Oscar-Verleihung - Das gute Gewissen Hollywoods

In der Nacht von Sonntag auf Montag werden in Los Angeles die Oscars verliehen. Die Preisverleihung steht unter dem Stern jüngster politischer Debatten. Doch in erster Linie wird wohl wieder nur leere Symbolpolitik des linken Establishments im Vordergrund stehen

Positionierte sich schon im Präsidentschaftswahlkampf eindeutig: Schauspielerin Meryl Streep / picture alliance

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Ulrich Thiele lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Er schreibt für Cicero Online.

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Sonntagnacht darf sich das liberale Hollywood einmal mehr selbst zelebrieren – und schenkt man so mancher Zeitung Glauben, dann wird die prestigeträchtigste Filmpreisverleihung der Welt politischer und kämpferischer denn je. Das 90. Oscar-Jubiläum soll im Zeichen vom Kampf gegen Rassismus und Sexismus stehen, für kulturelle Vielfalt, Toleranz und die Gleichberechtigung von Frauen und Afroamerikanern. Als Beleg für jene Politisierung wird besonders die viel gepriesene Diversität der nominierten Filme, Schauspieler und Regisseure hervorgehoben. In der stets männlich dominierten Kategorie „Beste Regie“ ist mit Greta Gerwig zum Beispiel eine Frau nominiert, mit Jordan Peele ist in derselben Sparte ein Afroamerikaner vertreten und mit Daniel Kaluuya und Denzel Washington sind zwei Afroamerikaner als beste Hauptdarsteller nominiert.

Die leere Symbolpolitik des Establishments

Neben den üblichen, eher konventionellen Filmen mit braven Botschaften à la „Toleranz ist gut“ (Guillermo del Toros „Shape of Water“) und „Trump ist doof“ (Steven Spielbergs „Die Verlegerin“) sind – das soll nicht verschwiegen werden – natürlich auch einige kluge, ungewöhnliche Filme wie etwa Martin McDonaghs „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und Jordan Peeles „Get Out“ nominiert. Ersterer eine bitterschwarze Drama-Komödie über eine brachial-derbe Mutter, die die Aufklärung der Vergewaltigung und Ermordung ihrer Tochter erzwingen will, letzterer ein leicht komödiantischer Horrorfilm über den versteckten Rassismus weißer, linksliberaler Akademiker.

Damit gar nicht erst Missverständnisse aufkommen: Die Sexismus- und Rassismusdebatten sind wegen aller Hysterie und Vorverurteilungen nicht grundsätzlich wertlos. Die Diskussionen um Gleichberechtigung sind notwendig und sicher nicht durchweg wirkungslos. Doch sollte man sich nicht zu leicht von der kunterbunten Oberfläche der Oscar-Verleihung blenden lassen. Denn schon das überzogen euphorische Aufbauschen und Fetischisieren allein des Geschlechts oder der Hautfarbe der Nominierten und der ach so schönen Botschaft eines Films – sei sie noch so oberflächlich –  zeigen, dass an diesem Abend in Los Angeles wieder einmal Hollywoods Lieblingspolitik die Hauptrolle spielen wird: die leere Symbolpolitik, die Pseudo-Politik, die den Status Quo und das gute Gewissen des liberalen Establishments verwaltet.

Hollywoods liberale Populisten

Am deutlichsten kommt der liberale Populismus zum Vorschein, wenn man das Einmischen bekannter Hollywoodstars in die US-Politik betrachtet. Hollywood ist von Haus aus eine Hochburg des demokratischen Lagers: George Clooney, Leonardo DiCaprio, Richard Geere, Oprah Winfrey, die manche schon als nächste Präsidentschaftskandidatin gesehen haben, und Julianne Moore sind nur einige der namhaften Muster-Philanthropen aus dem demokratischen Lager, die sich neben ihrem sozialen Engagement dementsprechend auch 2016 durch finanzielle oder moralische Unterstützung der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bemerkbar gemacht haben – manche von ihnen sind sogar eng mit der Clinton-Familie befreundet.

Wir erinnern uns: Die mitunter durchaus marktradikale Wall-Street-Clinton der Großkonzerne, die auf der einen Seite Feminismus und Multikulturalismus predigt und auf der anderen Seite Unternehmen, die ihre Produkte unter Sklavenbedingungen in China produzieren, tatkräftig unterstützt. Und die den Irak-Krieg, Nato-Angriffe auf Libyen und folglich die Destabilisierung des Nahen Ostens mit Eifer unterstützt. In Anbetracht dessen wird die Doppelmoral deutlich, wenn etwa eine namhafte Schauspielerin wie Meryl Streep ihre Empörung über Donald Trump lautstark äußert und gleichzeitig flammende Appelle für Clinton hält.

Man kann freilich auch Bauchschmerzen bekommen, wenn Streep sagt, MeToo sei keine elitäre Debatte, da Hollywood das Megafon für alle Frauen der Welt sei. Genauso wie man Bauchschmerzen bekommen kann, wenn etwa die Schauspielerin Jennifer Lawrence dafür kämpft, ebenso wie ihre männlichen Kollegen 20 Millionen Dollar Gage pro Film zu bekommen, und dieser Kampf als Kampf für alle entrechteten Frauen der Welt gepriesen wird.

Susan Sarandon, das gallische Dorf

Ganz Hollywood ist also besetzt von liberalen Populisten? Nein, es gibt ein gallisches Dorf – und eine der Dorfbewohnerinnen ist die Oscar-Preisträgerin Susan Sarandon. Lange Zeit war sie die Vorzeige-Linke Hollywoods und die Hassfigur der Rechten, inzwischen ist sie für das linke Lager eine persona non grata. Warum? Nein, nicht weil sie sich nach rechts gewandt hätte oder ähnliches: Die Bernie-Sanders-Unterstützerin weigerte sich 2016, nach Sanders Niederlage Hillary Clinton zu unterstützen und bezeichnete diese gar als „gefährlich“. Stattdessen gab sie ihre Stimme der unabhängigen Kandidatin Jill Stein. Eine Verschwendung in den Augen des linken Hollywoods, das in seinem Anti-Trump-Fetisch jede Nicht-Clinton-Unterstützung als Pro-Trump-Unterstützung wertete.

Als Sarandon in einem Fernsehinterview gefragt wurde, warum sie nicht Clinton wähle, schließlich sei diese ja eine Frau und Sarandon eine Unterstützerin der Frauenbewegung, antwortete die Schauspielerin trotzig: „I don’t vote with my vagina.“ Auch ihre Äußerungen zu MeToo brachten ihr viele Feinde ein – sie kritisierte den pseudoliberalen Aspekt der Debatte. Dieses Jahr ist Sarandon übrigens nicht für einen Oscar nominiert, im Gegenteil: Für ihre Nebenrolle in der Komödie „Bad Moms 2“ wurde sie für eine Goldene Himbeere – den Anti-Oscar – die am Samstagabend verliehen wird, als „schlechteste Nebendarstellerin“ nominiert.

Ergriffen vom eigenen Gutsein

Sie ist natürlich trotzdem eine hervorragende Schauspielerin und Sarandon hat auch recht, wenn sie sich selbstkritisch vom selbstgefälligen Hollywood der Streeps und Clooneys distanziert und weiterhin zur linken Anti-Establishment-Politik Sanders hält. Dieser hat zumindest die kulturellen Forderungen nach Gleichberechtigung, für die Sarandon steht, nicht von der ökonomischen, sozialen Frage gelöst, die auch die normalen Bürger miteinbezieht.

Diese These ist nicht neu, der Philosoph Slavoj Zizek äußerte sie bereits vor Jahren. Offenbar kann man sie aber nicht oft genug wiederholen, denn noch immer gibt die leere Symbolpolitik den Ton an. Und so dürfen wir uns auf ergriffene Berichte am Montagmorgen freuen, über pathetische Reden und „mutige und klare Zeichen“ gegen Donald Trump (der Lieblingsfetisch der liberalen Populisten), gegen Sexismus und Rassismus – geschmückt mit Bildern von Standing Ovations und vor Rührung weinenden Stars. Wobei nicht ganz deutlich wird, ob wirklich die politischen Statements oder nicht viel eher das eigene Gutsein jene Ergriffenheit auslösen.