Dieses Bild ist leider nicht mehr verfügbar
picture alliance

Pädagogen senden Hilferuf - Ein Kitastreik trifft immer die Richtigen

Kolumne Stadt, Land, Flucht. In der kommenden Woche wird sich zeigen, ob die Kitastreiks in eine neue Runde gehen. Vielen Eltern geschähe es recht. Vielleicht wird es manchen erst mit ständiger Quengelbegleitung bewusst, dass sie sich lieber in Demut üben sollten

Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

So erreichen Sie Marie Amrhein:

Zehntausende Eltern schauen bang auf die kommende Woche. Die Schlichtungskommission will ihre Ergebnisse präsentieren und es wird sich herausstellen, ob die Kitastreiks noch einmal fortgesetzt werden. Ein Monat Arbeitsausstand liegen hinter den erschöpften Eltern. Niemand will diese Zeit zurück, in der viele Mütter und Väter ihren Büros den Rücken kehren mussten, in denen Einkäufe mit Quengelbegleitung zur Routine wurden, sich Berge an Papierkram auf Schreibtischen anhäuften und die Wäsche unbeherrschbar aus den Körben quoll.

Gestreikt hatten die Erzieher, um ihrer Forderung nach zehn Prozent mehr Lohn Gewicht zu verleihen. Vordergründig. Denn es geht in diesem Streik nicht nur um die Bezahlung. Der Beruf der Erzieherin sei der bestbezahlte Ausbildungsberuf im Öffentlichen Dienst, so Thomas Böhle, der die Arbeitgeberseite bei den Verhandlungen vor der Schlichtung vertreten hatte.

Heuchlerische Kommentare


Vor allem senden die Pädagogen einen Hilferuf. Geld ist immer nur ein Hilfsmittel, um Wertschätzung auszudrücken. Ein inadäquates. Wir wissen alle, dass es unverhältnismäßig ist, Finanzverwaltern mehr Gehalt zuzugestehen als jenen, denen wir unsere Kinder anvertrauen. Aber diese Ungerechtigkeit ist nicht zu kitten. Umso wichtiger ist die Frage, wie unsere Gesellschaft eine Arbeit aufwertet, der zu wenig Belang und Anerkennung zugesprochen wird. Und hier müssen wir uns an unsere eigenen Elternnasen fassen.

Heuchlerisch nämlich waren in diesem Zusammenhang all die Kommentare, in denen es hieß, der Kitastreik habe die Falschen getroffen. Man habe nicht die Wirtschaft und damit die Politik, sondern die armen Eltern aufs Korn genommen, die für all das gar nichts konnten. So ein Blödsinn.

Die lieben Erzieher treffen mit der erneuten Angst vor einem Streik genau jene, die sie treffen wollen: die Eltern ihrer Zöglinge. Jene Mütter und Väter, die sich jetzt auf Parkplätzen, in Elternrunden und auf Demos solidarisch darüber echauffieren, dass die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner zu wenig auf ihrem Gehaltsscheck haben.

Ihren schärfsten Richtern ausgeliefert


Denn sie sind es auch, die sich über die Erzieher beschweren, wenn die alltäglichen Grabenkämpfe wieder losgehen. Mütter und Väter werden als Kritiker der Erziehungseinrichtungen zu Höllentieren, verteidigen sie doch das Wichtigste, was sie haben. Und die Erzieher sind diesen, ihren schärfsten Schiedsrichtern, täglich ausgeliefert.

Eine von tausenden Szenen aus dem Kindergartenalltag: Es hüpfen in der Turnecke ausgelassen ein paar Kinder auf blauen und roten Matten herum, überall wuseln Eltern, die ihrem Nachwuchs Schläppchen anziehen, Stullen in die Fächer schieben, Küsschen verteilen, der Erzieherin nebenher wichtige Informationen über den Zustand des gerade überbrachten Goldkindes mitteilen. Jene hört zu, nickt, trocknet hier eine Träne, streichelt da einen Kopf und hängt nebenher noch einen Zettel auf, um die Eltern über bevorstehende Aktionen zu informieren. Herbei tritt eine Mutter und fragt in schnippischem Ton, wer denn gerade die Aufsichtspflicht in der Turnecke habe, die Kinder würden dort ja ganz alleine sein. Wohlgemerkt stehen alle Eltern etwa drei Meter daneben.

Der stoische Ausdruck im Gesicht der Erzieherin hat sich mir für Monate eingeprägt. Weder motzte, noch keifte oder zickte sie zurück. Nein, sie schenkte der Helikoptermutter ein freundliches Lächeln. Seitdem bin ich mir sicher: Wer es schafft, mit diesen Eltern umzugehen, der zähmt einen Haufen nervtötender Kitakids mit links.

Ich übe mich seitdem mehr denn je in Demut und habe mir vorgenommen, niemals mehr über einen Erzieher zu urteilen.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.