen“ (Anm. der Red.: juristische Kategorie 1) einnehmen. Dies war auf den von Edathy bestellten Bildern nicht der Fall (Kategorie 2), weshalb ihm rein strafrechtlich nichts vorzuwerfen wäre. In der aktuellen Debatte ist daher vor allem eine Renaissance der Moral erkennbar.
Eine der großen Errungenschaften der Säkularisierung war, dass der Begriff der Moral aus dem Diskurs herausfliegt. Dass er heute wieder zurückkommt, liegt auch daran, dass diejenigen, die diesen Begriff bekämpft haben, also die Frauen- und die Homosexuellenbewegungen in ihren Home-Ehen-Paradiesen gefangen sind. Sie glauben, sie haben alles erreicht und sagen nichts mehr dazu.  

Was folgt daraus?
Ich sehe in der Rückkehr der Moral vor allem eine Gefahr. Denn Moral ist überkommen und hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. Denn wenn diese Moral irgendwas bedeuten würde, müsste man auch weitergehen und sagen: Was sind etwa die Ursachen von Kinderprostitution?    

Viele sehen diese vor allem in der heutigen Allgegenwart von Sexualität im Alltag.
Außerdem herrscht in unserer Gesellschaft ein Jugendkult ohne gleichen. Alles Jugendliche wird überhöht. Aber offensichtlich muss es asexuell sein, so wie etwa die arischen Heldengestalten im Dritten Reich. Ich war mal im Rahmen eines Forschungsprojekts auf der Pornomesse Venus. Die Menschen dort haben sich fast alle so jugendlich wie möglich, ja fast schon kindlich verhalten. Und das völlig legal.

Ein Buch wie Thomas Manns „Der Tod in Venedig“, in der es um die platonische Liebe eines alten Mannes zu einem kleinen Jungen geht, würde heute vermutlich eine heftige Kontroverse auslösen. Wie wurde das Buch damals rezipiert?
Es war damals ein Skandal. Denn es war die Zeit der totalen Pathologisierung, in der jegliches sexuelle Begehren sofort als krankhaft galt. Außerdem sprach man über solche Themen so gut wie gar nicht. Auch die sexuelle Emanzipation war wenig fortgeschritten und Homosexualität wurde skandalisiert. Daher lässt es sich mit heute nur schwer vergleichen. Es war auch die Zeit eines sehr starken Obrigkeitsstaates.

Heute scheint das Bedürfnis nach einem solchen Obrigkeitsstaat wieder gewachsen zu sein. Dies zeigen vor allem die archaischen Bestrafungsreflexe. Der Bundesjustizminister Heiko Maas hat vorgeschlagen, künftig den gewerbsmäßigen Handel von Nacktbildern von Kindern grundsätzlich zu bestrafen.
Wunderbar, dann kann Herr Maas gleich den Museumsshop in der Neuen Nationalgalerie dicht machen.

Immerhin gäbe es dann diesen juristischen Graubereich nicht mehr, der zwischen Kategorie 1 und 2 unterscheidet.
Ich finde es erstaunlich, wenn Sozialdemokraten, die in ihrer Geschichte am meisten unter der Vermengung von Moral und Ordnungspolitik gelitten haben, versuchen, ihre Gegner rechts zu überholen. Sowohl auf politischer als auch auf kirchlicher Ebene. Es sind genau diejenigen, die sich die Rosinen der Moralpolitik herauspicken, aber den Rest einfach ignorieren. Der eigentliche Skandal ist, dass die Leute, die kein Problem damit hatten, Familien in das Hartz-IV-Unglück zu schicken, jetzt plötzlich mit dem Schutz der Kinder daher kommen.

Die aus der gewachsenen Diskrepanz zwischen Moral und Strafrecht resultierende Frage ist doch: Wo hört die angemessene Darstellung von Kinderfotos auf? Ist ein Foto, das Kinder in Badekleidung abbildet, schon Pornografie?
Das Problem ist auch folgendes: Es gibt in der Pornoindustrie einen breiten Markt für so genannte Kindfrauen, also Frauen, die mit einer scheinbaren Minderjährigkeit werben, aber eigentlich längst Mitte 20 sind. Gerade in amerikanischen Pornos sind sie beliebt. Will man das auch verbieten? Es ist nämlich sehr schwer zu unterscheiden, vor allem am Bildschirm. 

Warum sind Sie so skeptisch?
Selbst in der größten totalitären Gesellschaft existierten schon immer Subkulturen. Und es ist ein Nebeneffekt der Emanzipation, dass es immer Grauzonen gibt. Es ist ein Zeichen einer befreiten Gesellschaft, dass sie Grauzonen akzeptiert und nicht gnadenlos verfolgt.  

Aber Pädophilie ist keine zu verharmlosende Grauzone…
Ja, aber mal ganz offen: Woher kommen diese Bilder, die Edathy gekauft hat? Vielleicht sind sie aus Facebook zusammengekauft. Man muss nur mal googlen, unter welchem Stichwort man im Internet die meisten Bilder und Videos sexualisierter Art findet. Die sucht man nicht unter „women“ oder „lady“, sondern unter „girl“. Und es ist alles frei auf Youtube erhältlich, man muss nichts bezahlen.

Ihrer Auffassung nach ist also die Bereitschaft gestiegen, sich nackt oder auf erotische Weise abbilden zu lassen?
Ja, besonders unter Kindern und Jugendlichen wird es immer beliebter, ihre Körper freiwillig zu präsentieren.

Welche Bedeutung hat hier die Digitalisierung?
Wir leben heute in einer digitalen Welt, die eine perfekte Masturbation ermöglicht. Sie ermöglicht aber auch, sich den Überwachungsmöglichkeiten des Staates zu entziehen, mal abgesehen von der NSA. Das heißt, es gibt auch die Angst des Staates, endgültig die Kontrolle zu verlieren. Denn gleichzeitig gibt es in den Industrieländern immer weniger Kinder, weshalb alle umso mehr auf sie aufpassen wollen.

Nach einer Studie der Internet-Watch-Foundation landen rund 90 Prozent der so genannten Sexting-Fotos, also die im Freundeskreis unter Teenagern und Jugendlichen verbreiteten Nacktbilder, auf Pornoseiten.
Wenn sie dann nicht merken, dass diese Videos dann jeder anschauen kann, ist das deren Problem und nicht die des Staates. Aber eigentlich ist das gesetzlich geregelt. Es gibt viele Rechtsanwälte, die darauf spezialisiert sind, die Rechte einzuklagen.

Aber es wird ja vermutet, dass die abgebildeten Kinder auf den Fotos, die Edathy bestellt hat, auch Opfer sexueller Gewalt geworden sind.
Dann ist es natürlich etwas anderes. Aber ich möchte es so ausdrücken: Die Darstellung von ringenden Knaben, wie sie womöglich auf den bestellten Fotos abgebildet sind, ist eine Urkonstante der abendländischen Kultur seit dem Altertum. Alle Gemälde und alle Kirchen dieser Welt sind voll mit Abbildungen von nackten Kindern, die ihre Penisse dem Betrachter entgegen recken.

Es kommt doch auch darauf an, wie die Menschen solche Abbildungen oder Fotos nutzen, auch wenn sie vermeintlich legal sind. Viele Psychiater, die Pädophile behandeln, sind der Auffassung, dass Fotos und Videos einen therapeutischen Nutzen haben.
Natürlich ist es fragwürdig, sich an solchen Abbildungen zu erregen. Aber was ist Ihnen lieber? Leute, die verklemmt hinterm Bildschirm masturbieren oder Leute, die in den Park gehen und Kinder missbrauchen? Ich plädiere für erstere. Denn es erfolgt in der Privatsphäre. Und das ist der Punkt: Es geht Heiko Maas überhaupt nichts an, was in der Privatsphäre passiert. Im Übrigen habe ich bisher noch nie von einem deutschen Justizminister gehört, dass er irgendetwas unternommen hätte gegen Gewalt gegen Kinder in Familien. Erinnern Sie sich daran, wie vehement sich Volker Kauder gegen das Gesetz zur Bestrafung von Gewalt in der Ehe gewehrt hat (Anm. d. Red.: Kauder stimmte 1997 im Deutschen Bundestag gegen diesen Gesetzentwurf)?  

Worin liegt der Unterschied zwischen den Diskursen der sexuellen Befreiungsbewegung in den 1970er Jahren zu heute?
Damals war man überzeugt, dass die Gene keine Bedeutung haben und nur das Milieu, die eigene Umwelt auf das Individuum einwirken und es verändern können. In den sozialen und sexuellen Befreiungsbewegungen gab es den Generalverdacht, dass alles Alte faschistisch war. Aus diesem Grund setzten viele besonders auf die Zukunft.     

War das denn ein Grund, warum in manchen dieser politischen Bewegungen so freizügig mit Kindern umgegangen wurde?
Natürlich. Man fühlte sich selbst sexuell unterdrückt und wollte deshalb die Kinder, auch die eigenen, möglichst früh sexualisieren. Sie sollten selbstständig eine freie Sexualität entwickeln, sozusagen als Schlüssel zu einem glücklichen Menschsein. Heute, in Zeiten von Hartz IV und Globalisierungsangst, fällt dies alles weg. Es gibt keine Zukunft mehr, auf die man hoffen kann. Andererseits gibt es die weit verbreitete Ansicht, dass alles in den Genen oder auch Hirnströmen angelegt sein könnte. Das heißt, der gesellschaftliche und wissenschaftliche Drang, dies zu verändern, entfällt. Stattdessen setzt man wieder auf Ordnungspolitik.

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